Psychologie

Kinder driften aus der Realität ab

Jeder zehnte Computerspieler hat ein „Suchtgedächtnis“. Exzessiver Gebrauch des Rechners hinterlässt tiefe Spuren im Gehirn. In Deutschland sind mehr als 100.000 Jugendliche davon betroffen.

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Exzessiver Gebrauch von Computer und Handy hinterlässt im Gehirn von Kindern tiefe Spuren. Den Betroffenen droht der Verlust des Realitätssinns. Davor warnt der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther: „Ist dieser Prozess weit fortgeschritten, finden sich die Kinder und Jugendlichen in der realen Welt nicht mehr zurecht.“

Schätzungen zufolge sind allein in Deutschland mehr als 100.000 junge Menschen computersüchtig.

Die Veränderungen im Gehirn beschreibt der Neurobiologe so: Anfänglich dünne Verbindungswege würden durch intensive Nutzung immer dicker und seien am Ende gar Autobahnen: „Die sind dann so beschaffen, dass man, wenn man einmal drauf kommt, nicht wieder runterkommt“, sagte Hüther. Betroffene müssten dann nur noch einen Computer sehen und hätten schon das Bedürfnis, sich davor zu setzen.

Mit jeder Stunde, die Kinder vor dem Computer verbrächten, fehle ihnen eine Stunde, um ihr Gehirn für die Anforderungen im wirklichen Leben weiterzuentwickeln, erklärte der Autor des Buchs „Computersüchtig“. Ähnlich wie konkrete Tätigkeiten beim Computerspiel würden auch die virtuellen Vorstellungswelten von den Kindern aufgenommen und verinnerlicht: „Das Gehirn wird so, wie man es benutzt“, betonte der Professor.

Solche Spuren hinterlässt laut Hüther auch der exzessive Gebrauch von Handys und Kurzmitteilungen: So werde die Region im Hirn von Jugendlichen, die die Regulation der Daumenbewegungen steuere, seit zehn Jahren immer größer. „Im Klartext heißt das: Die Einführung einer neuen Kulturtechnik - in diesem Falle SMS und Handys - die Jugendliche besonders intensiv nutzen, hat dazu geführt, dass sich ihr Hirn entsprechend strukturiert“, erklärte Hüther.

Er forderte Konsequenzen: „Wir müssen uns fragen, ob wir die Verantwortung für die Strukturierung des Hirns unserer Kinder weiter allein den Werbestrategen der Hersteller von Handys und Computerspielen überlassen wollen.“

Ähnliche Suchtstruktur wie bei Alkohol und Cannabis

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass Computerspielen genau so zur Sucht werden kann und zu den gleichen Hirnreaktionen führt wie der Konsum von Alkohol oder Cannabis. Nach Erkenntnissen der Suchtforschungsgruppe der Berliner Charite kann aus Spielspaß dann eine Abhängigkeit entstehen, wenn das Gehirn auf Dauer bestimmten Belohnungsreizen ausgesetzt wird. Diese positiven Reize führten zur vermehrten Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin im Vorderhirn und wie beim Konsum von Drogen zum ersehnten Glücksgefühl. Als Folge wiederholter Belohnungsreize entsteht nach Angaben der Wissenschaftler dann ein so genanntes Suchtgedächtnis, was bei mehr als jedem zehnten Computerspieler der Fall ist.

Bergmann, Wolfgang und Hüther, Gerald: Computersüchtig – Kinder im Sog der modernen Medien, Walter Verlag, 170 Seiten, ISBN 3-530-42212-6