Sprache

Pfeifende Heringe und plaudernde Dorsche

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Der Spruch „stumm wie ein Fisch" passt nicht. Forscher fanden heraus, dass Fische untereinander in Lauten kommunizieren, und das schon seit mehr als 400 Millionen Jahren. So pfeifen Heringe und plaudern Dorsche. Und auch der Mensch hat die Grundlage seiner verbalen Kommunikation von den Fischen geerbt.

Heringe pfeifen, Dorsche plaudern und der Brosme, ebenfalls aus der Dorschverwandtschaft, gibt so etwas wie ein Brüllen von sich. Längst haben Biologen nachgewiesen, dass der alte Spruch "stumm wie ein Fisch" nicht zutrifft. Fische kommunizieren untereinander mit den unterschiedlichsten Lauten, und das tun sie schon seit mehr als 400 Millionen Jahren, wie amerikanische Forscher heute im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten. Sogar Menschen haben die Grundlagen ihrer verbalen Kommunikation von den Fischen geerbt.

Neugeborene müssen das Weinen nicht erst lernen, es ist angeboren, und Menschen können auch lachen und stöhnen. Alles Lautäußerungen, deren Wurzeln tief zurückreichen - zurück bis zu den ersten Wirbeltieren, den Fischen. Das ausgefeilte Sprachvermögen des Menschen besitzt eigene neuronale Grundlagen, aber die physikalische Lauterzeugung mithilfe des Luftstroms aus der Lunge basiert letztlich auf den uralten Wurzeln.

Andrew Bass von der Cornell University in Ithaca (US-Staat New York) und seine Arbeitsgruppe untersuchten drei Arten aus der Gruppe der Froschfische, die an der Ostküste Amerikas leben und sich mit Grunz- und Knurrlauten verständigen. Diese Fische besitzen im hintersten Hirnabschnitt, dort wo das Gehirn ins Rückenmark übergeht, einen Regelkreis aus mehreren Nervenzellen, der das rhythmische Knurren und Grunzen generiert.

Nach dem gleichen Muster organisierte Strukturen an derselben Stelle im Zentralnervensystem finden sich auch bei Amphibien, Vögeln und Affen bis hin zum Menschen. Die am nächsten liegende Erklärung für diese Parallelen ist, dass jener neuronale Regelkreis für die Lauterzeugung nur einmal, und zwar sehr früh in der Evolution der Wirbeltiere entstanden und über 400 Millionen Jahre lang konservativ weitervererbt worden ist.

Fische steuern mit ihren Lauten ihr Sozialverhalten. Mit Knurren und Grunzen verteidigen Froschfische ihr Territorium und locken zur Paarungszeit Sexualpartner an. Pfeifende Heringe und plaudernde Dorsche sorgen für den Zusammenhalt des Schwarms. Quakende Frösche und singende Vögel suchen ebenfalls einen Geschlechtspartner, und Menschen teilen mit Weinen oder Stöhnen der Umwelt ihre jeweilige Stimmung mit.

In den archaischen Lautäußerungen bis hin zur vollendeten Sprache ist das physikalische Prinzip immer dasselbe. Das Individuum versetzt Luft in Schwingungen, die sich als Schallwellen ausbreiten und von einem Gegenüber empfangen werden. Fische machen das mithilfe ihrer luftgefüllten Schwimmblase, Vögel und Säugetiere bringen mit einem Luftstrom aus der Lunge Stimmbänder zum Schwingen.

In der Entwicklung von Fischen bis zu Menschen ist die grundlegende Hirnstruktur immer gleich geblieben. Verändert haben sich lediglich die ableitenden Nervenfasern, die die Befehle zu den ausführenden Muskeln an Schwimmblase beziehungsweise Lunge und Kehlkopf leiten. Hätten die so lange für stumm gehaltenen Fische nicht schon das Grunzen, Pfeifen und Plaudern erfunden, der Mensch hätte vermutlich nie die Sprache entwickeln können. Eine der wenigen Eigenschaften, die ihn eindeutig von der Tierwelt abgrenzt.