Bis jetzt konnte nur ein geübter Gaumen ausschließen, ob ein als 50-jährig deklarierter Wein nicht doch vor einem Jahrzehnt gekeltert wurde. In aller Nüchternheit vermögen zwar Physik und Chemie das Alter von Korken, Etikett oder Glasflasche zu bestimmen. Aber die ganze Wahrheit ist immer nur im Wein – und die konnte er bislang für sich behalten. Bis jetzt.


Denn Wissenschaftler aus Bordeaux haben nun ein Verfahren entwickelt, das schonungslos das Alter jedes Weins genau bestimmt. Dazu stechen die Physiker vom Kernforschungszentrum Centre d'Etudes Nucléaires (CENBG) zuerst mit langen Nadeln durch den Korken, um dann ein paar der fragwürdigen Tropfen aus der Flasche zu ziehen. „So muss man die Flasche nicht öffnen, der Wein ist praktisch unangetastet, ein großer Vorteil, n'est-ce pas?“, sagt Philippe Hubert, der das Verfahren entwickelte.


Das Alter erkennt er am Gehalt von Cäsium-137. Dieses radioaktive Isotop wird bei Atomtests freigesetzt – und findet sich seitdem in jedem Lebensmittel wieder. Auch im Wein spiegelt sich also das Atomzeitalter, von den oberirdischen Nuklearwaffentests aus den Fünfzigern und Sechzigern bis hin zur Katastrophe von Tschernobyl.

Mit seinem Verfahren kann Hubert den Wein bis auf ein Jahr genau datieren. Findet er keine Radioaktivität, ist zumindest klar, dass dieser Wein aus der Zeit davor stammen muss. Genaueres liest Hubert vom Glas der Flasche ab. Die Glasereigewohnheiten sind wie die Jahrgänge mit der Zeit gereift: Eine Spektralanalyse beleuchtet den Verschnitt und gibt das Alter der Flasche preis.


Ob das jetzt wirklich die ganze Wahrheit zum Wein sein kann? Eine alte Weisheit aus der Küchenpsychologie lautet: Ein Wein schmeckt immer so teuer, wie er bezahlt wurde.

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