Schöpfungsgeschichte

Mit dem Koran gegen die Evolutionstheorie

Adnan Oktar führt einen erbitterten Feldzug: Sein Feind ist der Darwinismus. In der Evolutionstheorie sieht er die Wurzel von Faschismus und Terrorismus. Um Darwins Lehre zu widerlegen, bringt der muslimische Autor europaweit seinen eigenen "Atlas der Schöpfung" unters Volk.

Foto: Joachim Moog / Okapia

Seinen Feldzug gegen die Evolutionstheorie hat der muslimische Autor Adnan Oktar groß angelegt. Um die von Charles Darwin (1809-1882) entwickelte Lehre von der Entwicklung der Arten zu widerlegen, verschickt der Türke ungefragt seinen 800 Seiten starken „Atlas der Schöpfung“. Offenbar haben zehntausende Lehrer den Hochglanzdruck erhalten – vor allem in Frankreich und der Türkei, aber auch in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern. Oktar, der unter dem Pseudonym Harun Yahya schreibt, will nicht nur Allahs Schöpfung beweisen. Er will die Evolutionslehre als angebliche Wurzel von Faschismus und Terrorismus bekämpfen.

„Der Mythos der menschlichen Evolution hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage“, behauptet Oktar. Hunderte Bilder von Fossilien in seinem Atlas sollen beweisen, dass Gott alle Arten schon in ihrer endgültigen Form erschaffen habe. Dabei predigt er keine Schöpfung in sechs Tagen wie einige christliche Gruppen. Aber eine Entwicklung – etwa vom Affen zum Menschen – ist für ihn undenkbar. „So wie uns heute die Religion von Menschen, die Krokodile anbeten, absurd und unmöglich erscheint, so unglaublich sind die Überzeugungen der Darwinisten.“

Mit missionarischem Eifer und dem Koran greift Oktar die vermeintliche Verschwörung von Atheisten und Materialisten an, die sich auf Darwin berufen. Der einstige Student einer Istanbuler Universität für schöne Künste will die „dunklen Verbindungen zwischen Darwinismus und den blutigen Ideologien des Faschismus und Kommunismus“ enthüllen. Auch religiös motivierte Terroristen seien „in Wirklichkeit Sozialdarwinisten“. Dagegen bringe der Islam den Frieden, so der Autor.

Der 1956 geborene Oktar ist ein Vielschreiber. Mehr als hundert Werke soll er verfasst haben. Fleißige Anhänger übersetzten viele davon - auch der Schöpfungs-Atlas mit vielen Koranzitaten wurde in mehreren Sprachen gedruckt. Webseiten, Verlage und ein „Wissenschaftliches Forschungsinstitut“ in der Türkei verbreiten seine Ansichten. Vermutet wird, dass Oktar von Gönnern unterstützt wird.

In Deutschland ist Oktar alias Harun Yahya kein Unbekannter. Allerdings fiel er früher vor allem als Holocaust-Leugner auf, der gegen Zionisten und Freimaurer wetterte. Der baden-württembergische Verfassungsschutz stellte vor einigen Jahren fest, dass sich seine Schriften unter Islamisten einiger Beliebtheit erfreuten. Mittlerweile streitet der fromme Autor den Holocaust an den Juden nicht mehr ab. Sein Schaffen scheint nun vor allem auf den Kampf gegen den Darwinismus ausgerichtet zu sein.

In der Türkei wurden der Zeitung „Hürriyet“ zufolge 20.000 Schöpfungs-Atlanten an Biologielehrer verschickt. Alaaddin Dincer, Vorsitzender der türkischen Lehrergewerkschaft, erklärte: „Der Atlas soll Lehrer beeinflussen, die die Evolutionstheorie lehren. Schülern soll er weismachen, dass die Evolution eine unbewiesene Theorie sei.“ In Frankreich erhielten viele Gymnasien den Wälzer. Aufgeschreckt verlangte das Pariser Bildungsministerium, dass das Werk im Unterricht nicht verwendet werde. Auch in Deutschland erhielten Lehrer das Buch.

Oktar ist in seiner Heimat höchst umstritten. So bezeichnet Dincer die Thesen des Autors als „rückständiges Geschwätz“. Dieser lässt sich davon nicht beeindrucken. „Ergebene Muslims waren immer im Verlauf der Geschichte grundlosen Anschuldigungen ausgesetz“, erklärt Oktar im Internet. Sein Pseudonym ist Programm: Harun und Yahya – in der Bibel Aaron und Johannes der Täufer – sind im Islam zwei Propheten, die mutig für ihren Glauben eintraten. Für seine Überzeugungen will Oktar auch weiterhin eintreten – der vorliegende „Atlas der Schöpfung“ soll nur der erste von sieben Bänden sein.