Psychologie

Wenn Zwänge das Leben kontrollieren

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Foto: ae / Zentralbild

Jeder Mensch hat seine Macken und Ticks. Bei manchen Menschen weiten sich diese jedoch zu krankhaften Zwängen aus und bestimmen das ganze Leben. Menschen mit Zwängen wissen, dass sie übertrieben reagieren – aber sie können sich nicht gegen den Zwang wehren. Daher kann auch hier nur eine Therapie helfen.

Sie duschen stundenlang, weil sie sich vor Schmutz fürchten. Andere kontrollieren den Herd oder die Haustür unzählige Male, weil sie Angst vor einer Katastrophe haben. Wiederum andere kommen von dem Gedanken nicht los, ihre Kinder zu töten. Viele Menschen haben Macken, die von anderen belächelt werden. Wenn diese Macken aber das gesamte Leben bestimmen und der Betroffene sehr darunter leidet, ist Hilfe unbedingt erforderlich. Menschen mit Zwangsstörungen sind psychisch krank und müssen behandelt werden. „Sie erkennen, dass ihr Tun im Prinzip unsinnig oder zumindest übertrieben ist, sie können sich aber nicht dagegen wehren“, sagt Oberarzt Bernhard Osen von der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck. „Sie fühlen sich verrückt bei klarem Verstand“.

Rund eine Million Menschen müssen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen ständig waschen, putzen, kontrollieren, sammeln, ordnen oder zählen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ein nicht zu unterdrückender innerer Impuls sie zu bestimmten zwanghaft wiederholten Gedanken oder Aktivitäten treibt. Sobald die Zwangshandlung erfüllt ist, klingen Angst und Unruhe für eine begrenzte Zeit ab. Anders als der Wahnkranke verliert der Zwangsneurotiker aber nie den Bezug zur Realität. Er sieht, wie sehr das Privat- und Berufsleben unter seiner Erkrankung leiden. Doch allein mit Willenskraft und Disziplin wird der Zwang nicht unterdrückt.

Mangel an Therapeuten

Die genaue Ursache der Krankheit ist nach Expertenangaben unbekannt. Vermutet wird allerdings ein ungünstiges Zusammenwirken von psychosozialen Faktoren und körperlicher Veranlagung. Die Zwangsstörung beginnt meist im frühen Erwachsenenalter und ist in 85 Prozent der Fälle vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt. Frauen sind gleichermaßen betroffen wie Männer. Während Frauen eher dem Waschzwang verfallen, müssen Männer häufiger zwanghaft kontrollieren.

Von den eine Million Betroffenen wird nur ein kleiner Prozentsatz fachgerecht behandelt, kritisiert der Bamberger Professor Hans Reinecker, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Gesellschaft für Zwangserkrankungen. „Im Schnitt dauert es sieben bis zehn Jahre, bis die Patienten die richtige Behandlung bekommen“. Hauptgrund ist vor allem das Fehlen entsprechend ausgebildeter Therapeuten. „Für rund 8.500 Zwangspatienten steht gerade mal ein Therapeut zur Verfügung“, sagt Reinecker.

Zwanghaftes Haareausreißen

Die Hamburgerin Antonia Peters, Vorsitzende der Gesellschaft für Zwangserkrankungen, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über die psychische Krankheit aufzuklären. Seit 1970 litt sie unter Trichotillomanie, zwanghaftem Haareausreißen. Schätzungen zufolge sind 400.000 bis 800.000 Deutsche an dieser Impulskontrollstörung erkrankt. „Damals konnte mir niemand helfen“, erinnert sie sich. Erst nahezu 30 Jahre später hat sie durch eine Studie der Hamburger Universität ihre Krankheit diagnostizieren können.

Die daraufhin eingeleitete Arzneitherapie hat ihr nur kurzzeitig geholfen. Erst als sie parallel dazu eine einjährige Verhaltenstherapie durchlief, bekam sie ihren Zwang in den Griff. Seitdem ist sie in ganz Deutschland unterwegs, um Vorträge zu halten, Selbsthilfegruppen aufzubauen und Forschungen anzustoßen. Das Telefon für Betroffene wird nach Peters Angaben pro Tag von bis zu 20 Ratsuchenden angewählt.

Um die Zwänge in Griff zu bekommen, empfehlen Experten die Konfrontation mit den größten Ängsten. In Vorbereitung darauf müssen sich die Patienten gedanklich damit auseinandersetzen, wo und wann die Ängste am häufigsten auftreten. „Menschen mit Waschzwängen stören am meisten schmutzige Böden und Türgriffe“, sagt Antonia Peters. Diese Menschen müssen in der Therapie den vermeintlich schmutzigen Fußboden anfassen und sich dann aufs Sofa setzen. „In den ersten Therapiestunden löst das große Ängste aus“, sagt Peters. „Später merken sie, dass nichts Schreckliches passiert, wenn sie nicht sofort die Hände waschen.“ Die Anspannung sinkt. Nach vielen weiteren Übungen merken die Betroffenen: Ich bin der Herr meiner Zwänge.