Tiere

Bei den Erdmännchen führen Frauen das Regiment

| Lesedauer: 5 Minuten
Elke Bodderas

Sie mobben, sie führen Krieg, und sie sind liebevoll: Erdmännchen sind die sozialsten aller Säugetiere – allerdings regieren bei ihnen auch die Frauen. Im Zoo ziehen sie die Besucher mit ihren putzigen Gesichtern magisch an. Ihr Familienleben erinnert in vielen Zügen auffällig an das des Menschen.

Wellensittich, Hamster, Hund. Aber das klügste und verständnisvollste Haustier, das es weltweit gibt, lebt weit weg. Erdmännchenvölker gibt es praktisch nur in Afrika. Während sich Koi-Karpfen, Chinchilla und Vogelspinne in Europa längst eingebürgert haben, sind Erdmännchen extrem exotisch geblieben. Und das, obwohl man sie nicht einmal zähmen müsste. Erdmännchen haben keine Angst vor dem Menschen – weder in freier Wildbahn noch in Gefangenschaft. Im zoologischen Katalog gibt es kein Säugetier, das so neugierig ist und so sozial. Und dessen Lieben, Hassen, Kämpfen, Fressen und Sterben so sehr an unser eigenes Leben erinnert.


Kino aus der Kalahari - wie seinerzeit Lassie oder Clarence, der schielende Löwe, sind die Erdmännchen ab kommende Woche als Schauspieler zu sehen. "Wächter der Wüste" heißt der neue BBC-Kinofilm von James Honeyborne. Es geht um einen Erdmännchenclan in der rotsandigen Halbwüste im südlichen Afrika.


Erdmännchen leben in Großfamilien, sind meisterlich im Mobben und Piesacken von Clanmitgliedern. Sie führen leidenschaftliche Bandenkriege, verehren ihre Eltern, opfern sich für ihre Geschwister auf. Ihr Zusammenhalt macht sie so stark, dass sie gemeinsam große Giftschlangen besiegen. Die Tiere sind, mit ihren geraden Nasengesichtern und dunklen Augen, nicht nur äußerst ausdrucksstark, sondern auch sehr telegen: Der BBC-Film ist die Geschichte vom kleinen Erdmännchenjungen Kolo und seiner Familie. In Big-Brother-Manier folgt die Kamera dem Kleinen in die engen Schlauchgänge des Baus, huscht auf Augenhöhe durchs struppige Gras.


Was hierbei sichtbar wird ist am ehesten mit den Gewohnheiten eines Cosa-Nostra-Mitglieds zu vergleichen. Wie in einer Mafiahierarchie teilen sich die Angehörigen eines Clans die Arbeit in streng festgeschriebenen Rollen. Was der Film allerdings nicht zeigt - und was einen Boom der Verhaltensforschung ausgelöst hat, ist dies: Für die Gemütlichkeit der Großfamilie zahlen beide Geschlechter der Erdmännchen einen hohen Preis - sie verzichten auf Sex. Nachwuchs ist einzig Sache der Königin.


Vater und Mutter regieren den Trupp, die Regentschaft ähnelt jener von Queen Elizabeth und Prince Philip: Als Königin hat sie unbestritten die Führungshoheit. Am Hof herrscht Inzuchtverbot, niemals würden Geschwister untereinander kopulieren. Diese Regeldisziplin, dazu ihre Klugheit und Lebensfreude, macht die afrikanischen Raubtiere zu intensiv studierten Forschungsobjekten. "Erdmännchen liefern uns entscheidende Einsichten in die Entstehung von Gemeinschaften mit ihren Regeln", sagt Tim Clutton-Brock, Verhaltensbiologe von der Universität Cambrigde. "Das Leben der Erdmännchen ist ein großer Widerspruch zur Evolutionstheorie. Danach müsste sich der Lebenserfolg einer Art nur nach der Zahl der Nachkommen bemessen lassen", sagt Clutton-Brock. Warum also verzichten Erdmännchen auf Sex und ordnen sich zudem in Knechtschaft fürs Allgemeinwohl unter?


Clutton-Brocks Theorie hierzu lautet: Im scharfen Überlebenskampf der Wüste haben sich alle bekannten Verhaltensmuster als unbrauchbar erwiesen. Als überlebensfähig hat sich nur das archaische Gemeinwohl-Modell bewährt. Es ist am ehesten mit einem Ameisen- oder Bienenstaat vergleichbar - aber glücklicherweise für Verhaltensbiologen deutlich leichter zu untersuchen. Clutton-Brock schwärmt von einem "Jackpot der Forschung": Die Tiere sind so zutraulich, dass sie ihr ganzes Leben bereitwillig vor den Augen der Biologen ausbreiten. Ihre Neugier, ihre Frechheit und Fresslust sind so groß, dass sie sich leicht mit Händen greifen lassen. Es ist ein Leichtes für die Wissenschaftler, die Tiere mit Funkchips oder Farbklecksen zu markieren.

Im Erdmännchenclan gibt es nur drei Berufe: Wächter, Babysitter, Nahrungsbeschaffer. Kolos Brudertier gehört zu den Wächtern. Der Film zeigt ihn immer und unentwegt im Einsatz. Ist Gefahr im Verzug, pfeift der Wächter seine Warnung in die Luft - und der Rest des Clans unterscheidet sofort, wie ernst er es meint: Entweder wuseln die Tiere weiter umher oder retten sich so schnell es geht in ein Loch.

Neue Beobachtungen haben ergeben, dass Erdmännchen zudem unterscheiden, ob der Feind aus der Luft oder übers Land kommt. Und, ob er weit weg ist oder schon tödlich nah. Der Wächter opfert sich sogar: Im Film ist Kolos Bruder der Erste, der stirbt. Die Babysitter bleiben bei den Kleinen, während der Rest auf die Jagd geht, nach Skorpionen gräbt, Schlangen tötet oder Echseneier raubt. Die Kindergärtner sind weiblich - und können bei Bedarf sogar säugen, obwohl sie selber keine Kinder haben und auch nie bekommen werden.

Die Selbstlosigkeit macht sich bezahlt: Je stärker die Chefin, desto größer, mächtiger ist ihr Clan. Sie hält die Gruppe zusammen. Stirbt ihr Gefährte, betrauert sie den Verlust - und sucht sich einen neuen. Stirbt sie, so ist das das Ende der Familie. Der Clan geht zugrunde, zerstreut sich im Sand der Wüste. Wie ein Bienenstaat, der außerhalb der Brutzeit die Königin verliert.