Psychologie

Sexuellen Missbrauch kann man nicht vergessen

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Mindestens jeder Zehnte hat in seinem Leben schon einmal einen sexuellen Übergriff erlebt. Dabei muss es nicht immer mit Körperkontakt einhergegangen sein. Oft kennen die Opfer ihre Täter. Psychotherapeut Markus G. Pfeil über Pädophilie und die seelischen Folgen für die Opfer sexuellen Missbrauchs.

Wo fängt sexueller Missbrauch an?

Markus G. Feil: Sexueller Missbrauch ist ein sehr weites Feld. Gesetzlich ist er definiert als sexuell grenzverletzende Handlung, die die Genitalien mit einbezieht. Das kann bei Drohungen schon losgehen. Körperkontakt muss nicht immer gegeben sein. Exhibitionistische Handlungen beispielsweise gelten auch schon als sexueller Missbrauch genauso wie obszöne Anrufe. Das sind sogenannte hands-off-Taten, bei denen es nicht zum Körperkontakt kommt.

Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für die Opfer?

Feil: Ein schwerer Vertrauensverlust ist die Folge. Der Missbrauch kann zu Alpträumen führen, zu Leistungsabfall in der Schule, zu schweren Depressionen, zu Persönlichkeitsstörungen, zu selbstverletzenden Verhaltensweisen. Die Leute können später Probleme haben, eigene Bindungen einzugehen und Familien zu gründen. Missbrauch kann sehr viele Lebensbereiche beeinträchtigen.

In der Regel hilft Vergessen nicht. Ein Beispiel: Sehen Sie sich an, wie viele ältere Menschen anfangen, erst jetzt über schwere sexuelle Misshandlungen im Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Sie haben ihr Leben lang darunter gelitten, auch wenn sie es nach außen hin vielleicht relativ gut gemeistert haben.

Wie muss man mit den Opfern umgehen?

Feil: Es ist wichtig, den Opfern eine neutrale Anlaufstelle zu bieten. Wenn es nur eine interne Stelle gibt, also in dem Umfeld, in dem der Missbrauch passiert ist, wird eine Hürde aufgebaut, die viele Betroffene nicht nehmen. Die Kirchen haben ein weiteres Problem: Sexueller Missbrauch darf in ihrem Umfeld vom moralischen Anspruch her auf keinen Fall passieren. Für die Opfer ist es daher sehr schwer zu begreifen, dass die Person, die sie eigentlich schützen sollte, sie missbraucht hat.

Die vorherrschende Meinung ist, dass vor allem Mädchen und Frauen Opfer sexueller Gewalt werden. Im Missbrauchsskandal der Kirchen sind diesmal vor allem Jungen betroffen. Nehmen Frauen sexuellen Missbrauch anders wahr als Männer?

Feil: Frauen sind diesbezüglich sensibler und eher bereit, sich als Opfer zu sehen. Männer bewerten das anders. Es gibt sehr viele, die als Kinder von Pflegepersonen missbraucht wurden. Sie definieren sich aber oft nicht als Opfer und bagatellisieren die Tat nach dem Motto: „So schlimm war es doch nicht. Das war eben meine erste sexuelle Erfahrung“ Frauen sind auch viel eher bereit, solche Taten anzuzeigen.

Die kirchlichen Missbrauchsfälle haben deutlich gemacht: Viele Opfer sind erst nach Jahrzehnten bereit, den Übergriff anzuzeigen. Ist das ein typisches Verhaltensmuster?

Feil: Das ist oft so. Vor allem, wenn es sich um Opfer handelt, die in ihrer Kindheit von Pflegepersonen, den eigenen Eltern, Lehrern oder Erziehern sexuell missbraucht wurden. Wenn sie es thematisieren, dann oft erst im Erwachsenenalter.

Es gibt derzeit eine Flut von Opfermeldungen. Trauen sich die Menschen jetzt vermehrt an die Öffentlichkeit, weil sie merken, dass sie nicht allein sind?

Feil: Mein Eindruck ist, dass die katholische Kirche weiterhin versucht, die Fälle intern zu regeln. Dadurch können Opfer nicht damit rechnen, dass sie den Schutz genießen, den sie brauchen. Vielleicht trauen sich jetzt in der Missbrauchsdebatte mehr Menschen an die Öffentlichkeit.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob sich alle melden. Denn die Dunkelziffer ist sehr hoch in diesem Bereich. Egal, ob der Missbrauch in einer geschützten Einrichtung passiert ist oder in der Familie.

Ist so ein Vertuschungsmechanismus, wie er jahrzehntelang in der katholischen Kirche geschehen ist, typisch für sexuellen Missbrauch?

Feil: Das ist in der Tat dem sexuellen Missbrauch zu eigen: Es soll sozusagen in der Familie bleiben. Auch in der Bundeswehr werden solche Fälle vor allem intern geregelt. Das ist kritisierenswert. Generell finde ich wichtig, dass das Opfer außerhalb des Systems, in dem es missbraucht wurde, vertrauensvolle Ansprechpartner finden kann.

Immer dann, wenn eine Person, die auf Hilfe angewiesen ist, sich an eine andere wendet, die ihr eigentlich helfen soll, geht es auch um Macht. Und dann kann es zu sexuellen Übergriffen kommen. Das ist überall der Fall, wo es um Schutzbefohlene geht. Die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch finden daher in Familien statt.

Haben Sie genaue Zahlen zu sexuellem Missbrauch in Familien?

Feil: Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Mindestens jeder Zehnte macht in seinem Leben eine Erfahrung eines sexuellen Übergriffs. Das ist die einzige Zahl, die man einigermaßen sicher wiedergeben kann.

