Biodiversität

Viele Fischarten als voll ausgebeutet kategorisiert

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Seit Jahren arbeiten Forscher daran, die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten in den Ozeanen global zu erfassen. Boris Worm, Meeresforscher an der Dalhousie University in Halifax, wundert sich , wie wenig wir über den größten Lebensraum der Erde wissen, wir gleichzeitig aber dabei sind, ihn tiefgreifend zu verändern.

Morgenpost Online : Der größte Teil der Biosphäre ist von Wasser bedeckt. Wie behält man da den Überblick?

Boris Worm : Das ist schwierig. Wir versuchen momentan ja erst einmal, einen Überblick zu bekommen. 1999 kam die erste größere Studie heraus, in der die globalen Muster der Vielfalt einer Artengruppe im Meer überhaupt untersucht wurden. Das war die erste Beschreibung eines Biodiversitätsmusters im Meer. Die Tiere waren Foraminiferen, winzige Einzeller, die hauptsächlich im Salzwasser leben. Für Vögel oder für Säugetiere an Land gab es solche globalen Bestandsaufnahmen schon länger. Seither bemühen sich aber zahlreiche Forscher, für andere Tiergruppen, etwa Haie, Wale oder Thunfische, eine sichere globale Bestandsaufnahme vorzunehmen.

Morgenpost Online : Unterscheidet sich die Artenverteilung im Meer denn stark von der an Land?

Worm : Ja, allerdings. Für das Land wissen wir, dass die meisten Arten in den Tropen vorkommen, besonders in tropischen Regenwäldern. Im Meer sind tropische Riffe oft Inseln der Biodiversität. Außerhalb dieser Riffhabitate sind die Hotspots mariner Lebewesen aber oft nicht in Äquatornähe zu finden. Vielmehr findet man in den Subtropen, also zum Beispiel südlich von Europa auf der Höhe der Kanarischen Inseln, Florida, Hawaii und Australien die meisten Tier- und Pflanzenarten auf einem Fleck. Die Meere unterscheiden sich hier also deutlich von dem Muster, das wir an Land finden. Die höchste Biodiversität findet sich oft etwa 20 bis 30 Grad nördlicher und südlicher Breite.

Morgenpost Online : Das heißt, die letzten weißen Flecken auf den Karten der Biologen sind die Meere?

Worm : Ja, neben den unberührten Flächen der tropischen Regenwälder. Wir fangen gerade erst an, die Mechanismen und Zusammenhänge im Meer zu verstehen – und wir müssen das nun schnell tun. Es gibt etwa 16.000 beschriebene Fischarten im Meer. Jedes Jahr werden etliche neue entdeckt. Im Schnitt findet man beispielsweise alle zwei Wochen eine neue, zuvor unbekannte Hai- oder Rochenart. Es ist eigentlich unglaublich, wie wenig wir wissen über immerhin 70 Prozent des Lebensraumes auf der Erde, beziehungsweise sogar 90 Prozent, wenn man die Tiefe mit einrechnet. Es ist bemerkenswert, dass wir so wenig über die Ozeane wissen, wir gleichzeitig aber dabei sind, sie tief greifend zu verändern.

Morgenpost Online : Wenn wir gar nicht wissen, was in den Ozeanen lebt, wie kann man dann das Auf und Ab von Populationen seriös beschreiben – geschweige denn Artensterben oder einen Rückgang der Biodiversität feststellen?

Worm : Ja, das ist ein Problem. Forscher, die beim Census of Marine Life mitarbeiten und sich Bergrücken im Mittelatlantik ansehen, haben mir 2002 Bilder von bisher unbekannten Tiefseetintenfischen gezeigt. Zwei Jahre später, als sie wieder dorthin kamen, waren bereits die Trawler dort, um Tiefseefische zu fangen. Dies könnte auch zu einem Rückgang dieser Tintenfische führen. Die Befürchtung ist, dass viele dieser Arten verschwinden könnten, bevor wir eine Chance bekommen, sie zu erfassen.

