Sicherheit

Teurer Chemikalien-TÜV mit vielen Versuchstieren

Jeder Autobesitzer weiß, wie teuer der TÜV kommen kann. Wissenschaftler aber sind nun überrascht, wie viel der "Chemikalien-TÜV" kostet, den die EU vor zwei Jahren eingeführt hat. Unter den fallen sehr viel mehr Substanzen als erwartet. Und: Das neue Procedere kostet Millionen von Versuchstieren das Leben.

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Jeder Autobesitzer weiß, wie teuer der TÜV kommen kann. Als die EU daher am 1. Juni 2007 eine Art Chemikalien-TÜV einführte, hatte sie vorab die Kosten für diesen "Reach" (Verordnung zur Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien) genannten Sicherheitstest schätzen lassen, um teuren Überraschungen vorzubeugen. Zwischen 1,2 und 2,4 Milliarden Euro sollten es sein.

Die wahren Kosten dürften gewaltig darüber liegen, schreiben der Toxikologe Thomas Hartung von der Universität Konstanz und der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und die Chemikerin Costanza Rovida aus dem italienischen Varese im Fachmagazin "Nature". Nach ihrer Rechnung dürfte Reach nicht nur ungefähr 9,5 Milliarden Euro teuer werden, sondern auch 54 Millionen Versuchstiere das Leben kosten. Zudem habe die EU gar nicht die Kapazitäten, um den Chemikalien-TÜV durchzuziehen.

Aus der Luft gegriffen sind die Berechnungen nicht, bestätigt Manfred Liebsch vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin: "Das ist durchaus realistisch." Droht die für die Sicherheit der EU-Bürger gedachte Verordnung also zu scheitern?

Wer in der EU im Jahr mehr als eine Tonne einer Chemikalie herstellt, muss nachweisen, dass sie Umwelt und Menschen nicht gefährdet, verlangt Reach. Und das unabhängig davon, ob er die Verbindung gerade auf den Markt bringt, oder ob sie bereits seit Jahrzehnten gehandelt wird. "Für diesen Nachweis sind keineswegs immer neue Versuche notwendig, auch alte Informationen aus früheren Untersuchungen sollen zur Beurteilung herangezogen werden", erklärt Liebsch. Nur wenn die Daten zu den Altsubstanzen nicht ausreichen, müssen Tests nachgeholt werden. Stellt sich dabei eine Gefährdung heraus und gibt es als harmlos eingestufte Alternativen, muss der Hersteller diese in Zukunft einsetzen.

Als eine Gruppe von BfR-Forschern aber 2003 die Kosten für Reach abschätzte, mussten sie von den damals 15 EU-Ländern ausgehen, erinnert sich Liebsch. Seither sind zwölf weitere Länder beigetreten, und die Nicht-EU-Staaten Schweiz, Norwegen und Island machen ebenfalls bei Reach mit. Nicht nur die Zahl der Länder nahm gewaltig zu, auch die der Hersteller und Chemikalien. In den meisten Jahren wächst auch die Produktion an, und immer wieder kommen neue Verbindungen auf den Markt.

Diese Entwicklung schlägt sich überdeutlich in der Anmeldung für Reach-Chemikalien im zweiten Halbjahr 2008 nieder. Rechnete die EU noch mit 27 000 Firmen, die 180 000 Voranmeldungen einreichen könnten, überforderten tatsächlich 65 000 Firmen mit 2,7 Millionen Voranmeldungen die zuständigen Stellen. Statt der erwarteten 29 000 Chemikalien wurden mehr als 140 000 registriert.

Die Entwicklung hat damit die offiziellen Schätzungen der EU weit übertroffen, die von 7,5 Millionen notwendigen Versuchstieren für Reach ausgingen. Daher setzten sich Thomas Hartung und Costanza Rovida an ihre Computer, tippten die neuen Zahlen ein - und kamen auf die drastisch höheren Zahlen.

Teuer sind bei Sicherheitsanalysen vor allem die Tierversuche. Besonders aufwendig sind dabei die Fortpflanzungsexperimente: "Um zu testen, ob eine Substanz die Augen reizt, sind drei Versuchstiere pro Chemikalie nötig, während die Reproduktionsmedizin für die gleiche Substanz 1500 Ratten einsetzt", erläutert Liebsch.

Mit gutem Grund aber möchte niemand auf diese Fortpflanzungsversuche verzichten, bei denen trächtigen Ratten die untersuchte Chemikalie verabreicht wird: Zwischen Oktober 1957 und November 1961 nahmen viele Schwangere das Medikament Contergan gegen Übelkeit, das sich in Tierversuchen als sehr sicher erwiesen hatte. Trächtige Ratten waren damals nicht im Versuchsrepertoire, der Contergan-Wirkstoff Thalidomid aber schädigt die Entwicklung von Embryonen. Allein in Deutschland kamen zwischen 5000 und 10 000 Kinder zur Welt, deren Gliedmaßen nicht vollständig entwickelt waren.

90 Prozent aller Reach-Versuchstiere aber werden für solche Fortpflanzungsversuche eingesetzt, die 70 Prozent der Kosten verschlingen, geben Hartung und Rovida an. "Genau hier versuchen wir seit einiger Zeit, die Zahl der eingesetzten Versuchstiere erheblich zu reduzieren", erklärt Liebsch. Während heute nicht nur die trächtigen Ratten untersucht werden, sondern auch die Fortpflanzung von deren Nachkommen analysiert wird, wollen Forscher und Behörden im Rahmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf diese zweite Vermehrung und damit auf die meisten Versuchstiere verzichten.

Stattdessen soll die erste Gruppe von Rattennachkommen genauer unter die Lupe genommen werden. "Bis dabei die Interessen von 30 OECD-Mitgliedsstaaten unter einen Hut gebracht sind, dauert es hoffentlich nicht zu lange", sagt Liebsch. Andernfalls würde sich der Chemikalien-TÜV für die Reach-Länder doch noch als unbezahlbar erweisen.