Sie sind berühmt und beliebt, zugleich aber Auslaufmodelle. Die amerikanischen Space Shuttle fliegen ihrem Ruhestand entgegen – jetzt geht auch die „Discovery“ auf ihre letzte Reise. Doch nicht, ohne noch einmal Raumfahrt-Geschichte zu schreiben.
Sie ist so etwas wie ein Talisman der Nasa. Wann immer die US-Raumfahrtbehörde bei der Erkundung des Weltalls mit ihren berühmten Space Shuttle einen Tiefschlag erlitten hatte, auf die „Discovery“ konnte sie sich verlassen.
Gleich zweimal sorgte die Raumfähre mit ihren erfolgreichen Flügen für einen Neubeginn der bemannten Raumfahrt in den USA. Sie war der erste Shuttle, der 1988 nach der Explosion der „Challenger“ wieder abheben durfte. Und nach der „Columbia“-Katastrophe flog sie 2005 ebenfalls als erster Orbiter wieder ins All.
Doch nach einem Leben voller Premieren ist nun die Zeit für ihre Abschiedsvorstellung gekommen. Am kommenden Mittwoch um 15.52 Ortszeit (20.52 MEZ) bricht die „Discovery“ (Entdeckung) vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida zu ihrer letzten Reise auf. Ein Mal noch bringt die älteste aktive Raumfähre sechs Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS, ein letzes Mal muss sie elf Tage später den zerstörerischen Kräften standhalten, denen sie bei der Rückkehr in die Erdatmosphäre ausgesetzt ist. Danach ist OV-103, so die nüchterne Nasa-Bezeichnung, nur noch ein Stück Raumfahrt-Geschichte.
Ganze 39 Mal wird die „Discovery“ dann seit ihrem Jungfernflug im August 1984 ins All geflogen sein, mehr als jeder andere Space Shuttle. Fast genau ein Jahr wird sie im Weltraum verbracht und dabei mehr als 5600 Runden um die Erde gedreht haben. Rund 250 Crewmitglieder legten in ihr unvorstellbare 230 Millionen Kilometer zurück. Hinter der beeindruckenden Statistik verbergen sich viele wahrhaft bedeutende Missionen: Die „Discovery“ brachte das Weltraumteleskop „Hubble“ auf den Weg. Und sie dockte als erster Shuttle an die russische Raumstation „Mir“ an.
Doch bevor das Raumschiff zum Ausstellungs- und Forschungsobjekt wird, darf es noch einmal ein Geschichte schreiben - hat sie doch ein kurioses „Crewmitglied“ an Bord. Erstmals nimmt ein Shuttle einen humanoiden Roboter mit ins Weltall. Der „Robonaut 2“ (R2) hat mit seinem Kopf und den Armen zwar tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Menschen, allerdings fehlen der 150-Kilo-Maschine die Beine. Mit R2 will die Nasa bald in Experimenten auf der ISS herausfinden, wie Roboter in der Schwerelosigkeit zurechtkommen – und ob sie den Astronauten einmal bei komplizierten Arbeiten zur Hand gehen könnten.
Bedeutend ist die Shuttle-Mission Nummer 133 unter der Leitung von Kommandant Steve Lindsey aber auch, weil sie das letzte wichtige Anbaumodul für den amerikanischen Teil der ISS ins All liefert. Ihr neues „Zimmer“ soll den Bewohnern der Weltraum-WG künftig unter anderem als weiteres Labor dienen. Zudem hievt der Shuttle ein Ersatzteillager zur ISS, das von außen an die Station angebracht wird. Die Vorbereitungen dafür treffen die Astronauten unter anderem bei den zwei geplanten Weltraumspaziergängen.
Mit den Großlieferungen erreicht die Nasa ein selbstgestecktes Ziel. „Wir lösen unser Versprechen ein, dass wir die ISS in die absolut beste Konfiguration bringen würden, bevor wir die Shuttle in den Ruhestand versetzen“, sagt Nasa-Manager John Shannon. Die Behörde muss ihre altersschwachen Orbiter endgültig einmotten. Denn die Zukunft der bemannten US-Raumfahrt liegt nach dem Willen von US- Präsident Barack Obama in der Hand privater Unternehmen.
Beenden wird die Shuttle-Ära der Flug der „Endeavour“ im Februar. Zumindest nach bisherigen Planungen. Denn noch hofft die Nasa auf Geld vom Kongress für einen weiteren Start der eigentlich schon ausrangierten „Atlantis“ im Sommer, um die ISS-Besatzung mit zusätzlichen Vorräten versorgen zu können. Eigentlich steht die „Atlantis“ nur noch als Notfallvehikel zur Verfügung. Sie hat ihre Abschiedstour im Mai absolviert und soll möglichst bald ins Museum.
Die „Discovery“ hingegen erwartet nach ihrer Rückkehr Mitte November zunächst ein anderes Schicksal. Die NASA will sie gründlich auseinandernehmen und dabei Bauteile begutachten, die Ingenieure seit der Konstruktion der Raumfähre vor mehr als 30 Jahre niemals zu Gesicht bekommen haben. Die „Autopsie“ solle Erkenntnisse für den Bau künftiger Raumschiffe liefern, sagt Shannon. „Auch nach der Landung der „Discovery“ werden wir nicht damit fertig sein, etwas über den Weltraum zu lernen.“
dpa/oc





