Galapagos

Jurassic Park im Pazifik

Sie sind die Heimat einzigartiger Riesenschildkröten, urzeitlicher Echsen und putzig-bunter Seevögel: Die Galapagosinseln fast 1000 Kilometer vor der Küste Südamerikas. Eine Reise zu diesen Vulkaninseln ist ein Trip zu den Ursprüngen des Lebens.

Foto: AP

Das Wasser ist blaugrün und misst 23 Grad, die Sichtweite beträgt gute 15 Meter. Wir schnorcheln über einem riesigen Schwarm junger Meeräschen. Plötzlich ballen sich die silbernen Fischlein zu einem Pulk zusammen: Ein Seelöwe schießt pfeilschnell heran und holt sich sein Mittagessen. Wenig später, als wir an der schneeweißen Playa Ochoa auf der Isla Lobos ein Sonnenbad nehmen, schnauft es plötzlich gewaltig. Der Fischjäger hat sich neben uns gerobbt, tranig streckt er sich nur wenige Armlängen entfernt nun ebenfalls unter der Äquatorsonne aus.

Mensch und Tier hautnah und friedlich beieinander - ein Bild, das typisch ist für die Galapagosinseln. Etwa 120.000 Besucher kamen 2004, der Mühsal der Anreise zum Trotz.

20 Stunden bis nach Quito

Mit Zwischenaufenthalt in Caracas sind es von Frankfurt bis zu Ecuadors Hauptstadt Quito rund 20 Stunden. Weshalb es ratsam ist, einen Zwischenaufenthalt im Andenland einzulegen und erst dann zu dem rund 1000 Kilometer vor der Westküste Ecuadors liegenden Archipel weiterzureisen. "Doch machen wir uns nichts vor", sagt Rocío Egos, unsere einheimische Begleiterin, "die meisten Touristen kommen wegen der Galapagosinseln in unser Land. Sie wollen gleich nach der Ankunft in Quito weiter."

Worunter die Akklimatisierung leidet. Ein Begriff, der zu Zeiten Charles Darwins kaum Bedeutung hatte. Auf der langen Schiffsreise hatte der Biologe und Begründer der Evolutionstheorie genügend Zeit, sich an die klimatischen Verhältnisse anzupassen. Und an die Dimensionen des abgelegenen Archipels. Die 13 größeren und sechs kleineren Inseln, dazu 40 Inselchen und rund 400 Felsen liegen verstreut in einem Meeres-Schutzgebiet, das mit 45.000 Quadratkilometern um gut ein Drittel größer ist als Nordrhein-Westfalen.

Die gesamte Landfläche der Inseln beträgt etwa 8000 Quadratkilometer. 97 Prozent davon bilden den Parque Nacional Galápagos. Nur drei Prozent also sind bebaut und bewohnt, Teile der Inseln Santa Cruz, Baltra oder Floreana. Fischer und Bauern leben hier.

Der Zuzug von Neubürgern wird streng kontrolliert, um das ökologische Gleichgewicht auf den Inseln nicht zu gefährden. Unesco, Parkbehörde und die Regierung achten darauf, und auch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt trägt seit Jahren zum Schutz des einmaligen Archipels bei.

Nichts mitbringen, nichts mitnehmen

Sie alle haben auch die Verhaltensmaßregeln für Inselbesucher festgesetzt. Kurz zusammengefasst lauten sie: nichts mitbringen, nichts mitnehmen. Also keine Samen, keine Früchte, keine Pflanzen und erst recht keine Tiere. Rauchen ist im Gebiet des Nationalparks nicht erlaubt, die Aussichtspunkte dürfen nur in Begleitung von Parkangestellten besucht werden. Markierte Pfade darf man nicht verlassen. Weniger als ein Prozent der Inseln werden so betreten - der Rest ist "nur" etwas für das Auge. Vor allem aber: Die Tiere darf man trotz deren Furchtlosigkeit, ja Zutraulichkeit nicht anfassen oder gar füttern. Denn der Archipel ist kein Streichelzoo.

Unsere Zubringermaschine landet auf der Insel San Cristóbal. Eine locker durchgeführte Gepäckkontrolle folgt, nebst der Zahlung von 100 US-Dollar Eintrittsgebühr pro Person. "40 davon gehen an den Nationalpark, 20 werden für die Weiterbildung der Bevölkerung verwendet", erklärt man uns. Am flugplatznahen Hafen Baquerizo Moreno stehen kleine Häuser, Geschäfte und Restaurants, eine Pension für Rucksacktouristen. Kinder in blauen Schuluniformen baden zwischen Seelöwen und Pelikanen. Hier beginnen meist die Rundfahrten der kleineren und größeren von der Parkbehörde dazu autorisierten Ausflugschiffe.

