Archäologie

Das Geheimnis der wiederentdeckten Mumien

Es soll die größte Mumienschau der Welt sein: In Mannheim werden jetzt 70 Menschen- und Tier-Mumien gezeigt. Dazu zählen auch Körper, die durch natürliche Umstände – etwa in Mooren – mumifiziert wurden. Eine 1300 Jahre alte Kindermumie aus Südamerika belegt zudem, dass nicht nur die Ägypter die Technik der Balsamierung beherrschten.

Eine Kindermumie, etwa 1300 Jahre alt, ist das wohl spektakulärste Exonat einer Ausstellung, die am Sonntag in Mannheim beginnt. Denn anhand dieser Mumie konnten Forscher nachweisen, dass nicht nur im Alten Ägypten die Methode der Mumifizierung angewendet wurde, sondern auch in Altamerika.

Die Mumie ist präkolumbischen Ursprungs, ihr Kopf zeigt deutlich eine künstliche Deformation, die wohl durch eine Bandagierung zu Lebenszeiten entstanden ist. Haarproben enthielten Nikotin so hoher Konzentration, dass die Forscher davon ausgehen, dass das Kind es aktiv aufgenommen hat. Eindeutige Erkenntnisse über Geschlecht und die genaue Größe konnten leider nicht erbracht werden.

Bei der Betrachtung unter UV-Licht waren an verschiedenen Stellen orange leuchtende Flecken auffällig die bei Tageslicht als teilweise schollenartig abplatzende Paste oder Farbschicht erkennbar waren. Dabei handele es sich um ein Naturharz, so die Forscher. Mit diesem harzartigen Balsam war ursprünglich die ganze Körperoberfläche behandelt.

Das Besondere an der Mannheimer Ausstellung erklärt der Paläontologe und Kurator Wilfried Rosendahl. „Bei dem Wort Mumien denkt man sofort an Ägypten“, sagt er. „Aber Mumien gab es nicht nur in Altägypten, sondern auch in zahlreichen anderen Kulturen.“ In dem Mumienforschungsprojekt in Mannheim seien weltweit erstmals Balsamierungen auch in Altamerika nachgewiesen worden. „Uns ist zum ersten Mal der Nachweis von künstlicher Mumifizierung einer präkolumbischen Mumie gelungen“, sagt Rosendahl. Das technische Wissen war also offenbar größer als bislang bekannt.

Anhand dieser und anderer Mumien zeigen Paläontologen, wie wichtig sie für die Erkenntnisse der Entwicklung des modernen Menschen sind. „Der Mensch selber ist immer noch das beste Archiv für den Menschen“, sagte der Medizinier Frank Rühli vom anatomischen Institut der Universität Zürich. Rühli war unter anderem an der Neuuntersuchung des Pharaos Tutanchamun und der Gletschermumie Ötzi beteiligt. Er leitet mit seinem Kollegen Thomas Böni das „Swiss Mummy Project“, ein Mumienforschungsprojekt der Universität Zürich, und arbeitete auch an der Mannheimer Ausstellung „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“ mit.

In der Mumienausstellung werden zudem Mumien gezeigt, die als verschollen galten und zum Teil als „Kriegsverluste“ deklariert wurden. Anlässlich der Sanierung des Mannheimer Museums Zeughaus hatten Mitarbeiter der Reiss-Engelhorn-Museen 19 Mumien in den eigenen Depots „wiederentdeckt“.

Die neue Schau zeige aber auch Körper, die durch natürliche Umstände – etwa in Mooren – mumifiziert wurden. „Jedes Objekt in der Ausstellung ist einzigartig, es hat dem Stoffkreislauf der Natur getrotzt und ist erhalten geblieben“, sagt Rosendahl.

Auch der Wissenschaftler Rühli weiß um den Wert der Mumien: Sie seien für die Erforschung der Lebensgeschichte der Menschen und ihrer Krankheiten unersetzbar. „Denn bei Mumien hat man als Mediziner nicht nur Knochen als Untersuchungssubstanz, sondern auch Weichteile wie Muskulatur und Fettgewebe. Damit kann man eine viel größere Bandbreite an Krankheiten erforschen, als wenn man nur das Skelett hat.“

Dass Mumien aber nicht nur für die Forschung unverzichtbar sind, sondern auch in der Bevölkerung auf hohes Interesse stoßen, ist für Rühli leicht verständlich. Die Menschen würden mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. „Jeder möchte unsterblich sein. Und beispielsweise bei einem mumifizierten Pharao, der seit 3000 Jahren tot ist, erkennt man wirklich die Person – so gut, dass man sie an der nächsten Straßenbahnhaltestelle identifizieren könnte.“ Ein Vorteil der Mumienforschung sei ihr interdisziplinärer Ansatz. Mediziner, Historiker, Chemiker und Ägyptologen arbeiten beispielsweise an der Schnittstelle „Altes Ägypten“ zusammen.