Dem Mann, der vor gut 50 Jahren mit einer schlichten, aber genialischen Idee die Bauindustrie und praktisch jede Wohnung, jedes Zimmer weltweit entscheidend verändert hat – diesem Mann ist wieder etwas Neues eingefallen. Es klingt skurril, aber nach seiner Dübel-Jahrhundertidee beschäftigt sich Artur Fischer, knapp 90 Jahre alt, mit Kinderkram. Er ließ eine neue Fabrik errichten – für Kinderspielzeug, essbar, kompostierbar, patentiert. Artur Fischer stellt es aus nichts als Kartoffelstärke her.
Artur Fischer, ein schwäbisch-strebsames Kind aus ärmlichen Verhältnissen, hat es spät, dann aber gewaltig zu Reichtum und Ruhm gebracht. Die Fischer Unternehmensgruppe lebt ganz von Fischers Erfindungen. Das Familienunternehmen beschäftigt 3400 Mitarbeiter, der Jahresumsatz liegt bei 560 Millionen Euro.
Von den mehr als 570 deutschen Patenten Fischers sind zwei Erfindungen epochal gewesen – der synchrone Fotoblitz und der Dübel. Beide fanden sofort nach ihrer Entwicklung weltweite Verbreitung.
Artur Fischer kam 1919 im schwäbischen Tumlingen zur Welt, einem Schwarzwalddorf nahe Freudenstadt – dort ist Fischer sein Leben lang geblieben, er verließ die Gegend nie, von Geschäftsreisen abgesehen.
Der Vater war Schneider, die Mutter verdiente mit Lohnbügeln hinzu. Artur brachte die Volksschule und eine Bauschlosserlehre hinter sich. Nach dem Krieg kam Fischer durch eine kuriose Szene auf jene Idee, mit der er sich wenig später wirtschaftlich unabhängig machte. In der dunklen, zugestellten Mansardenwohnung der Fischers hatte sich 1948 eine Fotografin geweigert, die gerade geborene Tochter abzulichten – bei der offenen Stichflamme des Magnesium-Blitzes sei die Feuergefahr zu groß. Nicht an den Nachteilen des lichterloh hochschießenden Brandblitzes entzündete sich Fischers Idee. Aber er tüftelte eine Vorrichtung zusammen, die die Stichflamme exakt zum Belichtungs-Zeitpunkt mit einem Auslöser zündete – Fischer synchronisierte Kamera und Blitz. Die Firma Agfa, damals Marktführer mit einem Blitzlichtpatent, sicherte sich unverzüglich die Vermarktungsrechte, wie auch die gesamte Produktion des ersten, neugegründeten Fischer-Unternehmens.
Die Erfindung, die Fischer die hingebungsvolle Dankbarkeit von Millionen Handwerkern einbrachte und allen, die irgendwann einmal eine neue Wohnung bezogen – diese Erfindung ist nicht voll und ganz seine eigene Schöfpung gewesen. Den Dübel gab es schon im Mittelalter – man verwendete weiches Blei, später auch Holz. Ende der 50-er Jahre stellte eine Aluminium- oder Blechhülse mit Hanffüllung den Spitzenstand der Befestigungs-Technik dar. Bei morschen Backstein-Wänden mit brüchigem Putz und mürbem Mörtel war dieser Dübel im Bohrloch eine letzte und hoffnungslose Verzweiflungstat. Festen Halt gab diese Hülse nur im vollen Backstein, in einem präzis gebohrten Loch aus hartem Material.
Seinen ersten Dübel-Prototypen fertigte Fischer noch aus Nylon – witterungsbeständig wie das heute verwendete Polyamid, elastisch, wärmeunempfindlich. Die Form wiederum eine Hülse, aber vorn geschlitzt – die eingedrehte Schraube spreizte den Dübel auseineinander, der Dübel krallte sich mit seinen Rillen im Bohrloch fest. Zwei kleine Flossen seitlich am Schaft sicherten den Dübel gegen Verdrehen ab. Das Prinzip hat Fischer um unzählige Varianten für komplizierte, auch hochbelastete Anwendungen bereichert – und wie beim synchronen Fotoblitz zeigte Fischer auch beim Dübel sein zweites großes Talent – den wirtschaftlichen Ertrag seiner Erfindung ganz bei sich zu behalten. Das Dübel-Werk, das Fischer in seinem Geburtsort errichten ließ, produziert mittlerweile täglich mehr als zehn Millionen original Fischer-Dübel-Exemplare.
Fischer erfindet immer noch, unentwegt, eine automatische Eierköpf-Maschine beispielsweise. Sie kam aber mit der Natur nicht zurecht, die Schalen waren oft allzu dünn oder zu dick. Durchgedrungen allerdings ist Fischer mit einer pädagogischen Idee, die hunderttausende kleine, ideenreiche Fischers hervorgebracht hat – den Fischertechnik-Baukasten für bastelwütige, konstruktiv begabte Jungs mit Sinn für Technik.
Für die Dübel- Idee von 1958 allerdings ist die behauste Menschheit Herrn Fischer ein Denkmal schuldig.





