Die Trauer von Menschen, die einen Verwandten oder Freund durch ein Unglück, zum Beispiel einen Flugzeugabsturz, verloren haben, ist nicht davon abhängig, wie viele andere Menschen gleichzeitig den Tod gefunden haben. Die Tragik der großen Zahl empfinden eher jene, die gar nicht unmittelbar betroffen sind.
Im Fall der Katastrophe des Air-France-Fluges AF447 ist es nicht allein die große Zahl der Opfer, die bei vielen Zeitgenossen Unbehagen erzeugt. Was uns nicht zur Ruhe kommen lässt, ist vielmehr die Tatsache, dass die Unglücksursache bislang nicht aufgeklärt werden konnte. Für die Zukunft also nichts aus dieser Katastrophe lernen zu können, sie möglicherweise genau so ein zweites Mal in Kauf nehmen zu müssen, das ist es, was beunruhigt und verstört.
Die Geschichte des technischen Fortschritts ist auch eine Geschichte der Unglücke und Katastrophen. Das gilt für Dampfmaschinen wie für Autos, Elektrogeräte, Kernkraftwerke oder eben Passagierjets. So makaber es klingen mag - praktisch jedes Unglück in der Luftfahrt hat das Fliegen sicherer gemacht. Aus Fehlern lässt sich immer etwas lernen. Deshalb gibt es ja in jedem Flugzeug die Blackboxes.
Doch was war der Fehler, der zum Absturz des Air-France-Airbus führte? Es belastet die Gemüter, dass es auf diese Frage möglicherweise nie eine befriedigende Antwort geben wird. Sollte der mit Menschenleben gezahlte Zoll nicht einmal dafür gut sein, dass sich in Zukunft ein ähnliches Unglück verhindern lässt?
Noch wird fieberhaft nach dem Flugdatenschreiber und dem Voicerekorder der Unglücksmaschine gesucht. Frankreich hat sogar ein Atom-U-Boot entsandt, das die Sonarsignale der Datenkisten am Meeresgrund aufspüren soll. Der Aufwand verdeutlicht, wie wichtig eine nachvollziehbare Aufklärung des Unglücks wäre. Sowohl für die Fluggesellschaft als auch den Flugzeughersteller könnte es nichts Besseres geben als die definitive Klärung der Absturzursache. Dann könnte man schließlich allen verunsicherten Fluggästen sagen: "Schaut her, dies war der Grund für das Unglück. Und weil wir das jetzt wissen, wird sich dieser Fehler künftig vermeiden lassen."
Allerdings wirft das Rätsel um den Air-France-Absturz die Frage auf, warum die technischen Daten, wie sie in den Blackboxes gespeichert werden, nicht bei jedem Flug online via Satellit zur Zentrale der Airline gefunkt werden. In einem Zeitalter, in dem es Passagieren über den Wolken ermöglicht wird, via Satellit im Internet zu surfen und irdische Mails abzurufen, kann es doch kein zu großer Kostenfaktor sein, die wenigen Kilobyte an Daten im Dienste der Flugsicherheit permanent zu senden - oder zumindest dann, wenn es Anomalien zu protokollieren gibt. Die aufwendige und teure Suche nach den orange lackierten Blackboxes wäre dann nicht notwendig, die Unglücksursache möglicherweise bereits aufgeklärt.
Immerhin gilt es als wahrscheinlich, dass die Geschwindigkeitsmessgeräte der Unglücksmaschine den Piloten widersprüchliche Werte geliefert haben. Beim Flug durch eine Gewitterfront nicht genau zu wissen, wie schnell man fliegt, ist schon ein ernstes Handicap. Doch damit allein lässt sich der Absturz nicht erklären. Es ist nur ein Puzzlestein. Sind vielleicht riesige Mengen Hageleis in die Triebwerke gelangt? Haben Aufwinde das Flugzeug in die Höhe katapultiert, wo es aerodynamisch instabil wurde? Spielten Blitzeinschläge eine Rolle? Oder haben die gewaltigen Kräfte im Inneren einer Gewitterzelle schlicht den Rumpf des Jets zerbrochen? Spekulationen über Spekulationen.
Da ist es nur wenig beruhigend, dass inzwischen bei anderen Jets mit dem Austausch der fraglichen Staudruck-Geschwindigkeitsmesser begonnen wurde. Ein wenig haben wir also vielleicht doch schon lernen können, aber das reicht in diesem Fall noch nicht. Gerne würden wir den Fall aufklären und damit "abschließen".
Wenn sich ein Unglück nicht allein technisch verstehen lässt, ist die Versuchung groß, als letzten Ausweg aus der Erklärungsnot menschliches Versagen in Erwägung zu ziehen. Warum ist der Pilot in die extrem heftige Gewitterfront hineingeflogen? Wenn diese, wie Satellitenbilder nahelegen, so ausgedehnt war, dass sie nicht umflogen werden konnte, hätte dann der Pilot nicht umdrehen und zurückfliegen müssen?