Morgenpost Online : Gibt es denn keine verlässlichen Statistiken über die Artenvielfalt im Meer – immerhin wird doch bereits seit Jahrhunderten Fischfang betrieben …

Worm : Nun, die FAO, die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen, gibt regelmäßig alle zwei Jahre Daten zum Fischfang heraus. Seit etwa 15 Jahren gehen die Fangzahlen zurück. Im Report von 2009 hat die FAO 52 Prozent aller Fischarten als „voll ausgebeutet“ kategorisiert. Das bedeutet, dass die Bestände einigermaßen konstant sind, eine höhere Fischquote wohl aber zum Zusammenbrechen dieser Arten führen würde. Da kann man nicht mehr rausholen. 28 Prozent der Bestände sind überfischt, schon komplett zusammengebrochen oder sind gerade dabei, sich langsam zu erholen. Das heißt also, dass 80 Prozent aller kommerziellen Fischbestände am Limit oder überfischt sind.

Morgenpost Online : An Land ist die größte Bedrohung der Wildtiere die Zerstückelung und Zerstörung ihrer Lebensräume. Zudem werden sie als Nahrung oder Trophäe bejagt.

Worm : Stimmt. Im Meer ist das ein bisschen anders. Hier ist die stärkste Bedrohung zurzeit eindeutig die Fischerei. In der Menschheitsgeschichte bis heute wird das Meer dadurch am meisten bedroht. Praktisch alle Arten, die bisher im Meer durch menschlichen Einfluss ausgestorben sind, sind überfischt worden. Bei etlichen hat die Habitatzerstörung noch zu ihrem Verschwinden beigetragen. Manche Küstenstaaten fangen gar nicht selbst so viel, sondern lassen andere Staaten vor ihren Küsten fischen. Das Meer vor Afrika zum Beispiel wird massiv von europäischen, asiatischen oder russischen Flotten befischt. Da herrscht viel illegaler Fang, und das Management ist sehr unzureichend.

Morgenpost Online : Und Meeresverschmutzung und die Klimaerwärmung?

Worm : Möglicherweise wird der Klimawandel in Zukunft durch übermäßige Erwärmung und Versauerung der Meere die Artenvielfalt bedrohen. Momentan ist das wohl noch nicht der Fall, außer in Korallenriffen, die schon stark unter der Erwärmung tropischer Gewässer gelitten haben. Die Verschmutzung ist global gesehen ein vergleichsweise geringes Problem für die Biodiversität im Meer – in einigen stark verschmutzten Küstengewässern kann das jedoch anders aussehen.

Morgenpost Online : Eigentlich sollte man denken, im Meer können die Tiere ja wegschwimmen. Warum trifft sie der Eingriff des Menschen so stark?

Worm : Ja, das ist einerseits das Faszinierende an den Ozeanen, wie sehr alles miteinander verbunden ist. Das Wasser, das heute noch in der Karibik ist, kann schon im nächsten Jahr in europäischen Gewässern zirkulieren. Aber nicht alle Arten können einfach wegschwimmen. Nur die großen Fische, Schildkröten, Seevögel und Meeressäuger legen weite Strecken zurück. Wale, Haie, Schwertfische, Marline oder Segelfische beispielsweise. Aber sie haben teilweise auch lange und komplizierte Vermehrungszyklen. Wenn man zu viele reproduktionsfähige Tiere fängt, kann das der ganzen Art schaden. Vom Blauflossen-Thunfisch gibt es wahrscheinlich im Atlantik nur noch etwa eine Million ausgewachsene Exemplare. Eine weitere Überfischung könnte diese Art wohlmöglich nicht überleben.

Morgenpost Online: Gerade ist die CITES-Artenschutzkonferenz zu Ende gegangen. Die Verhandlungen, bei denen die Schutzbestimmungen für einige Haie und Thunfisch verschärft werden sollten, sind – aus Sicht von Umweltschützern – verheerend verlaufen.

Worm : Ja, viele Fischarten, von denen wir wissen, dass sie stark bedroht sind, dürfen weiterhin gefangen werden. Hier hinkt die Politik den Erkenntnissen, die es aus der Wissenschaft über die Meerestiere gibt, noch sehr hinterher.

Das Interview führte Pia Heinemann