Hochriskante Operation

Die wundersame Heilung der neunjährigen Ronja

| Lesedauer: 8 Minuten
Stefanie Schneider

Foto: Sven Lambert

Ronja ist Spastikerin und konnte bis vor Kurzem nicht richtig gehen: Befehle, die ein gesundes Gehirn über das Rückenmark an die Muskeln in den Beinen sendet, kamen bei ihr zu stark an. Ein Berliner Arzt hat ihr mit einer hochriskanten Operation geholfen. In Europa beherrscht die Methode niemand besser.

Das ist nicht ungefährlich, sagt der Arzt. Die Mutter der kleinen Patientin presst die Handflächen ineinander. Das Mädchen lächelt: „Musst du mir noch was sagen?“ Kopfschütteln.

Ein Zauber umfängt dieses Kind. Sie ist neun Jahre alt – alt genug, um zu verstehen. Doch am Vortag der hochriskanten OP schaut sie zum Fenster hinaus, spielt gedankenverloren mit ein paar Handschuhen. „Ich weiß ja, dass ich damit umgehen kann.“ Morgen, sagt der Arzt, werden sie ihr ein Stück Rücken aufschneiden. Ihr Rückenmark freilegen, die Nerven. Dann werden sie die Schere nehmen. Sie nickt.


So, wie Blinde besser hören als andere, scheint es, hat Ronja die Gabe, gelassener zu reagieren. „Du musst ja immer überlegen, was du tust“, sagt sie. Jeder Schritt macht Mühe, will geplant sein. Ronja ist Spastikerin. Die Operation hat sie sich gut überlegt: Sie wollte das nicht. Ihre Kinderärztin in Berlin hatte gesagt, dabei würden Teile der Rückennerven durchtrennt. Doch irgendwann begann Ronja nachzudenken, wenn sie im Scherengang zur Schule lief; neben sich ihre Freundin Helene, die ihr zuliebe stets einen Schritt langsamer ging. Eigentlich war ja alles gut so. Andererseits...


Ronjas Problem entsteht im Kopf: Befehle, die ein gesundes Hirn über das Rückenmark an die Muskeln sendet, kommen bei ihr verzerrt in den Beinen an. Diese Signale sind es, die unterbunden werden müssen – elektrische Signale, denn der Mensch funktioniert, nicht anders als jede Spielekonsole, elektronisch. An Menschen mit „Elektronikfehlern“ wird nun in Deutschland die selektive dorsale Rhizotomie (SDR) angewandt, was so viel heißt wie „Durchtrennung ausgewählter Nervenanteile“. Stränge, die die Spastiken übertragen, werden unterm Mikroskop zerschnitten; erhalten bleiben nur die funktionierenden Teile. Für die Kinder ist das Chance und Dilemma zugleich: Weil Mediziner das Problem im Hirn nicht beheben können, müssen sie an sich intakte Nerven im Wirbelkanal zerstören. Seit Jahren suchen französische Forscher nach sanfteren Mitteln, wollen Spastiken mit elektrischen Gegenimpulsen blockieren. Doch die Forschungen sind noch dürftig, und Ronja hat keine Zeit: In fünf, sechs Jahren wären auch ihre Muskeln und Gelenke so weit degeneriert, dass eine Operation ihr den aufrechten Gang nicht zurückbringen könnte.

Doch genau diese Erfolge verspricht die SDR Patienten, die bei der Operation (gerade noch) gehfähig sind. Und mehr: „Wir haben hier Erfolge, die gehören eigentlich in den Bereich des Voodoo“, sagt Neurochirurg Hannes Haberl von der Berliner Charité, der die Operation als Erster in Deutschland ausgeführt hat. Wenn auch die OP im Lendenwirbelbereich wissenschaftlich nur den Beinen helfen dürfte, bessern sich bei vielen Kindern die Kontrolle von Oberkörper, Händen, Sprache. Bei manchen platzt ein innerer gordischer Knoten: So kann ein ehemaliger Charité-Patient mit seiner vormals steifen Hand wieder schreiben. Am Childrens Hospital im amerikanischen St.Louis, das die meisten SDR vornimmt, wurden ähnliche Beobachtungen gemacht. Wie kann das sein? Das hat noch niemand untersucht.

Nicht jeder Arzt kann sich an die Operation wagen

Wer die Reise ins Gespinst menschlicher Nerven riskieren will, muss nicht nur Neurochirurg sein, sondern von Natur aus verschiedene, teils widersprüchliche Anlagen in sich vereinen: den Pragmatismus eines Elektrikers. Die Akribie eines Kirschkernschnitzers. Und schließlich ein wenig künstlerische Tollheit. Zum Beispiel Hannes Haberl. Der Arzt ist weit gereist: An der Uniklinik Marseille hat er deformierte Kinderschädel umgeformt. Während deutsche Chirurgen nach persönlichem Gusto an Schädeln herumzimmerten, war er es, der Kernspintomografien kindlicher Köpfe auswertete und einen Katalog für überzeugende Operationen erstellte. In Moskauer Kliniken lernte er zu improvisieren. Dort landen bei Hirnoperationen Stücke ausgelöster Schädeldecken im Mülleimer, dafür bekommen die Operierten „schöne Narben“ – Wundverschlüsse in einer einmalig simplen Nahttechnik ohne Knoten und Abrücke. Und schließlich Amerika: Hier, bei Professor Tae Sung Park lernte Haberl die SDR. Routiniert, ja beinahe ruppig, wirkt der hochgewachsene Mann, wenn er mit dem Highspeed-Bohrer hantiert. Steht mit gekreuzten Beinen am Operationstisch wie an einer Pommesbude. Bis der Nerv freiliegt. Dann beginnt auch für ihn die Überwindung.

