Volkskrankheit Depression

Depressionen haben auch einen nützlichen Kern

Depression ist die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Allein in Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen daran. Nun haben Evolutionsbiologen den nützlichen Mechanismus hinter der Krankheit entdeckt: Er bremst die Aktivitäten bei Zielen, die nicht erreichbar sind.

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Die enorme Verbreitung von Depressionen ist der Wissenschaft ein Rätsel, weshalb auch Evolutionspsychologen daran forschen. Sie fanden heraus: Depressionssymptome können einen Nutzen haben – beim Aufgeben unerreichbarer Ziele.

Während Fortschritte in den Neurowissenschaften immer besser erklären, was genau im Hirn von depressiven Menschen passiert, ist über die Frage nach dem Warum immer noch sehr wenig bekannt. Dabei kann die Aufklärung der Ursache für die hohe Anfälligkeit zu einem besseren Verständnis der komplexen Krankheit beitragen und von klinischem Interesse sein.


Krankheiten haben meistens keinen Vorteil für die Betroffenen und können deshalb durch die Evolution nicht direkt erklärt werden – stattdessen kann Evolution die Anfälligkeit für Krankheiten klären. Während eine schwere Depression kaum positive Auswirkungen hat, glauben Forscher, dass leichtere Formen und Antriebslosigkeit durchaus in bestimmten Situationen einen Zweck erfüllen könnten. Die klinisch ausgeprägte, also eindeutig krankhafte Depression könnte dann durch Fehlregulation dieser Zustände mit verursacht werden. Randolph Nesse, Professor für Psychologie an der Universität von Michigan in Ann Arbor und behandelnder Psychiater, beschreibt den Zusammenhang so: „Wenn man dem krankhaften, chronischen Schmerz auf die Schliche kommen will, muss man auch zunächst verstehen, warum normaler Schmerz existiert.“ Beim Schmerz ist lange klar: Schmerz ist primär ein positives Warnsignal.

Nesse verbrachte ein Jahr am Wissenschaftskolleg zu Berlin, um die Evolution der Depression zu ergründen. Seine These: Deren Symptome können dann sinnvoll sein, wenn sie Menschen helfen, sich von unrealistischen Zielen loszusagen. Eine Strategie, die auch im Tierreich existiert und die es erlaubt, in ungünstigen Situationen Energie zu sparen. Nesse gibt ein Beispiel: „In den Wäldern von Wisconsin beobachtete ich einen Schwarzbären. Er war auf einem Baum und pflückte Eicheln, um sie zu fressen. Nachdem er sich die nächsten geschnappt hatte, gab er auf und zog weiter – er beschäftigte sich nicht mit den Eicheln, die schwer zu holen waren. Der Aufwand hätte sich nicht gelohnt.“

Es existiert also ein Mechanismus, der es erlaubt, ungünstige Ziele aufzugeben. Und dieser steht nach neuen Erkenntnissen mit Depressionssymptomen in Verbindung. Carsten Wrosch, Psychologieprofessor an der Concordia University in Montreal, stellte auf dem diesjährigen Internationalen Psychologiekongress in Berlin eine Studie vor, die Depression von pubertierenden Mädchen untersucht. Wrosch hält diese Lebensperiode für entscheidend, da Jugendliche hier ihre Identität entwickeln und Zielfindung und Scheitern dabei wichtige Prozesse sind.


Das Ergebnis: Pubertierende Mädchen, die eher zu Depressionssymptomen neigten, konnten besser lernen, sich von unerreichbaren Zielen loszusagen. Längerfristig wurden die Mädchen seltener depressiv, die unerreichbare Ziele leichter aufgeben konnten. Depressionssymptome können also natürlicher Teil des Umgangs mit Zielen in der Pubertät sein. Sie setzen dann ein, wenn ein Ziel als unerreichbar erkannt wird, und setzen die Motivation in dessen Verfolgung herab. So werden Ressourcen gespart, und schließlich kann ein neues, realistischeres Ziel gefunden und angestrebt werden.


Wie wichtig die Fähigkeit ist, ungünstige Ziele aufzugeben, zeigte die Arbeitsgruppe von Carsten Wrosch bereits im letzen Jahr. Sie veröffentlichte eine Studie, wonach Jugendliche, die sich eher von schwierigen Zielen lossagen konnten, eine niedrigere Konzentration des C-reaktiven Proteins aufwiesen – ein Stoff, der verstärkt bei Entzündungen gebildet wird und auch mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung steht. Die Folgerung ist, dass es manchmal für die Gesundheit förderlich ist, allzu ehrgeizige Vorhaben aufzugeben. Denn Beharrlichkeit kann, sollte sie auch schließlich zum Erfolg führen, mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein.

Randolph Nesse glaubt, dass Beharrlichkeit für die hohe Depressionsrate in den USA mitverantwortlich sein kann. Weltweit ist die Depression dort am häufigsten. „Es ist wahrscheinlich, dass im Vergleich zu den Deutschen die Amerikaner öfter überambitionierte Ziele verfolgen, was dann verstärkt zu Fällen von Depression führen kann.“

Wieso aus dem natürlichen Umgang mit Scheitern so leicht eine krankhafte Störung werden kann, versucht Nesse mit dem „Rauchmelder-Prinzip“ zu erklären. Danach sind emotionale Warnsysteme, wie Angst, Schmerz und auch Depressionssymptome, so eingestellt, dass sie eher zu falschen Alarmen neigen als dazu, bei wirklicher Gefahr zu ruhen. So wie man bei Rauchmeldern hinnimmt, wenn sie bei harmlosem Zigarettenrauch lärmen, um sicher zu sein, dass sie es bei einem echten Brand auch sicher tun. Denn falsche Alarme richten nicht so viel Schaden an wie das Übersehen von echten Gefahren.

Auf uns übertragen heißt das: Wir sind von Natur aus mit hoch sensiblen Gefahrmeldern ausgestattet, die schon beim kleinsten Zwischenfall losgehen können – und manchmal auch ohne nachvollziehbaren Grund. Schon eine geringe Störung des Warnsystems, sei es durch genetische Faktoren oder widrige Lebensumstände, könnte aus normaler schlechter Laune eine Depression machen.

Forscher sehen die Krankheit als Störung in einem durchaus nützlichen System.