Die meisten Sexualstraftaten werden im persönlichen Nahfeld begangen, das heißt Täter und Opfer kennen sich gut. Das Bild vom Fremden, der im Busch lauert und sich das ahnungslose Opfer greift, ist unter den Sexualstraftaten eher die Ausnahme.

Menschen, die mit Kindern zusammenarbeiten – seien es Priester, Ärzte, Lehrer oder Erzieher – müssen immer wieder ein Kind trösten und in den Arm nehmen. Es kommt also automatisch zu Körperkontakt. Verschwimmen da die Grenzen zu sexuellem Missbrauch?

Feil: Pädagogen, Mediziner oder Sporttrainer bewegen sich alle in einem Grenzbereich, denn sie müssen im Rahmen ihrer Berufsausübung Körperkontakt aufnehmen. Kinder setzen sich auf den Schoß oder busseln einen ab. Kinder zeigen auch Erwachsenen ihre Genitalien und sie zeigen sie sich untereinander.

Das berechtigt aber keinen Erwachsenen, sich gegenüber einem Kind genauso zu verhalten und beispielsweise die Genitalien zu berühren. Sexueller Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern geht nicht, das muss verboten sein. Es ist wichtig, dass jemand, der in eine Situation gerät, in der er in einer für ihn unangenehmen Weise berührt wird, klar „Stop“ sagt.

Bei den kirchlichen Missbrauchsfällen berichten die Medien oft vorschnell von pädophilen Priestern. Wie genau ist Pädophilie denn definiert?

Feil: Pädophilie ist die hauptsächliche bis ausschließliche sexuelle Ausrichtung auf Kinder. Sie ist wissenschaftlich betrachtet zunächst einmal genauso eine Ausrichtung wie Hetero- oder Homosexualität. 'Heilbar' ist sie nicht, man kann keine sexuelle Neigung aus einem Menschen raustherapieren. Pädosexuelle Menschen können aber lernen, ihre sexuelle Neigung zu kontrollieren.

Pädophilie ist sicherlich genetisch mit bedingt. Ich gehe aber davon aus, dass der größte Teil jeglicher sexueller Ausrichtung auf Beziehungserfahrungen zurückgeht. Es ist etwas abgedroschen zu sagen: „Die Opfer von heute sind die Täter von morgen“. Im Kern stimmt die Aussage aber.

Die sexuelle Orientierung auf Kinder kann auch phasenweise auftreten und wieder verschwinden. Kinder sind einfach die leichteren Opfer. Die meisten Täter haben oft ein Identitäts- und Durchsetzungsproblem in ihrer Männlichkeit. Konflikte mit Partnern auf Augenhöhe vermeiden sie und weichen auf die schwächeren Kinder aus.

Wie gehen Therapeuten mit Pädophilien um? Denn Betroffene können sich niemand anderem anvertrauen, ohne gesellschaftlich geächtet zu werden.

Feil: Sie können nirgendwohin mit ihrer Sexualität. Die Therapie zielt darauf ab zu sagen, „Du hast diese Neigung, und es bringt nichts, sie vor dir selbst zu verbergen“. Die Therapie will erreichen, dass es beim Phantasieren oder beim Anschauen von Kindern bleibt und dass sexuelle Handlungen an Kindern unterbleiben.

Wie viele Pädophilie gibt es denn?

Feil: Man geht davon aus, dass etwa ein Prozent der Männer pädosexuell sind. Wie viele Pädosexuelle ihre Neigung dann ausleben und sich an Kindern vergreifen, ist wieder eine andere Frage. Es gibt viele Pädophile, die ihre Neigung nicht umsetzen wollen, weil sie wissen, dass das für Kinder schädlich ist. Bei den Frauen ist das Dunkelfeld wahrscheinlich sogar größer. Denn das Thema Frauen als Täterinnen in diesem Bereich ist noch mehr tabuisiert.

In den Medien wird derzeit oft darüber diskutiert, ob es einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie gibt. Was meinen Sie?

Feil: Es gibt wenig wissenschaftliches Material dazu, ob z.B. in der Kirche mehr Missbrauchsfälle passieren als etwa in Sportvereinen. Ich glaube nicht an ein Modell, wonach erwachsene Männer, die Priester werden und sexuell enthaltsam leben, sozusagen vor lauter Druck irgendwann auf Kinder zurückgreifen. Das ist mir zu mechanistisch. Umgekehrt ist es auch schwierig zu sagen, dass der Beruf des Priesters attraktiv für Pädophile ist.

Einen kritischen Punkt sehe ich aber: Die katholische Kirche verspricht durch das Zölibat die Lösung des Problems „Sexualität“. Und dass das für Menschen attraktiv sein könnte, die in dem Bereich ohnehin unausgereift sind, könnte ich mir durchaus vorstellen. Auf Dauer kommt ihr Problem aber wieder zurück, wenn sie bemerken, dass Enthaltsamkeit keine Lösung ist.

Hatten Sie es in der Einrichtung schon mal mit einem kirchlichen Sexualstraftäter zu tun?

Feil: Nein. Wir hatten in den letzten eineinhalb Jahren über 220 Anmeldungen. Da war aber kein einziger Kirchenmann darunter.

Markus G. Feil ist Leiter der Psychotherapeutischen Fachambulanz des Evangelischen Hilfswerks München. In der Einrichtung werden Sexualstraftäter behandelt, für die das Gericht eine Therapie angeordnet hat. Das Gespräch führte Christiane Ried.

( edp/mif )