Volkskrankheit Depression

Depressive können sich meist selbst nicht helfen

Depression ist die häufigste psychische Erkrankung. Ererbte Neigungen können ebenso Auslöser dafür sein wie familiärer oder beruflicher Stress. Zu Unrecht ist das Leiden immer noch ein Tabuthema. Viele Betroffene vertrauen sich keinem Arzt an. Inzwischen gibt es erfolgreiche Behandlungsmethoden.

Foto: Joachim Moog / info@helga-lade.de

Glück, Freude, Hoffnung: Nichts davon erleben und spüren Menschen mit Depressionen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO hat keine andere Krankheit so negative Auswirkungen auf die Gesundheit wie eine Depression. Sie ist die häufigste psychische Erkrankung, geschätzte vier Millionen Deutsche sind betroffen. Schon 2020 werden Depressionen in den Industrienationen nach WHO-Schätzungen hinter Herz-Gefäß-Erkrankungen an die zweite Stelle rücken. Und: "Depressive haben ein hohes Sterberisiko", sagt Ulrich Hegerl, Chef der Psychiatrie an der Uniklinik Leipzig und Sprecher des Kompetenznetzes Depression.

Die vermeintliche Ausweglosigkeit treibt Depressive in den Selbstmord. Bei 90 Prozent aller Suizide und Suizidversuche liegt eine psychische Erkrankung, meist eine Depression, zugrunde. Durch Suizid starben bei uns im vergangenen Jahr rund 10.000 Menschen, und damit doppelt so viele wie durch einen Verkehrsunfall. Zehn- bis zwanzigfach höher liegt die Zahl der versuchten Selbsttötungen.

Depressionen verdunkeln nicht nur die Seele. Das Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn, vor allem aber die ständig erhöhten Stresshormone machen Depressive auch körperlich krank. "Depressionen erhöhen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes um ein Mehrfaches", sagt der Psychiater Ulrich Voderholzer, Professor an der Freiburger Uniklinik.

Depressionen sind nicht akzeptiert

Wer einen Infarkt erleidet, an Rheuma oder Krebs erkrankt, kann offen über seine Krankheit reden und auf Mitgefühl hoffen. "Depressionen aber sind in unserer Gesellschaft noch immer nicht so akzeptiert wie andere körperliche Erkrankungen", sagt Fritz Hohagen, Leiter der Psychiatrie an der Uniklinik Lübeck. Fatal, denn gerade Depressive können sich meist selbst nicht helfen.

Neben der gedrückten Stimmung verlieren Depressive das Interesse an allem, was um sie passiert. "So als seien alle wichtigen Lebensfunktionen gelähmt", beschreibt Hohagen den Zustand. Hobbys, Kontakte zu Freunden und Familie werden aufgegeben, offensichtliche Momente von Freude und Glück nicht mehr wahrgenommen, selbst zu einfachen Tätigkeiten wie Einkaufen oder der eigenen Körperhygiene fehlt der Antrieb.

Keine Frage der Willensschwäche

Dazu kommen eine tiefe Müdigkeit, mangelnder Appetit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Die Betroffenen sind von Schuldgefühlen geplagt, glauben, nicht wichtig und wertvoll zu sein, trauen sich nichts mehr zu, fühlen sich hoffnungslos. "Das hat wirklich nichts mit Willensschwäche zu tun", sagt Depressionsexperte Hohagen. "Sich aufzuraffen, das Positive im Leben zu sehen, solche Appelle von Angehörigen und Freunden sind völlig unsinnig und helfen Depressiven überhaupt nicht."

Im Gegenteil, denn bei keiner anderen Erkrankung sind die Patienten so sehr auf die aktive Unterstützung angewiesen. Wie wichtig Akzeptanz und Aufmerksamkeit sind, hat nicht zuletzt das "Nürnberger Bündnis gegen Depression" gezeigt. In den Jahren 2001 und 2002 wurden durch ein breites Aufklärungs- und Informationsprogramm nicht nur Ärzte zum Thema Depressionen geschult, sondern auch Lehrer, Altenpfleger und Pfarrer. In allen Medien, auf Großplakaten und in Kinospots wurde zum Thema Depression informiert. Mit deutlichem Erfolg. "Wir konnten die Rate an Suiziden und Suizidversuchen um knapp 20 Prozent senken", sagt Hegerl.

Jeden siebten Deutschen erwischt es

Hinter unspezifischen Beschwerden steckt oft eine Depression, etwa jeden siebten Deutschen erwischt die Krankheit einmal in seinem Leben - Frauen doppelt so häufig wie Männer. Nicht immer bleibt es bei einer einmaligen depressiven Phase, etwa jeder Zweite erlebt einen schubweisen Verlauf. Seltener sind sogenannte bipolare Störungen, bei denen sich Depression und Manie abwechseln. Die sind auch für Angehörige kaum auszuhalten, denn die manischen Phasen sind gekennzeichnet durch Rast- und Ruhelosigkeit, einen übersteigerten Antrieb und eine oft maßlose Selbstüberschätzung, bei der für ein vermeintlich sensationelles Projekt oft das gesamte Hab und Gut der Familie versetzt wird.

Obwohl schon Hippokrates vor gut 2400 Jahren die Seelenpein kannte, tappen die Wissenschaftler bis heute im Dunkeln, was denn genau eine Depression verursacht. Einigkeit herrscht darüber, dass der Hirnstoffwechsel für Botenstoffe gestört ist. Ob das aber Auslöser oder Folge der Depression ist, wird noch immer diskutiert. Sicher ist auch, dass die Vererbung eine Rolle spielt, "die genetischen Faktoren machen etwa 30 bis 40 Prozent aus", sagt Ulrich Voderholzer. "Auch Traumatisierungen in der Kindheit, Verlusterlebnisse, schwere körperliche Erkrankungen kommen als auslösende Faktoren in Betracht. Ebenso massiver Stress durch Leistungsdruck, Mobbing, Arbeitslosigkeit und vieles andere."

Medikamente und Verhaltenstherapie

Noch immer wird schätzungsweise nur jeder zweite depressive Patient behandelt. Und das, obwohl es inzwischen gute Therapien gibt. Bei leichten und mittelschweren Depressionen werden oft und erfolgreich psychotherapeutische Verfahren eingesetzt. Bei schwer Depressiven kann zwischen den Schüben die kognitive Verhaltenstherapie unterstützend helfen. "In einer akuten, schweren Depression aber sind antidepressive Medikamente unerlässlich", sagt Ulrich Hegerl.

Das Problem ist, dass sie schon bald nach der Einnahme den inneren Antrieb steigern, bevor sich auch die Stimmung aufhellt. Dann besteht erhöhte Suizidneigung. "Das aber kennen wir", sagt Hegerl. "Unter Umständen empfehlen wir dann für kurze Zeit eine stationäre Therapie." Schlimmere Auswirkungen hätte es, auf die antidepressive Therapie zu verzichten.