Die Ölpest kommt näher, und nichts hält sie auf. Die Hoffung schrumpfte gestern weiter. Es tritt offenbar fünfmal mehr Öl aus dem beschädigten Bohrloch im Golf von Mexiko als bislang angenommen: Statt 190.000 Liter ergießen sich rund 800.000 Liter pro Tag in das Wasser der Karibik, gab die US-Küstenwache (USCG) bekannt. Man habe nun noch ein drittes Leck entdeckt, sagte USCG-Konteradmiralin Mary Landry. Auch die Versuche, den Ölteppich in Teilen abzubrennen, hat bislang kaum etwas gebracht. Die Ölpest könne eine der verheerendsten Ölkatastrophen der US-Geschichte werden, sagt Landry.

Ein kanadischer Experte verglich die Situation mit dem Öldesaster während des Krieges am Persischen Golf im Jahr 1991. Wenn die Entwicklung so weitergehe, verblasse dagegen auch die Exxon-Valdez-Katastrophe vor der Küste Alaskas im Jahr 1989, sagte Mike Miller, Chef der Firma „Safety Boss“, die auf die Bekämpfung von Feuer auf Ölfeldern spezialisiert ist.

Versuche, die am Bohrloch installierten Ventile („Blow-out Preventer“) mit Tauchrobotern zu verschließen, sind misslungen. Als nächste Maßnahme haben die Rettungsmannschaften begonnen, einen kuppelartigen Schild zu installieren. Er soll oberhalb des Bohrlochs entfaltet werden, um das aufsteigende Öl aufzufangen. Dann könnte es in einen Tanker gepumpt werden. Doch die Installation der Glocke dauert mehrere Wochen.

Plan C wird noch mehr Zeit in Anspruch nehmen: eine Entlastungsbohrung seitlich in das Bohrloch unterhalb des Ölaustritts. Die ölführende Röhre könnte dann angezapft werden, um Öl kontrolliert umzuleiten. Die Rettungsmannschaften könnten zudem versuchen, die Röhre mit einem Pfropf aus Beton zu schließen. Doch eine solche Bohrung beansprucht Monate.

Noch treibt der Ölteppich auf dem Meer. Spezialschiffe sind im Einsatz, um Öl von der Meeresoberfläche zu sammeln. Was nur sehr begrenzt gelingt. Selbst das Wetter scheint sich gegen die Helfer verschworen zu haben. Der Wind drehte gestern von westlichen Richtungen auf Südost. Damit treibt der Ölteppich nicht mehr weiter ostwärts, wo noch Dutzende Kilometer offenes Meer vor ihm lägen, sondern in Richtung der nächstgelegenen Küste des Staates Louisiana. Dort wird der Ölteppich vermutlich heute auf das Mississippi-Delta treffen, später auch auf die Chandeleurs Islands, die zum Breton-Naturschutzgebiet gehören und auf denen zahlreiche Vogelarten rasten und brüten. Zusätzlich frischt der Wind auf bis zu 40 Kilometer pro Stunde auf, Windstärken bis sechs Beaufort und Wellen bis dreieinhalb Meter behindern die Rettungsmannschaften, die das Öl vom Meer abpumpen.

Bedroht sind nun Strand, Marschland und Mangrovenwälder. Küstennah brütenden und Fische jagenden Wasservögeln drohen Gefieder und Atemwege zu verkleben. Das wäre eine ökologische Katastrophe, sagte die Biologin Maggy Nugues vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen. „In den küstennahen Feuchtgebieten befinden sich die Laichgebiete und Brutstätten von zahlreichen Krebstieren, Fisch- und Vogelarten.“

Über Jahrtausende hinweg hat der Mississippi sein Delta durch immer neue Ablagerungen ins Meer hinausgeschoben. Dieses Delta ist ein verästelter Übergangsbereich zwischen Meer und Land. Flut und Wind können die giftige Ölbrühe tief in die Marschen hineintreiben. „Wenn die Salzmarschen und Seegrasbetten mit dem Öl in Berührung kommen, wird die Erholung Jahre dauern“, prophezeit der Ökologe Tom Minello von der US-Meeresbehörde NOAA. In den Sumpfgebieten wimmelt es bislang von Leben. Die fruchtbaren Ablagerungen des Flusses lassen Krebse, Krabben und Muschelbänke gedeihen. Es gibt Fische und Wasservögel, Alligatoren und Schildkröten.

