Mehr Depressionen durch gesellschaftliche Veränderungen

„Die wachsende Mobilität führt zu einer Vereinsamung der Menschen“, erklärt Psychiaterin Sabine Herpertz. Neue Medikamente wirken offenbar rascher als herkömmliche Antidepressiva.

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Gesellschaftliche Veränderungen haben nach Ansicht der Rostocker Psychiaterin Sabine Herpertz Depressionen zur Volkskrankheit werden lassen. 18 Prozent der Bevölkerung seien im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Bei Frauen liege die Quote doppelt so hoch wie bei Männern, sagte sie anlässlich einer Tagung von Psychiatern aus ganz Deutschland. Experten erwarteten eine weitere Zunahme.

Grund sind laut Herpertz gesellschaftliche Veränderungen: „Die wachsende Mobilität führt zu einer Vereinsamung der Menschen. Familien werden auseinander gerissen. Ehen werden geschieden. Ältere bleiben alleine zurück.“ Das führe zu einem besonders starken Anstieg der Erkrankungen bei über 60-Jährigen.

Ein weiterer Grund sei der wachsende Druck am Arbeitsplatz - unter anderem wegen der Angst vor Arbeitslosigkeit und der Forderung nach lebenslangem Lernen, was die Menschen überfordere. Herpertz empfahl, mit Mechanismen zur Stressbewältigung Depressionen vorzubeugen. „Wichtig ist, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und damit umzugehen. Perfektionistische Menschen, die besonders gefährdet sind, an Depressionen zu erkranken, sollten akzeptieren, dass sie nicht immer 100 Prozent geben müssen, sondern auch mal etwas liegen lassen können.“ Gerade junge Menschen könnten auch durch Sport vorbeugen. „Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass Sport antidepressiv wirkt.“

Herpertz zufolge sollten Depressionen auch als Krankheit ernster genommen werden. Familie und Kollegen von Betroffenen interpretierten oft die Antriebslosigkeit als fehlende Anstrengung. „Häufig wird Depressiven gesagt, sie sollen sich zusammenreißen. Depressionen können aber nicht durch Willensanstrengung überwunden werden.“

Wenn jemand erkrankt sei, brauche der Depressive die Hilfe eines Psychotherapeuten oder Psychiaters, in schweren Fällen müssten auch Medikamente genommen werden. „Allerdings werden 40 Prozent aller Depressiven nie behandelt und bei den anderen ist die Behandlung oft unzureichend“, mahnte Herpertz. Viele Kranke gingen aus Angst vor Stigmatisierung nicht zum Arzt. Zudem gebe es in den großen Städten zwar inzwischen ausreichend Psychiater und Therapeuten, in ländlichen Regionen jedoch häufig nicht. „Depressive, die ohnehin unter Antriebslosigkeit leiden, schaffen es nicht, 30 Kilometer zum Psychiater zu fahren.“ Hier seien besonders Hausärzte gefragt, bei ihren Patienten auf Depressionssymptome zu achten.

Hoffnung auf rascher wirkende Medikamente

Neue hormonbasierte Medikamente wirken offenbar rascher als herkömmliche Antidepressiva, wie der Mediziner Paul Lucassen von der Uni Amsterdam auf einem wissenschaftlichen Kongress in Wien erläuterte. In klinischen Studien mit einer großen Zahl von Patienten habe sich gezeigt, dass das Medikament RU486 Psychosen und Depressionen innerhalb weniger Tage mildern könne, betonte der Forscher. „Die Substanz scheint gut und schnell zu wirken. Es macht uns Mut zu sehen, dass die Patienten weniger depressiv sind.“

Bei Dauerstress schrumpfen laut Lucassen die Nervenzellen im Hippocampus, also in der Region des Gehirns, die für das Gedächtnis und das Lernen wichtig ist. Gleichzeitig aber komme es dort stets auch zur Neubildung von Nervenzellen. Das sei von entscheidender Bedeutung, weil Antidepressiva erst dann wirkten, wenn das Gehirn neue Nervenzellen bilde. 24 Stunden nach einer plötzlichen Stressattacke sei die Nervenneubildung rasch wieder auf ein Normalmaß angestiegen. Nur nach unvorhergesehenem, lange anhaltendem Stress benötige das Gehirn unter Umständen Wochen, bis es wieder in normalen Bahnen agiere, sagte der Experte. Die Tatsache, dass Stress keine dauerhaften Schäden im Gehirn anrichte, sei für die Entwicklung neuer Ansätze zur Behandlung von Depressionen also sehr aussichtsreich.