Heute ist Ronja dran. Sie ist seine 17.SDR-Patientin. Vier Leute haben über ihre OP entschieden – Orthopäde, Neuropädiater, eine Krankengymnastin und Haberl. Nun liegt sie auf dem Tisch, betäubt mit einer „flachen Anästhesie“. Wenig Narkosegas. Viel Schmerzmittel, eine kontinuierliche Infusion. Die Muskelaktivität muss erhalten bleiben. Man kommt nicht umhin, dieses Kind lieb zu gewinnen, das da gespickt von 40 Nadeln auf dem Stahltisch liegt. Nadelelektroden, zwei mal zehn Paar, Pluspole, Minuspole, stecken in ihrem Fleisch, ein Gestrüpp aus Leitungen. Haberl schneidet den Rücken auf, bohrt den Knochen weg. Sie sind jetzt mitten im Wirbelkanal. Dann tritt ein matt schimmernder Streifen hervor: Ein schier endloser Strang aus Nerven, glänzend wie Seidenbast, teilt sich und teilt sich in millimeterdünne Nervenwurzeln und feinste Faszikel: das menschliche Hauptkabel. „Solange ich denken kann, wurde ich darauf getrimmt, hier nichts zu verletzen“, sagt Haberl. „Jetzt tue ich genau das.“

Unterm Mikroskop platziert er die Nervenfasern auf ein Tablett, isoliert sie, prüft sie. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Lampenprüfgerät im Baumarkt: Jeder Faszikel wird unter Strom gesetzt, die Elektroden in den Muskeln melden den Erfolg. Ihre Kabel führen zum „intraoperativen Monitoring“ – ein Gerät, das Muskelreaktionen misst; Stromstärke und Frequenz.

„Ich beginne mit der Stimulation“, sagt die Frau am Monitor, schickt ihren Strom los und erhält Antwort. Auch von der Krankengymnastin, die die Zuckungen des Kindes mit den Händen abtastet. Faszikel um Faszikel arbeiten sie sich voran, eine Litanei anatomischer Termini durchquert den Raum. „Pathologische hyperaktive Antwort am Vastus medialis rechts.“ Und dann wird entschieden: durchtrennen. An dieser Stelle möchte man dem Chirurgen in den Arm fallen. Was ab ist, wächst nie wieder zusammen! „Ja“, sagt Haberl, „aber da ist was zu viel.“

„Die SDR ist wissenschaftlich untermauert“, sagt Philip Kunkel, Neurochirurg am Altonaer Kinderkrankenhaus. Wenige Wochen nach der ersten Operation in Berlin hat auch Kunkel in Hamburg Nervenfasern eines Jungen durchtrennt, der vier Monate danach anfängt, normal zu gehen. Doch anders als die Ärzte von der Berliner Charité öffnen die Hamburger nicht einen Wirbelbogen, sondern fünf.

Haberl aber ist in Europa der Einzige, der mit einem Fenster von fünf Zentimetern auskommt, neidvoll betrachtet von Kollegen aus Belgien, Frankreich und England, die ihre Patienten bislang weit mehr traktieren müssen. „Die SDR ist eine gute Methode“, sagt Professor Klaus Roosen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie – allerdings, Haberls elegante Lösung hat ihren Preis: Das Risiko ist höher. Dennoch: „Die SDR ist eine sehr gute Maßnahme für spastische Gangstörungen“, sagt auch Ralf Becker, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie in Seesen. „Leider wird sie in Deutschland noch viel zu wenig genutzt.“ Zudem ist sie preiswert: Mit circa 9000 Euro Operationskosten ist sie langfristig billiger als die Dauerversorgung mit Medikamenten. Sie hat auch nicht deren Nebenwirkungen, wirkt gezielt und ist vor allem für lokale Spastiken eine Alternative.

Hannes Haberl steht die fünfte Stunde am Operationstisch. Er hat inzwischen 17 Nervenbündel durchtrennt. Wenn Ronja aufwacht, wird sie sich benommen fühlen. Bei ihren ersten Laufversuchen fühlen sich ihre Beine noch weich an wie Pudding, bis die verbliebenen Nervenbündel die Arbeit der anderen übernehmen. Sie wird neu gehen lernen und, hoffentlich, eines Tages laufen wie alle anderen auch. Haberls Mentor in St. Louis ist dies schon gelungen – manche seiner Patienten fahren heute Ski.