Dreht der Wind indes wieder auf westliche Richtungen, würden die Küste Floridas und die vorgelagerten Inseln (Florida Keys) mit ihren Korallenriffen gefährdet. Ein Desaster für die Heimat vieler Fischarten – aber auch für die Fischerei und den Tourismus. Die Behörden bereiten sich nun auf das Eintreffen des Ölteppichs an der Küste vor. Vögel an den Stränden würden verscheucht, etwa durch Feuerwerke und andere Lärmquellen, sagte Mary Landry. Neben Louisiana wurden auch in den US-Staaten Mississippi, Alabama, Texas und Florida Stationen eingerichtet, die die Schutzmaßnahmen koordinieren.

Um dem heraufziehenden Öldesaster nicht tatenlos zusehen zu müssen, haben sich die Behörden zu einer Notlösung durchgerungen: Am Mittwochnachmittag (US-Zeit) hat die Küstenwache begonnen, Teile des Ölteppichs anzuzünden. Dies ist umstritten, weil große Mengen giftigen Rauchs aufsteigen und verbrannte Ölreste im Meer zurückbleiben oder zum Grund sinken. „Diese Maßnahme ist augenscheinlich mit Gefahren verbunden“, sagte Küstenwache-Sprecherin Cheri Ben-Iesau. Die Mannschaften hatten das Öl zu diesem Zweck mit aufblasbaren Barrieren eingehegt und aufs offene Meer geschleppt. „Dort wird es entzündet und kontrolliert abgebrannt“, sagte Ben-Iesau.

Zunächst waren Testbrände gelegt worden, um zu sehen, ob sich das Öl überhaupt entzünden lässt. Es muss eine bestimmte Dicke erreichen und wird dann mit Brandbeschleuniger angesteckt. Die Experten gehen das Abfackeln zudem stückweise an. Durch ein flammenhemmendes Mittel werde der Ölteppich in einzelne Parzellen unterteilt. Diese werden dann nacheinander in Brand gesteckt.

Die US-Umweltbehörde EPA will während des Abfackelns die Luftverschmutzung messen und die Brände notfalls beenden. Das könnte nötig werden, wenn durch die veränderte Windrichtung die giftigen Schwaden in hoher Konzentration auf das Land ziehen und Menschen und Tiere bedrohen.

Das Problem: Das Abfackeln von Rohöl ist keine kontrollierte Zündung wie etwa die von Benzin in einem Motor. Die Verbrennung verläuft unvollständig, aus den Kohlenwasserstoffen, den wachs- und teerartigen Bestandteilen des Rohöls und aus Schwefelverbindungen bilden sich Rußpartikel, ein ganzer Zoo aus berüchtigten „polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen“ (PAK) sowie ätzenden Schwefeldioxid-Schwaden. Sie schädigen die Atemwege und erzeugen Krebs.

Schon direkt an der Brandstelle können Vögel, die in die Rauchwolke fliegen, die Orientierung verlieren und Vergiftungen erleiden, gibt NOAA zu bedenken. Das Risiko sei allerdings minimal verglichen mit dem, was Öl im Gefieder oder über die Nahrungsaufnahme anrichten könne. „Abfackeln ist ein schon sehr verzweifelter Ansatz“, sagte Jörn Ehlers der Umweltschutzorganisation WWF. Dem dürften auch die US-Behörden nicht widersprechen.