Unseres ist ein Mini-Kreuzfahrtschiff, die "Santa Cruz": 90 Passagiere finden darauf Platz, in 46 modernen Kabinen mit eigener Dusche und WC. Nächste Überraschung: Kapitän Christian Cuvi, Ecuadorianer, hat bei der U-Bootwaffe in Mürwick bei Flensburg gelernt und von dort seine deutsche Frau mitgebracht. Im Speisesaal gilt freie Sitzordnung, mittags Büfett, abends Dinner À la carte. Die Gäste stammen aus 19 Nationen, Senioren überwiegen.

Saison ist praktisch das ganze Jahr

Die Stimmung ist leger, aber wissbegierig. Jeder möchte am liebsten all das sehen, was er von Fotos kennt. "Dazu muss man viel Zeit mitbringen, am besten ein ganzes Jahr", sagt Kapitän Cuvi. Denn wegen des milden äquatorialen Meeresklimas (im Schnitt 25 Grad Celsius) umfasst die Besuchssaison praktisch das ganze Jahr. Wann man jedoch am besten kommt, hängt davon ab, welche Vegetation und vor allem welche Tierarten man sehen will. Denn jede Insel ist anders, hat je nach Jahreszeit ihre eigene Fauna und Flora.

Grund ist nicht nur das unterschiedliche Alter der Eilande, sondern vor allem das zeitweilige Zusammentreffen mehrerer kalter und warmer Meeresströmungen. So leben zum Beispiel nur auf den Galapagosinseln Pinguine neben Flamingos. Von Dezember an steigt die Temperatur auf einigen Inseln bis Mai allmählich auf 30 Grad. Dann verwandeln Regenfälle graue, scheinbar verdorrte Sträucher und Büsche in kurzer Zeit in üppiges Grün. Ab Juni nimmt die Temperatur bis November wieder ab auf angenehme 23 bis 26 Grad. Im August wird das Wasser kälter, erreicht etwa 18 Grad. Das Meer wird stürmisch.

Entsprechend diesem Wechsel ändert sich auch das Verhalten der Tier- und Vogelwelt. Im Januar beginnen sich die fast schwarzen Meeresechsen grün und rot zu verfärben, für die Land-Leguane auf der Insel Isabela beginnt die Paarungszeit, die grüne Meeresschildkröte taucht an den Stränden zur Eiablage auf. Seelöwen bekommen ihre ersten Jungen, und auf den Inseln Española und Santiago beginnt die Balz der Seefalken. Auch Fregattvögel und Blaufußtölpel brüten natürlich nicht das ganze Jahr, und nicht auf jeder Insel gibt es Leguane, Pinguine oder Schildkröten.

Massenführungen gibt es nicht

Die ein- bis zweiwöchigen Schiffsrundfahrten zu den Inseln führen jedoch stets zu den jeweils interessantesten der insgesamt rund 60 Besuchs- und Tauchpunkte. Die zwei bis drei Landgänge pro Tag erfolgen vom Schlauchboot aus. Manche Anlandungen sind "trocken" - das heißt, man betritt einen Steg oder Felsvorsprung, andere sind "nass", man steigt in flachem Wasser aus. Die einzelnen Gruppen umfassen meist nicht mehr als ein Dutzend Teilnehmer, Massenführungen gibt es nicht. Verändert sich auf Grund der Besuche das Tierverhalten an einem der Landepunkte, dann wird dieser für eine Weile geschlossen. Angeführt wird jede Gruppe von einem sogenannten Expeditionsleiter. Unserer heißt Burkhardt. Er stammt aus dem Sauerland, lebt aber schon seit 32 Jahren mit seiner ecuadorianischen Frau und zwei Kindern auf Santa Cruz. Sehnsucht nach Europa? "Kaum".

Naturfreunde werden Buggy schnell verstehen: Auf unserem Törn bekommen wir Tiere und Vögel geradezu hautnah zu spüren. Da knabbert ein junger Seelöwe am Hosenbein einer Touristin, dort landet ein Pelikan auf der Schulter einer Amerikanerin und toupiert ihr Haar.

Den zahllosen Meeresechsen können wir uns bis auf wenige Zentimeter nähern. Warum auch nicht - sie sind nicht riesig, wie es manche Postkarten vermuten lassen, sondern nicht länger als ein Unterarm. Wir stehen um brütende Fregattvögel, die lediglich ein wachsames Auge riskieren, und schauen einigen der 30 000 Blaufußtölpel bei der Balz zu. Gravitätisch heben die Männchen erst den einen, dann den anderen Fuß mit der leuchtendblauen Flosse. Wenn dann die Angebetete endlich einen der Freier erhört und zu ihm watschelt, ziehen die übrigen Männchen geradezu traurig davon.

