Ausstellung

Kostbare Exponate aus dem Archiv des Lebens

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Lust auf eine Begegnung mit dem ewigen Leben? Schloss Gottorf zeigt die mit 150 Exponaten weltweit größte Ausstellung tierischer und menschlicher Mumien. Sie erzählen nicht nur Geschichten von früher. Ohne Gruseleffekt erlauben sie einen tiefen Blick in das, was wir gemeinhin Jenseits nennen.

Eine Klimakiste wirkt wie eine Thermoskanne: was hinein kommt, kann bei konstanter Temperatur transportiert und eine Weile gelagert werden. Der sympathische argentinische Brüllaffe, normalerweise im Magazin der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen beheimatet, hat gerade eine Reise in einer solchen Kiste hinter sich. Bei dem empfindlichen Wesen, das seinen aristokratischen Gesichtsausdruck seit vorkolumbischer Zeit unverändert beibehalten hat, handelt es sich um eine Mumie Altamerikas. Der Affe logierte bis vor kurzem in den Reiss-Engelhorn-Museen (rem) in Mannheim, der ersten Station der archäologischen Ausstellung „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“. Die Schau ist ab Sonntag auf Schloss Gottorf zu sehen, zum zweiten und letzten Mal.

Der heimgekehrte Brüllaffe ist eines von rund 150 gezeigten Stücken. Als er ausgepackt und eine schützende Schaumstoffschicht nach der anderen entfernt wird, kommt prächtiger Schmuck aus Nandu-Federn ans Licht, der die Mumie wie ein Gewand umhüllt. Wer ihm das Federkleid aus welchen Gründen anlegte und wie es zur Mumifizierung kam, wissen wir nicht, denn das Tier blieb bisher weitgehend unerforscht.


Den meisten neben ihm präsentierten Mumien wurde größere Aufmerksamkeit zuteil. Nicht nur den beiden – jedem Gottorfbesucher wohlbekannten – Moorleichen von Windeby und Rendswühren, sondern auch einer besondere Mumiengruppe aus Mannheim. In den Depots der Reiss-Engelhorn-Museen nämlich wurden vor vier Jahren 20 Exponate wiederentdeckt, die man teilweise als Kriegsverluste geführt hatte. Der Fund stieß das rem-Mumienforschungsprojekt an, das der Ausstellung zugrunde liegt. Mittels Computer-Tomografie, DNA-Analyse, radiometrischer Datierung und anderer Untersuchungen wurden die Körper den Herkunftsregionen Afrika, Asien, Ozeanien und Südamerika zugeordnet.

Mumifizierung als weitweites Phänomen

Die Mumien, die in der Gottorfer Reithalle vor ultramarinblauem Hintergrund im Dämmerlicht zu sehen sind, erweisen sich als kostbare Archive des Daseins, als biohistorische Urkunden. Als archäologische Artefakte erzählen sie von den Lebensumständen vergangener Kulturen. Der Schwerpunkt der Schau liege insofern auf solchen Mumien, die durch archäologische Forschung zu Tage getreten sind, so der Altertumskundler und Ausstellungskurator Ralf Bleile. Die Arbeit und die Auseinandersetzung mit Mumien erfordern naturgemäß einen sachlichen Umgang mit diesen menschlichen und tierischen Überresten. So verlangt die schlichte, diskrete Schau dem Betrachter keine übermäßige Ehrfurcht ab, auf spektakuläre Gruseleffekte wird aber ebenso selbstverständlich verzichtet.

Schritt für Schritt macht uns der Rundgang mit dem weltweit vorkommenden Phänomen der Mumifizierung vertraut. Eingangs bleibt bei geringer Objektdichte viel Platz für informative Tafeln. Zusehends verengen sich dann die durch Stellwände erzeugten Räume; waren anfangs hauptsächlich Tiermumien zu sehen, steht am Ende der Schau der mumifizierte Mensch aus verschiedenen Kulturkreisen im Zentrum. Im indirekten Schein der Backlights, die Fotos von Landschaften erhellen, offenbaren sich zwei Mumientypen. Die natürliche Mumifizierung etwa in der Wüste, im Moor, im Eis, im Salz oder in Höhlen, steht der intentionellen sowie der artifiziellen Mumifizierung gegenüber, wie sie in Ägypten betrieben wurde.

Torfhund aus der Bronzezeit

Auf natürliche Weise wurden oft Tiere vor der Verwesung bewahrt, etwa ein Gelbbrauner Kofferfisch, der als Salzmumie in die Ewigkeit einging, oder der vermutlich bronzezeitliche Torfhund von Papenburg, dessen Fell eindrucksvoll erhalten blieb. Die Schleswiger Moorleichen indes bilden die stärksten Beispiele für die natürliche Mumifizierung von Menschen. Wo aus kultureller und religiöser Intention heraus versucht wurde, den Verfallsprozess nach dem Tode aufzuhalten, setzt sich die Ausstellung mit den entsprechenden Jenseitsvorstellungen auseinander.

Die Mumie des Priesters Nes-pa-kai-schuti (um 650 vor Christus) etwa wird zusammen mit ihren reich dekorierten und beschrifteten Särgen gezeigt, in denen der Angehörige der ägyptischen Elite unversehrt in die Totenwelt gelangen sollte, um dort erneut mit seiner Seele vereint zu werden.

Zu den wiederentdeckten Mumien aus Mannheim gehören mehrere südamerikanische Exemplare, darunter eine Mumiengruppe, die aus einer Mutter und zwei Kindern besteht, sowie eine weibliche Mumie mit gekreuzten Beinen. Die CT-Analyse ergab, dass die Frau kleine, vermutlich goldene Grabbeigaben in ihren Händen hält. Bei der Untersuchung einer präkolumbischen Kindermumie fanden die Wissenschaftler Balsamierungsrückstände auf der Haut und bewiesen damit erstmals, dass in Südamerika, ähnlich wie im Land am Nil, künstliche Mumifizierungen vorgenommen wurden.

Zerstoßene Mumien als Wundermittel

Die Forschung am Einzelobjekt dient, so legt die Schau nah, dem Verständnis der Geschichte. „Die Archäologie zielt auf gesamtgesellschaftliche Phänomene, nicht auf das Individuum“, so Bleile. In diesen Zusammenhang gehört auch ein Exkurs über das mittelalterliche Allheilmittel Mumia, ein natürlich vorkommendes Erdwachs. Als eine ähnliche Substanz auch in ägyptischen Mumien gefunden wurde, erwachte im Europa des 16. Jahrhunderts reges Interesse an mumifizierten Körpern, die, ins Abendland gebracht und zerstoßen, als fragwürdiges Wundermittel Verwendung fanden.

Um den Erhalt der teils absichtlich, teils zufällig konservierten Exponate nicht zu gefährden, muss die Reithalle bestimmte klimatische Voraussetzungen erfüllen. So wurde im Vorfeld der Ausstellung auf dem Dach des Gebäudes eine Klimaanlage errichtet, mit der sich die mumienfreundlichen Bedingungen von 21 Grad Celsius Raumtemperatur und relativer Luftfeuchte von 55 Prozent erzeugen lassen. Die Kosten für den Bau der Anlage, rund eine halbe Millionen Euro, wandte das Land Schleswig-Holstein auf. Die neue Technik erlaubt es den Landesmuseen künftig, auch kostbare Gemälde zu entleihen und auszustellen.

"Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“. 22. Juni – 14. September auf Schloss Gottorf in Schleswig