Die Morgensonne taucht die Landschaft von Skira in ein unnatürliches Licht. 2nd Lt. Mulholland, Chef der verdeckten Einsatztruppe, betrachtet nachdenklich und etwas melancholisch die Farben der Blätter und Bäume. Alles wirkt friedlich, wäre da nicht der Staub, den der bewaffnete Transporthubschrauber aufwirbelt. Die tief knatternden Geräusche der Rotorblätter nimmt er sowieso schon lange nicht mehr wahr.

Ein Funkspruch reißt ihn aus seinen Gedanken: Der Einsatzbefehl quäkt in seinem Headset. Er muss mit seinen drei Teammitgliedern eine Stellung mit Sunburn-Antischiffsraketen zerstören, damit die Landung der Truppen der US-Armee reibungslos vonstatten gehen kann. Er hat keine Zeit zu verlieren. Zusammen mit den Gewehrschützen Winters und Knox sowie dem Sanitäter Morales macht er sich auf den Weg durch die hügelige Graslandschaft.

Schon bald meldet Knox eine kleine Stellung der chinesischen Befreiungsarmee (VBA). Ein kurzer Befehl, und Schüsse peitschen durch die Landschaft. Kugeln schlagen in den Stamm eines nahe gelegenen Baums, daneben wirbeln braune Dreckspritzer vom Boden auf. Die Marines suchen Deckung. Mulholland kniet sich hin, um besser zielen zu können. Das Geräusch seiner MK17 gesellt sich zu dem dumpfen Knattern des Unterdrückungsfeuers von Knox und Winters.

Durch sein Zielfernrohr sieht er, wie ein Chinese getroffen wird und in Deckung geht. Ein zweiter sinkt tot zu Boden. Mulholland nimmt eine Handgranate und wirft sie dahin, wo er den noch Lebenden vermutet. Als sich Staub und Rauch der Explosion verziehen, lebt niemand mehr. Kurze Zeit später zerstört eine C4-Ladung die feuerbereiten Sunburn-Raketen. Und der nächste Auftrag wartet schon …

„Operation Flashpoint – Dragon Rising“ ist einer der zurzeit realistischsten Kriegs-Shooter, nicht nur wegen seines beängstigenden Szenarios. Als Mitglied einer kleinen Kommandoeinheit schalten Sie Verteidigungsanlagen aus, zerstören Radarsysteme oder ziehen Rettungs- und Aufklärungsmissionen durch. Vom ersten Moment an haben Sie das Gefühl, wirklich am Kriegsgeschehen teilzunehmen. Das liegt zu einem großen Teil an der hervorragenden grafischen Aufmachung und der Geräuschkulisse.

In der Ferne hört man das Schnarren von Kampfhubschraubern oder dumpfe Geräusche von schwerer Artillerie. Zudem hat jede Waffe ihr typisches Schussgeräusch, und die oft dramatisch klingenden Funksprüche tun ein Übriges. Die Möglichkeiten im Spiel sind immens: Wer sein Pulver verschossen hat, kann tote Soldaten ihrer Waffen, Munition und Ausrüstung berauben. Zwar sind Marines gut zu Fuß. Aber manchmal sind die Wege doch arg lang. Gut, wenn man dann ein Fahrzeug findet, mit dem man größere Strecken zurücklegen kann. Lastwagen, Boote oder Lufteinheiten kann, muss man aber nicht benutzen. Defekte Vehikel lassen sich unter Umständen sogar reparieren.

Über 60 Waffentypen und mehr als 25 Fahrzeugbauarten – zu Wasser, im Boden und in der Luft – sind im Spiel. Der schwierigste Teil des Spiels sind die Kämpfe. Wer mit dem Motto „Einfach drauflos ballern“ reingeht, kommt keine 200 Meter weit. Denn die feindlichen Soldaten sind schwer zu sehen, und sie schießen verdammt gut. Wenn es eng wird, rufen Sie schon mal Verstärkung und versuchen, verletzte Kameraden zu heilen. Auch dabei schlägt der hohe Realitätsgrad durch. Häufig reicht ein Treffer, und die Mission ist zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat. Mit Blutverlust ist nicht zu spaßen, da sollte sofort das Erste-Hilfe-Paket oder noch besser ein Sanitäter ran.

Sie müssen wirklich jede Kleinigkeit bedenken: Eine Schussverletzung am Bein macht es Ihnen zum Beispiel unmöglich, schnell zu laufen. Schade nur, dass Ihre Squad-Mitglieder diese Regeln nicht immer beherzigen, sondern zuweilen etwas dusselig agieren. Grundsätzlich steuern Sie die Jungs mithilfe eines kreisförmigen Menüs, in dem Sie Angriffs-, Verteidigungs- und taktisches Verhalten sowie weitere Grundsätze festlegen können. Trotzdem sind Ihre Teammitglieder ein Schwachpunkt. So legen sie sich bei Gefechten schon mal lieber auf die offene Straße, statt hinter einer kleinen Mauer Schutz zu suchen. Oder sie bleiben sogar einfach stehen und feuern drauflos. Stirbt einer Ihrer Mitstreiter, wird in den meisten Fällen die Mission ungleich schwerer. Deshalb sollten Sie immer auf Ihre Jungs achten und vorab die Strategie festlegen.

Fazit: Operation Flashpoint – Dragon Rising ist nichts für Warmduscher. Kugeln pfeifen dem Spieler um die Ohren, verwundete Soldaten fluchen oder schreien, und wenn Sie aufrecht zu nah an eine feindliche Stellung kommen, sind Sie schneller tot, als Sie „A“ sagen können. Realistischer ist zurzeit kaum ein Spiel. Doch das wirkt sich immens auf den Schwierigkeitsgrad aus, der selbst geübte Spieler zum Fluchen bringt. Eine Mission im ersten Anlauf ohne virtuellen Tod zu überstehen ist nur schwer möglich. Zudem ist es gerade in hektischen Kämpfen etwas umständlich, Ihren Mitstreitern Befehle zu erteilen.

Spielt man zusammen mit Freunden im Koop-Modus, erledigt sich dieses Problem. Ärgerlich sind zudem diverse Fehler im Spiel: Nach dem Verlust eines Spiel-Lebens kann man an einem vordefinierten Kontrollpunkt wieder neu starten. Leider kam es vor, dass plötzlich feindliche Einheiten dort auftauchten, die es zuvor an der Stelle noch nicht gab. Die Atmosphäre des Spiels ist exzellent, aber nicht konsequent.

Gräser und Büsche bewegen sich nicht zur Seite, was beim Kämpfen im Liegen oder in der Hocke das Sehfeld extrem behindert. Zudem sehen die chinesischen Soldaten nicht sonderlich asiatisch aus. Dennoch ist Dragon Rising ein Spiel, das fesselt, sofern man solche Szenarien mag. Allerdings sollten wegen des hohen Schwierigkeitsgrads nur altgediente Actionspieler zugreifen.

Vorteile:

- Sehr realistisch

- Vielzahl von Waffen und Fahrzeugen

Nachteile:

- Verhalten der Teammitglieder manchmal unsinnig

Testergebnisse (für PC):

Testergebnis: gut

Note: 2,15

Preis/Leistung: befriedigend

Preis laut Hersteller: 49,99 Euro

Mehr zum Thema finden Sie in der aktuellen "Computer Bild Spiele", Ausgabe 11/09.