Volkskrankheiten

Damit Ihr Gehirn auch im Alter fit bleibt

| Lesedauer: 5 Minuten
Eva Maria Siefert

Foto: DDP

Vergessen wer man ist: Das ist das Schicksal von zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland. Demenzerkrankungen nehmen Betroffenen jegliche Lebensqualität und sind auch für Angehörige eine schwere Belastung. Ein Heilmittel für die im Alter vorkommende Krankheit gibt es nicht.

Wir werden immer älter, seit 1840 ist die Lebenserwartung in Mitteleuropa um durchschnittlich 40 Jahre gestiegen. Doch das lange Leben fordert einen hohen Preis. Mit jedem hinzugewonnenen Jahr steigt das Risiko für eine Demenz, definiert als im Alltag spürbarer Verlust von Gedächtnis und kognitiven Funktionen wie Denken, Wahrnehmung, Erinnerung, Erkennen und Verstand. Liegt das Erkrankungsrisiko bei 65- bis 69-Jährigen noch bei 1,2 Prozent, ist bei den über 80-Jährigen schon ein Viertel betroffen.

Und das ist erst der Beginn, 2030 rechnen Experten mit 2,5 Millionen Patienten in Deutschland. „Demenzerkrankungen sind für die Betroffenen und deren Angehörige extrem belastend“, sagt Claus-Werner Wallesch, Chef der Neurologie an der Uniklinik Magdeburg. „Und wir werden in den nächsten Jahrzehnten auch die volkswirtschaftlichen Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen.“

Auch wenn der Begriff „Demenz“ oft synonym mit der Alzheimerkrankheit verwendet wird, kann der geistige Abbau andere Ursachen haben. Bei 15 Prozent aller Patienten findet sich eine vaskuläre Demenz, verursacht durch langjährigen Bluthochdruck. Der schädigt die Wand der kleinen Hirngefäße. Die Folge sind winzige, gefäßnahe Einblutungen, Durchblutungsstörungen und Gefäßverschlüsse. „Typisch für diese Demenzform ist ein abrupter Beginn mit stufenweiser Verschlechterung“, sagt Matthias Endres von der Berliner Charité.

Was in seinem Gehirn passiert, merkt der Patient erst dann, wenn die Menge der untergegangenen Nervenzellen eines Hirngebietes eine kritische Größe erreicht. Oder wenn eine zentral wichtige Hirnfunktion geschädigt ist, der Betroffene beispielsweise einen Schlaganfall erleidet. „Solche Demenzformen werden aber seltener, weil uns seit 30 Jahren eine vernünftige Blutdrucktherapie zur Verfügung steht“, sagt Neurologe Wallesch.

Bereits die Normalisierung des systolischen (oberen) Blutdruckwertes bedeutet für Hochdruckpatienten ein nur noch halb so großes Risiko für eine vaskuläre Demenz. Bei weiteren zehn Prozent der Demenzpatienten sind besonders das Vorder- und das Schläfenhirn betroffen, die Neurologen unterscheiden hier anhand der Symptome verschiedene Unterformen.

Die können sich in zunehmendem Sprachverlust äußern, im „Verlust des Wissens über die Welt“. Dann werden auch vertraute Gesichter allmählich nicht mehr erkannt, oder das Verhalten verändert sich: Die Körperhygiene wird vernachlässigt, Starrsinn, stereotype Bewegungsabläufe oder geistige Unflexibilität sind dafür wegweisend. Bei einer mit fünf Prozent eher seltenen Demenzform zeigt sich neben dem geistigen Abbau auch eine Bewegungsstörung, die der der Parkinsonkrankheit gleicht (Lewy-Körperchen-Demenz).

Häufigste Demenzform ist jedoch die Alzheimerkrankheit, bei 50 bis 65 Prozent aller Patienten finden sich die für Alzheimer typischen Anzeichen. „Gedächtnisprobleme sind das Leitsymptom“, sagt die Wiesbadener Psychologin Cathrin Raasch. „Hinzu kommen Sprachprobleme und Wortfindungsstörungen. Anfangs zeigen Alzheimerpatienten beim Sprechen oft so ein Ringen nach dem richtigen Begriff, gespickt mit fantasievollen Umschreibungen des Wortes, nach dem der Patient sucht.“

Nach und nach gehen immer mehr Wissen und Erinnerung verloren, der vertraute Weg zum Bäcker, die Erinnerung an die eigene Silberhochzeit, die Telefonnummer des Bruders, der Name der Tochter. Schließlich werden sogar essenzielle Dinge des Überlebens vergessen, Essen, Trinken, sogar Schlucken. Die Vorstellung, so im Alter dahinzudämmern, ist für die meisten Deutschen beängstigend.

Neben neurologischer Untersuchung und dem Gespräch mit dem Patienten gilt es, die Angehörigen zu befragen: „Die Verhaltensbeschreibung durch nahestehende Menschen kann wegweisend sein“, sagt Wallesch. Zudem muss mit Bluttests und Kernspinresonanztomografie eine sekundäre Demenz ausgeschlossen werden. Zuckerstoffwechselstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, aber auch Tumore oder Abflussstörungen des Hirnwassers kommen in Betracht. „Eine weitere bildgebende Diagnostik erübrigt sich in vielen Fällen, weil es keine therapeutischen Konsequenzen hat“, sagt der Demenzexperte.

Denn die scheinbar typischen Amyloid-Ablagerungen fand schon der Krankheitsentdecker Alois Alzheimer unter seinem Mikroskop. „Diese Plaques entdecken wir aber auch bei völlig gesunden Älteren ohne Demenz“, sagt der Göttinger Neurobiologe Thomas Bayer. Die Eiweißablagerungen bestehen überwiegend aus sogenannten Amyloid-Beta-Peptiden. Die Ablagerungen führen zur „Vermüllung“ und schließlich zum Absterben der Nervenzellen. Zentrales Ziel bisheriger Forschung war es deshalb, Substanzen und damit Therapiemöglichkeiten zu finden, um die Ablagerungen zu beseitigen.

Doch Amyloid-Beta spielt eine wichtige Rolle in vielen Stoffwechselvorgängen. Die Kernfrage lautet deshalb, durch welche Prozesse ausgerechnet in den Hirnzellen daraus ein unlösliches und toxisches Eiweiß gebildet wird. Hans-Ulrich Demuth, Biochemiker und wissenschaftlicher Leiter beim Biotec-Unternehmen ProBioDrug, ist sich sicher, den Schlüssel für den Vermüllungsprozess gefunden zu haben: „Durch eine Strukturveränderung an einem ihrer Enden werden bestimmte Amyloid-Beta-Peptide zu unlöslichen Peptiden, die nicht mehr abgebaut werden können.“

Doch Demuth ist schon weiter. Das Unternehmen hat ein Enzym gefunden, das für diesen Prozess verantwortlich ist, und hat dagegen einen Hemmstoff entwickelt. Thomas Bayer sieht darin einen vielversprechenden Ansatz für eine zukünftige Therapie: „In vielleicht fünf Jahren könnten wir so Alzheimer behandeln.“ Wallesch sieht dagegen die größte Chance in einer Antikörpertherapie. Eine entsprechende Impfstudie musste allerdings abgebrochen werden. Nun wird ein verbesserter Impfstoff getestet. Nicht zuletzt, weil immer mehr Menschen an Alzheimer erkranken, ist ein Durchbruch bei der Therapie dringend nötig. Denn wirklich vorbeugende Maßnahmen gibt es bisher nicht.