Gehirnerkrankungen

Besser gleich zum Psychiater und zum Neurologen

Es gibt neurologische Krankheiten, die auch zu psychischen Störungen führen können. Diese Patienten konnten bisher oft nicht optimal behandelt werden. Deswegen hat die Charité in Berlin jetzt die Disziplinen Psychiatrie und Neurologie in einer Klinik vereint. Das spart auch Behandlungskosten.

Auf dem Campus des Universitätsklinikums der Charité im Zentrum Berlins gibt es seit diesem Jahr eine eigenständige Einrichtung, die das zusammenführt, was bei vielen Erkrankungen eigentlich schon immer zusammengehörte: die neurologische und psychiatrische Behandlung von Patienten.

Schon die Mitteilung der Diagnose einer fortschreitenden Gehirnerkrankung, beispielsweise einer multiplen Sklerose oder einer Demenz, kann bei dem Betroffenen zu schweren psychischen Störungen wie Depressionen, Psychosen, Aggressivität und Ängsten führen.

Auf der anderen Seite gehören Depressionen bei bestimmten Hirnerkrankungen, wie etwa Huntingtonsche Chorea („Veitstanz“), bei der Gehirnzellen in bestimmten Regionen absterben, zum Krankheitsbild.

So kommt es, dass sich Patienten mit körperlichen Symptomen und einem psychischen Leiden immer wieder bei Ärzten vorstellen, ohne dass ihre psychische Situation ausreichend beachtet wird oder dass der Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Symptomen erkannt wird. „Tausende von Patienten irren so von Arzt zu Arzt“, sagt der Leiter der Neuropsychiatrie, Professor Josef Priller.

Die 45-jährige Heike Z. hat multiple Sklerose. Sie leidet unter Lähmungen an Armen und Beinen. Am Anfang bereitet die Krankheit nur leichte Schwierigkeiten beim Laufen, weil die Koordination der Gliedmaßen nicht mehr reibungslos funktioniert.

Damals konnte die ehemalige Führungskraft einer Versicherungsgesellschaft ihren Job noch bewältigen, aber nach zunehmenden Beschwerden versank sie in einer tiefen Depression.

„Ich sah einfach keine Zukunft mehr für mich. Multiple Sklerose bedeutete für mich zunehmende Behinderung und Abhängigkeit. Ich konnte an nichts mehr Freude empfinden und auch meiner Arbeit nicht mehr gerecht werden“, berichtet sie im Rückblick.

In der Charité wurde Heike Z. umgehend an die neuropsychiatrische Klinik verwiesen. In langen Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten und mithilfe gezielter medikamentöser Behandlung schöpfte sie wieder Mut und lernte, sowohl die Krankheit multiple Sklerose als auch die Depression anders zu bewerten.x

Wie Heike Z. geht es vielen Patienten: Sie haben große Angst vor so schwerwiegenden Diagnosen wie multipler Sklerose oder Demenz, umso mehr, als diese Diagnosen in der Öffentlichkeit häufig stigmatisiert werden.

„Diesen Ängsten können wir nicht nur durch Aufklärung, sondern auch durch eine fortlaufende Therapie begegnen. Außerdem wissen wir aus unserer klinischen Erfahrung, dass gerade eine Depression den Verlauf vieler Krankheiten ihrerseits verschlimmern kann.

Ein Teufelskreis, den wir durchbrechen wollen“, sagt der Stationsoberarzt der Neuropsychiatrie, Harald Gelderblom. Für dieses Ziel ist nicht selten eine stationäre Einweisung das Mittel der Wahl.

Der Patient bekommt Zeit, sich vom Alltagsstress zu befreien, und erhält Anregungen für die Bewältigung seines weiteren Lebens. Neben der ärztlichen Hilfe werden Bewegungs-, Kunst-, Musik- oder Maltherapien durchgeführt und Entspannungstechniken vermittelt.

Auch nach der Entlassung ist die Betreuung in der neuropsychiatrischen Klinik gegeben. „Manche Patienten werden über Jahre in der Poliklinik weiterbehandelt“, sagt Gelderblom. x Und es gibt noch ein Argument, das für eine Kombination von neurologischer und psychiatrischer Behandlung spricht: Fast jeder sechste Euro im Gesundheitswesen muss für psychische Erkrankungen ausgegeben werden.

Priller ist sich sicher: „Wenn wir als Klinik die gegenseitige Beeinflussung psychiatrischer und neurologischer Symptome therapeutisch behandeln, dann können wir dem Patienten nicht nur optimal helfen, sondern nebenbei auch eine Menge Geld sparen.“