Eigentlich dürfte Dr. Thomas Grunwalds (41) Nase nicht so rot sein. Der Allergietest, den er bei seinem Arzt machen ließ, war negativ. Aber ohne Zweifel ist es in diesem Jahr besonders schlimm. „Die gängigen Allergietests sind leider oft nicht vergleichbar und nicht immer zuverlässig“, sagt der Biochemiker. Er ist im Management des Unternehmens PLS-Design. Die Biotechnologie-Firma an der Uni Hamburg entwickelt die Allergietests der Zukunft – und die Therapie.
Diesen Schwerpunkt hat das Team aus zwölf Mitarbeitern natürlich nicht, weil Grunwald seit etwa zwei Jahren Betroffener ist – sondern weil Firmenmitgründer Professor Markus Ollert, der auch an der TU München arbeitet, fand, dass es so nicht weiter gehen kann. Etwa 30 Prozent der Deutschen sollen nach Schätzung von Experten unter mindestens einer Allergie leiden. Bis zum Jahr 2010 soll es bereits die Hälfte der Bevölkerung sein. Darunter viele Kinder. Allergien sind nicht nur eine Überreaktion des Immunsystems. Wenn sie nicht rechtzeitig erkannt werden, besteht die Gefahr der Chronifizierung. Aber am Erkennen hapert es noch.
Eine ernste Folge von Heuschnupfen kann Asthma sein. Bei Bienenstichen kann es schlimmer ausgehen. Auf Insektenstiche hat sich die Firma spezialisiert. „Erst ist es nur eine Rötung, beim nächsten Stich gibt es eventuell leichte Kreislaufbeschwerden“, sagt Grunwald, „wenn man dann nichts unternimmt, kann der folgende Stich zu einem allergischen Schock führen.“ Und das kann lebensgefährlich sein. Etwa 20 Prozent der Deutschen reagieren laut Grundwald allergisch auf Bienen- oder Wespenstiche. Viele Menschen werden zwar wie er nur als Kind einmal von einer Biene gestochen. Aber darauf sollte man sich nicht verlassen, sondern einen Test machen. Bislang sind die Patienten aber danach nicht immer schlauer.
Gängige Tests weisen Substanzen oft nicht nach
Gerade in Bienengift gibt es Komponenten, die nur einen verschwindend geringen Anteil ausmachen. „In den gängigen Tests können Allergien auf diese Substanzen oft gar nicht nachgewiesen werden“, sagt Grunwald. Zudem verwenden die Hersteller solcher Tests einen Pool von Blutseren von vielen Patienten, um ihre Allergietests zu überprüfen, bevor sie auf den Markt kommen. Nicht alle Patienten sind das ganze Jahr über gleich stark allergisch. Die Firmen haben nicht alle den gleichen Pool aus Blutseren, sondern unterschiedliche. Außerdem kann es sein, dass einige Allergien auf bestimmte Substanzen einfach nicht dabei sind. Deshalb kann ein Patient bei einem Arzt einen positiven Test bekommen, bei dem nächsten aber die Entwarnung – werden unterschiedliche Tests verwendet. „Das haben wir alles schon erlebt“, sagt Grunwald.
PLS-Design forscht deshalb an einer Standardisierung der Tests. „Der Trend geht dahin, ein größeres Spektrum zu testen – und Allergien molekular zu bestimmen“, erklärt der Chemiker. Die Firma arbeitet an einem Serum-Ersatz. Sie stellen künstlich die Bösewichte her, die für die einzelnen Allergien zuständig sind. So können auch Substanzen getestet werden, die eigentlich nur in geringen Mengen vorkommen, beispielsweise im Bienengift. Die Bösewichte sind Antikörper, sie binden im Körper die Proteine der Pollen oder des Bienengiftes. Im Kühlschrank liegen schon die künstlichen Antikörper gegen 30 Substanzen wie Birkenpollen, Haselsträucher und diverse Bienen- und Wespengifte. „Dazu nutzen wir die Geninformation von den Immunzellen aus dem Blut von Patienten als Vorlage“, so Grunwald.
Fördergelder vom Bundesministerium
An der Standardisierung ist auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) interessiert und fördert deshalb die Hamburger. Mit den Fördergeldern läuft es sowieso ganz gut. Die kleine Firma muss nicht lange erklären, was sie macht. Meist sind die Geldgeber selbst betroffen. Der eigentliche Grund ist aber vermutlich, dass in ihren Forschungsansätzen Zukunft gesehen wird. Zusätzlich zu Fördergeldern riskiert das Management von PLS-Design das eigene Geld. Sie wollen unabhängig von Fremdkapital bleiben.
Nicht nur die Forschung an der Diagnose von Allergien wird gefördert: Die Hamburger Innovationsstiftung unterstützt den Therapie-Ansatz. Bei Lebensmitteallergien kann man meistens die entsprechende Substanz umgehen – etwa Zitrusfrüchte. Aber Gräser, Pollen oder Wespen? Wenn der Leidensdruck zu groß wird, versuchen viele Allergiker es mit einer Desensibilisierung. „Das ist auch vernünftig“, sagt Grunwald – obwohl es die wenigstens durchhalten. Zwei bis drei Jahre dauert die Behandlung, Nebenwirkungen und häufige Arztbesuche inklusive. Niemand kann ihnen garantieren, dass es ihnen danach besser geht.
Die Hamburger haben einen Plan. Sie arbeiten an „guten“ Allergenen für eine schonende Immuntherapie. So genannte hypoallergene Moleküle. Diese künstlichen Allergene sind ihren Originalen sehr ähnlich. Mit einem Unterschied: Es fehlen einfach die Andockstellen der Bösewichte, der Antikörper für die Allergene. Nur die Andockstellen des normal reagierenden Immunsystems sind vorhanden. Die Folge: kaum Nebenwirkungen bei der Immuntherapie. Ende des Jahres will das Team bereits mit Tierversuchen für das Projekt beginnen.
Für Grundwald persönlich sollten aber zunächst die klinischen Studien zu den Allergietests erfolgreich laufen – damit er erfährt, welche Pollen oder Gräser ihm eigentlich zu schaffen machen.





