Therapie

Für Eltern von Schrei-Babys gibt es Hilfe

Je mehr ein Baby schreit, desto nervöser, hilfloser und aggressiver werden seine Eltern mit der Zeit. Das wiederum überträgt sich auch auf das Kind. Einen Ausweg aus dieser fatalen Spirale versprechen die Therapeutinnen der SchreiBabyAmbulanz in Hamburg-Altona.

Foto: Reto Klar

Augenringe, wirre Haare, blasse Haut. Ausschlafen: Fehlanzeige. Aber was soll's: Der langersehnte Nachwuchs ist endlich da. Und wie! Gern abends um elf, nachts um zwei, um halb fünf wieder und dann ab sechs. Warum? Weil das kleine Menschlein durstig ist oder hungrig, ihm zu warm oder zu kalt ist, weil das Bäuchlein drückt oder ein Zahn kommt. Das muss natürlich lauthals kundgetan werden – wie auch sonst? Junge Eltern wissen: In solchen Momenten können sich fünf Minuten Schreien wie eine kleine Unendlichkeit anfühlen. Wie erst muss es da Eltern von Schreibabys gehen, bei denen die gefühlte Unendlichkeit Realität wird? Wenn Angst, Wut und Verzweiflung sich breitmachen und irgendwann nur noch die eine erschöpfte Frage bleibt: Warum nur schreist Du so?

„Schreibabys schreien vor allem, weil sie sich nach Entspannung sehnen“, sagt Christin Schwarz. Die Schreibaby-Therapeutin bietet mit ihren Kolleginnen Monika Wiborny und Evelyn Taplik-Kossak in ihrer SchreiBabyAmbulanz Hamburg in Altona „emotionale erste Hilfe für Eltern, Babys und Kinder bis drei Jahre“. Als Schreibaby gilt ein Kind laut Fachleuten, wenn es über einen Zeitraum von drei Wochen an drei Tagen in der Woche drei Stunden am Stück schreit – unvorstellbar für nicht betroffene Eltern: Es gibt Kinder, die schaffen bis zu acht Stunden. Experten schätzen, dass etwa jedes fünfte Kind in Deutschland ein Schreibaby ist.


Das große Problem bei den kleinen Schreihälsen: „Während sie mit ihrem Geschrei darum bitten, Hilfe zum Entspannen zu erlangen, wird die Mutter nervöser, hilfloser und aggressiver und überträgt diese Gefühle auf das Kind“, sagt Evelyn Taplik-Kossak. Eine fatale Spirale. Aus nicht behandelten Schreibabys werden später oft Kinder mit Schlaf- oder Essstörungen.

Die Therapeuten sprechen von einer sogenannten Regulationsstörung – die Kinder sind unrund in sich, leicht überreizt und können sich nicht auf ein gesundes Entspannungsmaß regulieren. Wenn es erst einmal so weit gekommen ist, dann hilft ein lapidar dahingesagtes „Babys schreien nun einmal, da mussten wir alle durch“ nicht weiter. Dann sollte Hilfe in Anspruch genommen werden.

Stress ist eine der Hauptursachen

Kein leichter Schritt für eine Mutter: Schließlich soll Mama heute zeitgleich die perfekte Mutter, Ehefrau, Geliebte und Karrierefrau sein. Christin Schwarz: „Ich bin jung, modern und ich schaffe alles – und das von null auf hundert. Verloren gegangen ist fast komplett der Gedanke: Eine junge Mutter braucht erst einmal eine Auszeit, um sich und das Kind neu kennenzulernen.“ Denn Stress während und nach der Schwangerschaft ist einer der Hauptgründe für die Entwicklung zum Schreibaby.

Genau hier setzt die Arbeit der drei Therapeutinnen an, die sich auf die traditionelle Körperpsychotherapie von Wilhelm Reich berufen und von der Berliner Schreibaby-Therapeutin Paula Diederichs speziell für ihre Arbeit ausgebildet wurden. „Wir bieten den Eltern und Kindern die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, sich zu entspannen und ihre Kräfte aufzutanken“, sagt Monika Wiborny. Dabei behandeln sie Babys und Kinder bis drei Jahre, die unter Schlaf-, Ess- oder Entwicklungsstörungen leiden. „Bevor wir mit unserer Arbeit beginnen, müssen medizinische Gründe vom Arzt ausgeschlossen worden sein“, sagt Christin Schwarz.

Das Thema Schuld ist ein wichtiger Aspekt

Wenn eine Mutter – oder im besten Fall die Eltern – den Schritt in die SchreiBabyAmbulanz geht, beginnen die Therapeutinnen mit ihrer „Krisenintervention“. Vielen ist schon gleich geholfen, wenn sie einfach erzählen und weinen dürfen – sonst haben sie sich nie getraut, ihr „Versagen“, wie sie es empfinden, laut auszusprechen. „Das Schuldthema ist ein großer Aspekt“, sagt Evelyn Taplik-Kossak. Die meisten Frauen reden sich ein, als Mutter versagt zu haben. „Unsinn! Niemand muss diese Situation durchstehen. Jedes Baby hört irgendwann auf zu schreien – aber nicht, weil es sich wohlfühlt, sondern weil es resigniert.“ Dabei gibt es vor allem ein ganz natürliches Entspannungsrezept: „Mütter sollten wieder viel häufiger auf ihr Bauchgefühl hören, anstatt sich den zwölften Babyratgeber zu kaufen“, sagt Christin Schwarz. Das heißt: Überengagierte Eltern haben häufiger ein Schreibaby als Eltern, die ihrer Intuition vertrauen. In zehn bis 15 Sitzungen gehen die Therapeutinnen den Ursachen auf den Grund, zu denen auch Geldsorgen, Partnerschaftskonflikte oder vorangegangene Fehlgeburten gehören können. „Mit Massagen, Berührungen, Tönen geben wir Mutter und Kind wieder eine Idee davon, was Entspannung bedeutet.“ Bisher hat kein Schreibaby die Ambulanz wieder verlassen, ohne dass sich die Probleme gelöst hätten.

Drei Dinge sind den Therapeutinnen wichtig: „Wir bieten schnelle und unbürokratische Hilfe an. Wir arbeiten anonym – und vor allem: Wir sind keine besseren Mütter“, sagt Monika Wiborny. Zusammen haben die drei Frauen fünf Kinder. Derzeit versuchen sie, Bezuschussungen durch öffentliche Stellen oder Stiftungsgelder zu bekommen. 40 bis 60 Euro kostet eine Sitzung, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. „Dabei wollen wir nicht nur wenigen zugänglich sein, sondern alle erreichen“, sagt Christin Schwarz.

Mehr im Internet: www.schreibaby-hamburg.de