Am Unfallort der Bohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko tritt Rohöl aus. Laut US-Küstenwache haben ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge vor Ort sowohl die gesunkene Plattform als auch zwei Leckagen im zerstörten Bohrrohr entdeckt. Nach ersten Schätzungen treten an diesen zwei Stellen pro Tag rund 1000 Barrel Rohöl aus – umgerechnet also 160.000 Liter. Zuvor hatte die Küstenwache einen Ölaustritt aus den Bohrrohren ausgeschlossen. Allerdings berichtete sie, dass vor der Explosion mehr als eine Million Liter am Tag gepumpt worden und auf der Bohrinsel gelagert worden waren, außerdem rund 2,5 Millionen Liter Diesel.
Während eines Überfluges am Sonntagmorgen waren Rohölspuren gefunden worden, die eine Fläche von gut 900 Quadratkilometern bedecken und rund 60 Kilometer vor der US-Küste treiben. Die Küste selbst sei derzeit nicht betroffen, doch die Behörde bat vorsorglich die US-Staaten mit Küstenanteilen, in einem Lagezentrum in Robert (US-Staat Louisiana) mitzuarbeiten. Die Eindämmung der Ölpest wurde von Gewittern und rauer See behindert.
Mit der Entdeckung von austretendem Öl sind Hoffnungen zerstoben, der Blow-out Preventer (BOP) – eine Sicherungsinstallation, die das Bohrloch am Meeresgrund abschließt – habe planmäßig gearbeitet und die Öffnung effektiv verschließen können.
Ein BOP zählt zur Standardausrüstung eines jeden Bohrloches. Es ist eine viele Tonnen schwere Installation aus mehreren hintereinandergeschalteten Sicherheitsventilen unterschiedlicher Bauart. Deren einziger Zweck ist es, das Bohrloch im Falle eines ungeplanten und unkontrollierten Erdöl- oder Erdgasaustritts (Blow-out) innerhalb kürzester Zeit zu blockieren.
In US-Medien verdichten sich die Spekulationen, dass ein solcher Unfall die Explosion auf der Plattform verursacht haben könnte - eine Bestätigung durch die Küstenwache oder die Plattformbetreiber gibt es allerdings noch nicht. Bei einem Blow-out schießt ein Gemisch aus Bohrschlamm, Gas und Öl aus der angebohrten Lagerstätte unkontrolliert und mit hoher Geschwindigkeit das Bohrrohr empor und entzündet sich. So etwas gehört zu den gefährlichsten Vorkommnissen an Bord einer Plattform. Aus diesem Grund wurden gewaltige Sicherungsarmaturen wie der BOP entwickelt.
Dennoch kommt es immer wieder zu solchen Ereignissen. Eine britische Statistik, die im Internet unter www.oilrigdisasters.co.uk einzusehen ist, zählt 61 Blow-outs in den vergangenen 60 Jahren auf. Viele von ihnen endeten mit der Zerstörung der jeweiligen Plattform. Der bislang jüngste dort verzeichnete Vorfall stammt aus dem Jahr 2007 und ereignete sich im südlichen Golf von Mexiko vor der Küste des mexikanischen Bundesstaates Campeche.
Der schlimmste Blow-out geschah 1979 in derselben Gegend. Damals geriet das Bohrloch "XTOC-1" außer Kontrolle und konnte erste neun Monate später verstopft werden, die betroffene Plattform "Sedco-135f" sank. Insgesamt 3,5 Millionen Barrel Rohöl, über eine halbe Milliarde Liter, strömten damals aus. Immerhin gut 200 000 Barrel, 24 Millionen Liter, strömten an der norwegischen Ekofisk-B-Plattform aus, die am 22. April 1977 havarierte und den größten Ölunfall in der Nordsee verursachte. Nach sieben Tagen war hier das Loch gestopft, die Plattform selbst blieb weitgehend unbeschädigt.
Anders als diese beiden Plattformen ist die vergangene Woche gesunkene "Deepwater Horizon" keine Förderplattform zur regulären Ölproduktion an einer erschlossenen Lagerstätte. Vielmehr ist sie eine Explorationsplattform, die ihren Auftrag nahezu erledigt hatte, den vielversprechenden Macondo-Prospekt zu erkunden. "Die Genehmigung war bereits beantragt, die Arbeiten zu beenden und die Erkundungsbohrung zu versiegeln", erklärte ein Sprecher in der Londoner Zentrale des Energiekonzerns BP, der die Bohrung vom Plattformbetreiber Transocean hatte vornehmen lassen. BP bestätigte überdies US-Zeitungsberichte, denen zufolge es in dieser Woche die erfolgreiche Exploration des Vorkommens mit vielen Millionen Barrel Rohöl bekanntgeben wollte.
