Morgenpost Online : Die Läden locken mit Schnäppchen, Menschen eilen mit Tüten bepackt durch die Straßen. Macht die Adventszeit kaufsüchtig?
Marc-Andreas Edel : Sie bietet Schlüsselreize als Auslöser, aber sie verursacht die Kaufsucht nicht. Allerdings können Betroffene ihre Sucht sehr gut hinter dem Weihnachts-Shopping verbergen. In der Vorweihnachtszeit ist es üblich, viel Geld für Weihnachtsgeschenke auszugeben. Das kann Kaufsüchtigen sowohl eine Anregung als auch eine Rechtfertigung sein. Zum anderen ist die Advents zeit eine Zeit der Gefühle, auch negativer. Dies kann wiederum bei Kaufsüchtigen ein Nährboden für vermehrtes Kaufverlangen sein.
Morgenpost Online : Wer ist betroffen?
Marc-Andreas Edel : Vor allem Menschen zwischen 30 und 40. Im Teenageralter und bei Senioren sind die finanziellen Möglichkeiten oft beschränkt, so dass sie nicht lange unbemerkt ihre Sucht ausleben können. Gefährdet sind bis zu acht Prozent der Bundesbürger, mindestens ein Prozent ist erkrankt, aber die Grauzone ist groß und die Tendenz steigend.
Morgenpost Online : Welche Unterschiede gibt es zwischen Frauen und Männern?
Marc-Andreas Edel : Einer britischen Studie zufolge sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen. Frauen kaufen eher Kleidung und Kosmetika, Männer Unterhaltungselektronik und Werkzeuge. Vieles verschwindet unausgepackt in Schränken.
Morgenpost Online : Gibt es ein typisches erstes Mal?
Marc-Andreas Edel : Der erste Kaufrausch ist beeindruckend. Stress, und Unzufriedenheit fallen weg. Der Kauf hat einen euphorisierenden Effekt. Reue tritt beim ersten Mal noch nicht auf, weil es normalerweise nicht gleich Miese auf dem Konto gibt. Das erste Mal ist wie ein Auf takt. Der Effekt wird als so positiv empfunden, dass die Handlung wiederholt wird. Dann kommt es darauf an, ob sich die typischen Suchtmerkmale entwickeln.
Morgenpost Online : Welche sind das?
Marc-Andreas Edel : Eine Sucht liegt vor, wenn mindestens drei der folgenden sechs Suchtmerkmale auftreten: 1. Eine Toleranzentwicklung, das heißt der Belohnungseffekt durch das Kaufen nimmt ab, so dass die „Dosis“ gesteigert werden muss. 2. Der „Suchtdruck“, ein unwiderstehliches Verlangen zu kaufen. 3. Entzugssymptome, wie innere Unruhe, Zittern, Schwitzen. 4. Ein Kontrollverlust, Beginn, Verlauf und Beendigung der Einkaufstour können nicht mehr gesteuert werden; 5. Eine starke Ausrichtung des gesamten Alltags auf das Kaufen, und 6. Fortgesetztes Kaufen trotz eindeutig negativer Konsequenzen: Enttäuschung, Schuldgefühle, Schulden.
Morgenpost Online : Wie lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen, ein Kaufsüchtiger muss ja trotzdem weiter einkaufen?
Marc-Andreas Edel : Klar, er kann in dem Fall keine totale Abstinenz einhalten, sollte aber, vielleicht für einige Monate, bis er gefestigter ist, bei Stress besonders achtsam sein. Es kann auch eine Hilfe sein, die Verfügbarkeit über EC- oder Kreditkarten und vielleicht sogar den Internetzugang vorübergehend abzuriegeln oder diese Dinge einer Vertrauensperson in „Kommission“ zu geben. Letztlich muss er lernen, sich anders zu stabilisieren und zu belohnen als über exzessives Kaufen.
Morgenpost Online : Welche Hilfsangebote gibt es für Betroffene?
Marc-Andreas Edel : Zunächst sollten sie eine Suchtberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Es gibt auch spezielle psychiatrische und psychotherapeutische Klinikambulanzen, zumal Kaufsucht häufig mit Ängsten oder Depressionen verbunden ist. Insgesamt ist das Angebot aber noch viel zu gering, was vor allem daran liegt, dass Kaufsucht nicht als Krankheit anerkannt ist.
Marc-Andreas Edel ist Oberarzt und Kaufsucht-Experte an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bochum.




