Gesundheit

Die Supersize-Kinder kommen

Deutsche Kinder werden immer dicker: Wonneproppen mit Babyspeck sind zwar niedlich und kommen gut an, doch ab 4500 Gramm Geburtgewicht steigt das gesundheitliche Risiko für Mutter und Kind. Verletzungen bei der Geburt und Erkrankungen im späteren Leben können die Folgen sein.

Foto: chromorangpa

Es ist selten, dass ein Riesen-Baby ohne Kaiserschnitt zur Welt kommt. Doch in diesem Falle gelingt es. Die Ärzte des Klinikums Unna müssen zwar die Saugglocke einsetzen, doch ansonsten gibt es keine Komplikationen. Die anschließenden Messungen ergeben: Der neugeborene Junge ist 62 Zentimeter groß und 6180 Gramm schwer. Absoluter Klinikrekord. Doch vermutlich ist er das nur vorübergehend - denn Sumo-Babys sind im Trend.

In Industrieländern wie Deutschland, England und den USA leidet mittlerweile jedes zehnte Neugeborene unter "fetaler Makrosomie", wie das Big-Baby-Syndrom medizinisch korrekt heißt. "Die Erfahrungen in der Geburtshilfe der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Häufigkeit makrosomer Kinder stetig zunimmt", erklärt Kerstin Wollschlaeger von der Universitätsfrauenklinik in Magdeburg. Für Mediziner sind die "Sumo-Babys" keineswegs einfach Wonneproppen mit stattlichem Babyspeck. Vielmehr ist ein sehr hohes Geburtsgewicht ein gesundheitliches Risiko für die Mutter und das Kind selbst.

Laut Techniker-Krankenkasse kamen im Jahre 2006 in Bayern 35 Prozent mehr übergroße Babys zur Welt als zwei Jahre zuvor. Wobei man allerdings einschränken muss, dass in dieser Statistik schon ein Geburtsgewicht von über 3900 Gramm als überhöht eingestuft wurde, während Kinderärzte das meistens erst ab 4350 Gramm tun. Doch auch wenn man die höhere Trennlinie heranzieht, hat deutschlandweit die Zahl der XXL-Babys im letzten Jahrzehnt um mindestens 20 Prozent zugelegt.

Hauptursache für die immer dickeren Babys sind die immer dickeren Mütter, die zudem oft mit Diabetes in die Schwangerschaft gehen oder - vor allem, wenn sie schon älter sind - während der Schwangerschaft einen Diabetes entwickeln. Ihr Blutzucker fließt, wie Professor Kinga Howorka von der Medizinischen Universität in Wien erklärt, "in rauen Mengen durch den Mutterkuchen zum Kind", dessen Bauchspeicheldrüse daraufhin große Mengen an Insulin produziere. Das Problem: Das Insulin kann den Kinderkörper nicht verlassen, weil es vom Mutterkuchen zurückgehalten wird. Das Hormon kann so ungestört die Umwandlung von Zucker in Depotfett veranlassen. Die Folge: Der Fötus wird, wie Howorka ausführt, "immer dicker, vor allem in der Körpermitte".

Der Weltrekord unter den Riesen-Babys liegt bei 10,2 Kilogramm, aufgestellt von einem italienischen Jungen. In Kanada wurde zwar vor 130 Jahren ein Kind mit 10,8 Kilogramm geboren, doch es überlebte die ersten zwölf Stunden nicht.

Das Gebären eines über fünf Kilogramm schweren Menschen, der oft auch noch einen Kopfumfang von über 40 Zentimetern hat, ist kein Kinderspiel. Kerstin Wollschlaeger ermittelte bei den Supersize-Babys eine sechsfach erhöhte Verletzungsquote und ein um das Achtfache erhöhtes Risiko für eine Schulterdystokie, bei der die Schultern des Kindes im Geburtskanal stecken bleiben. Bei den gebärenden Frauen kommt es häufiger zu Dammrissen und anderen Unterleibsverletzungen; der "nachrutschende" Mutterkuchen kommt oft zögerlich oder unvollständig, weil er infolge des gigantischen Fötus ebenfalls Riesenmaße besitzt.

Oft entscheiden sich die Ärzte während der Geburt eines Mini-Giganten spontan für einen Kaiserschnitt, was natürlich ein erhöhtes Risiko ist. Sie würden deshalb am liebsten frühzeitig eine Sectio planen, doch das Problem ist, dass man weder den - meist übergewichtigen - Müttern noch dem Ultraschallbild des Fötus unbedingt ansieht, dass sich da ein überproportionaler Wonneproppen anbahnt.

Doch selbst wenn die Supersize-Kinder ungeschädigt den Kreißsaal verlassen - sie müssen später mehr als andere mit schweren Erkrankungen rechnen. So betont der Geburtsmediziner Professor Andreas Plagemann von der Berliner Charité den "u-förmigen Zusammenhang, der zwischen dem Geburtsgewicht und dem darauf folgenden Risiko besteht, an Typ-2-Diabetes zu erkranken". Demnach haben sowohl unter- als auch übergewichtige Neugeborene ein hohes Risiko, später zuckerkrank zu werden.

Ursache ist die "fötale Programmierung": Der Mensch wird schon im Mutterleib geeicht, wie er später mit den Kalorien umgeht. Untergewichtige Babys sehr schlanker Mütter werden programmiert, möglichst viel Energie aus dem Essen zu ziehen, um überleben zu können - mit der Konsequenz, dass sie dann bei reichhaltigem Speisezettel zu viele Kalorien bunkern und die hormonelle Steuerung ihres Stoffwechsels überfordern.

Die Supersize-Föten übergewichtiger Mütter hingegen werden mit Insulin geflutet, sodass ihre Körperzellen nach der Geburt insulinresistent sind, also nicht mehr in gesundem Maß auf das Hormon ansprechen. Dadurch gelangt weniger Zucker aus dem Blut in die Zellen: Der Blutzuckerwert geht unaufhaltsam nach oben. Hinzu kommt, dass Supersize-Babys nicht nur besonders gute Verwerter, sondern auch besonders fleißige Verzehrer von Nahrung sind. "Diese Kinder haben mehr Hunger und bekommen eher die Flasche", sagt der Ulmer Gynäkologe Martin Wabitsch. Dies besiegelt endgültig ihr erhöhtes Risiko für Übergewicht und Diabetes.

Das Schlimme ist: Sie geben es vermutlich weiter an die nächsten Generationen. Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die weiblichen Nachkommen diabetischer Mütter in ihren Schwangerschaften wiederum erhöhte Blutzuckerwerte entwickeln - unabhängig von ihrer genetischen Veranlagung. Eine verhängnisvolle Kettenreaktion, die sich letzten Endes nur durch eine konsequente Reduzierung des mütterlichen Übergewichts brechen lässt. Allerdings sollte dies unbedingt vor der Schwangerschaft geschehen. Denn eine Diät während der Schwangerschaft ist nichts anderes als Stress durch Nährstoffentzug, der für Mutter und Kind ebenfalls verhängnisvolle Folgen haben kann.