Die "Deepwater Horizon" war spezialisiert auf die Erkundung von Tiefseevorkommen. Sie konnte Wassertiefen von bis zu 3500 Metern überwinden und insgesamt 10.000 Meter tief bohren. Die Plattformen dieses Typs schwimmen auf zwei gewaltigen horizontalen Schwimmkörpern und können sich mit acht je 7500 PS starken Motoren vorwärtsbewegen. Die komplett schwenkbaren Motoren benutzt die Plattform auch vor Ort, um sich GPS-gesteuert in Position zu halten. Der Auftrieb der Schwimmkörper konnte variiert werden, je nachdem, ob die Plattform unterwegs oder über einem Vorkommen in Position gegangen war. "Deepwater Horizon" stammt aus dem Jahr 2001 und galt damit als moderne Bohrplattform. Für BP war das Fahrzeug seit 2007 im Golf von Mexiko im Einsatz und hatte seitdem verschiedene Explorationsaufträge erledigt.
Die Plattformen der Deepwater-Klasse bilden inzwischen nur noch einen kleinen Teil der Tiefwasserbohrflotte, die Transocean unterhält. Das Gros stellen heute Bohrschiffe, die die Größe von mittleren Öltankern erreichen. Die leistungsfähigsten können in Meerestiefen von bis zu 4000 Metern operieren und bis zu 14 000 Meter tief bohren. Der Boom der Tiefsee-Exploration hat dazu geführt, dass der im Schweizer Kanton Zug ansässige Weltmarktführer Transocean derzeit fünf Bohrschiffe bauen lässt, die vor Indien, Angola, im Schwarzen Meer und im Golf von Mexiko arbeiten sollen.
Die Transocean-Fahrzeuge werden eingesetzt, um Öl- oder Gasvorkommen unter dem Meer genauer zu erkunden. Hat sich ein Ölmulti die Explorations- und Förderrechte in einem Gebiet gesichert, muss untersucht werden, welche Art von Öl das Vorkommen enthält, unter welchen Bedingungen es im Untergrund gespeichert ist und auf welche Weise man den Rohstoff fördern kann. Nicht zuletzt soll die Exploration klären, wie groß das Vorkommen tatsächlich ist.
Erst wenn diese Untersuchungen vielversprechend waren, rücken die Förderplattformen an. In der Tiefsee kann man nicht mehr die massiven auf gewaltigen Stelzen stehenden Plattformen einsetzen, die noch in der Nordsee oder im Persischen Golf üblich sind. Hier werden schwimmende Plattformen verwendet, die über Stahltrossen am Meeresboden verankert sind und durch ihre schiere Masse stabil im Wasser liegen. Gefördert wird durch untermeerische Pumpstationen, die über den Förderbohrungen auf dem Meeresgrund sitzen und über Leitungen mit der Plattform verbunden sind.
So weit war man am Macondo-Prospekt indes noch nicht. Und nun steht dort auch nicht die weitere Erschließung im Zentrum, sondern das Abdichten der Lecks, aus denen das Rohöl ins Meer strömt. Offenbar wird weiterhin versucht, mit den ferngesteuerten Tiefseefahrzeugen ("remotely operated underwater vehicles", ROV) vor Ort den Blow-out-Preventer zu schließen. Diese ROV sind schwere Arbeitsmaschinen, die gegebenenfalls tonnenschwere Lasten bewegen können. Die Bohrfirmen benutzen sie unter anderem zum Bau der Unterwasserinstallationen. Den BOP doch noch in Gang zu setzen ist daher die erste Option.
Falls das nicht möglich ist, haben die Einsatzkräfte noch die Alternative, von einer Bohrplattform in der Nähe aus seitlich in die Erkundungsbohrung hineinzubohren, um sie mit "kill fluid" zu verstopfen - einem Brei mit hoher Dichte, der in die Bohrung injiziert wird und sie wie ein Pfropfen versiegeln soll. Allerdings dauert eine solche Bohrung einige Wochen, und solange würde weiterhin Öl austreten. Ebenfalls zeitaufwendig wäre eine Entlastungsbohrung an einer anderen Stelle des Vorkommens. Dadurch könnte man den Druck auf die Erkundungsbohrung senken und den Ölfluss eindämmen.
In dieser Zeit wären dann bereits Millionen Barrel Rohöl ausgetreten, selbst wenn sich die Lecks nicht vergrößerten. "Das ist eine sehr ernste Ölpest", betonte Konteradmiralin Mary Landry, Kommandantin der US-Küstenwache im Golf von Mexiko, auf einer Pressekonferenz am Sonntag. Umweltschützer gehen davon aus, dass ungünstigstenfalls sogar rund 7400 Barrel Rohöl pro Tag austreten könnten, je nachdem, aus welchem Teil der Lagerstätte das Öl aufsteigt. Am Ende könnte sich der Unfall zum größten Umweltdesaster der US-Ölindustrie seit der Havarie der "Exxon Valdez" vor gut 20 Jahren entwickeln.
An der Küste von Louisiana und Mississippi gibt es empfindliche und wertvolle Ökosysteme, sowohl an Land als auch im Flachwasser. Der Schaden, den das Rohöl dort anrichten könnte, wäre kaum zu ermessen, auch wenn sich im warmen Golf von Mexiko die klebrige schwarze Masse schneller zersetzt als in den kalten Gewässern vor Alaska.