Zwischen den Landgängen über Lavafelsen oder Sand bleibt Zeit zum Baden. Am Grund unserer kleinen Meeresbucht auf Santiago schauen wir einer "weidenden" Riesenschildkröte zu. Gemächlich zupft sie das Seegras am Meeresgrund ab. Spätestens am zweiten Tag, umgeben von balzenden und brütenden Vögeln, von Seelöwen, Echsen und Dutzenden handgroßer Klippenkrabben der Spezies Grapsus grapsus, denkt man an die Schöpfungsgeschichte: So muß es Adam und Eva im Garten Eden ergangen sein.

Typisch deutscher Nachbarschaftsstreit

Ein solch friedliches Miteinander von Mensch und Tier hatte sich anno 1929 wohl auch das erste deutsche Aussteigerpärchen erhofft. Es waren der Berliner Arzt Friedrich Ritter und seine Geliebte Doris Strauch, die damals beschlossen, auf die Galapagosinsel Floreana auszuwandern. Beide ließen sich vorher sämtliche Zähne ziehen, teilten sich danach angeblich ein Stahlgebiß und begannen ihr Robinsonleben.

Der Traum blieb Illusion. Denn die weltweite Publicity ermunterte drei Jahre später auch das deutsche Ehepaar Wittmer mit Sohn Harry, nach Floreana auszuwandern. Wegen Kleinigkeiten - typisch deutsch - kam es bald zum Nachbarschaftsstreit. Er verschlimmerte sich, als im Oktober des gleichen Jahres die angebliche Baronesse Wagner Bosquet mit gleich drei Liebhabern ebenfalls auf Floreana landete und sich bald als Insel-Herrin aufspielte. Das Drama war nicht mehr aufzuhalten: Der Vegetarier Ritter starb an einer Fleischvergiftung, die Adelige verschwand spurlos - angeblich ermordet. Und zwei ihrer Liebhaber fand man Wochen später verdurstet am Strand der Insel Marchena. Ein Nachkomme, Rolf Wittmer, betreibt noch heute auf Santa Cruz zwei Ausflugsschiffe.

Keine der Landexkursionen ist anstrengend. Auch nicht der Aufstieg zum Gipfel der Insel Bartolomé. Die Wanderung ist kurz (etwa 600 Meter), führt aber über 365 Treppenstufen und Stege. Und jede Etappe ist lehrreich. Sie führt vorbei an Strick- und Tufflava, an Lavaröhren und über spitzkantigen Boden. Wir bestaunen Pionierpflanzen - so wird die erste nach einem Vulkanausbruch beginnende Vegetation genannt.

Rote "Judasziege" mit Minisender

Um auch sie zu schützen, werden seit Jahren alle wilden Ziegen auf den Inseln gezielt gejagt und erschossen. Von den einst rund 250.000 Exemplaren gibt es nur noch ein Zehntel. Helfer bei der Ziegenhatz ist die sogenannte Judasziege: Rot bemalt und mit einem Minisender versehen, führt sie die Jäger zu anderen Tieren, verrät so ihre Artgenossen. Auf dem Gipfel des 114 Meter hohen Vulkankegels von Bartolomé finden wir dann unsere genaue Position markiert: 16,5 Grad Süd, 90,32 Grad West, also eine Viertel-Weltumdrehung von Greenwich.

Unser Törn endet an der Mole von Puerto Ayora in der Academy Bay auf Santa Cruz. Dort befindet sich auch die bescheidene Darwin-Forschungsstation mit ihrem wohl prominentesten Bewohner, Lonesome George. Der "Einsame George" ist 80 Jahre alt und letztes bekanntes Exemplar seiner Spezies. Auf der Jagd nach Suppenfleisch und Schildpatt wurden wahrscheinlich alle anderen Exemplare seiner Art ausgerottet. Wer dennoch ein Weibchen finden sollte, dem winken 10 000 Dollar Belohnung. Es eilt allerdings nicht: Schildkröte George ist noch rund 100 Jahre zeugungsfähig.

Im neu eröffneten, romantischen "Finchbay-Hotel" an einer Lagune der Academy Bay tanken wir noch einmal Kräfte für den langen Rückflug nach Europa. Ein Reiher steht am Pool. Als jemand hineinspringt, fliegt er davon.

Und wir denken nach über die Frage: Wie viel Mensch vertragen die Galapagosinseln? Sie sind zwar eines der teuersten Touristenziele der Welt, doch die Zahl von 120 000 Besuchern wird voraussichtlich im nächsten Jahr erreicht sein. Für mehr langt die Infrastruktur nicht aus. Man kann nur hoffen, dass sie nicht weiter ausgebaut wird, denn je mehr Menschen die Inseln besuchen, desto mehr verlieren diese ihren einmaligen Charakter als letztes Urzeit-Paradies.

International Galapagos Tour Operators Association: www.igtoa.org

Galapagos Conservancy (ehemals Charles Darwin Foundation): www.galapagos.org