Facebook-Post

Palmer ätzt gegen Bahn-Kampagne – und gibt dann Fehler zu

Die Foto-Auswahl von Reisenden auf der Website der Bahn gefiel Boris Palmer gar nicht. Nun gibt er sich (ein wenig) selbstkritisch.

Boris Palmer: „Wir können nicht allen helfen", so heißt das neue Buch des Tübinger Oberbürgermeisters. Darin vertritt er provokante Positionen in der Flüchtlingsdebatte.

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Berlin/Tübingen. Der Grünen-Politiker kann es nicht lassen. Erst vor wenigen Tagen hatte sich Boris Palmer auf Facebook über die vermeintlichen Erziehungsmethoden von Migranten aufgeregt. Dann folgte der nächste Post, mit dem der Tübinger Oberbürgermeister viel Kritik erntete. Es ging um eine Werbekampagne der Deutschen Bahn.

Auf ihrer Website wirbt die Bahn mit einigen Bildern von Reisenden, bunt gemischt in Sachen Hautfarbe, Geschlecht und Alter. Mit dabei: Moderatorin Nazan Eckes und TV-Koch Nelson Müller, aber auch Rennfahrer Nico Rosberg.

Boris Palmer findet die Auswahl nicht sehr gelungen. Und ätzte auf seiner Facebook-Seite: „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat“, schreibt der Tübinger Oberbürgermeister. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Nazan Eckes ist türkisch-stämmig, Nelson Müller dunkelhäutig.

Die Kritik folgte umgehend, auch aus Palmers eigener Partei. Innerhalb weniger Stunden fanden sich Tausende Kommentare unter dem Post.

Boris Palmers Post sorgt für Kritik bei den Grünen

Der Tübinger Landtagsabgeordnete und Grünen-Politiker Daniel Lede Abal nannte die Einlassung von Boris Palmer „einfach völlig daneben“. Und ergänzte: „Das ist das Deutschland, das dem Tübinger OB offenbar fremd geblieben ist.“ Wenn Palmer als Oberbürgermeister mit so einer Stadtgesellschaft nicht zurechtkomme, „sollte er sich jetzt überlegen, ob er Oberbürgermeister bleiben kann.“

Auch die Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock kritisierten Palmer scharf. Der nordrhein-westfälische Grünen-Politiker Ali Bas ging noch weiter und forderte auf Twitter ganz direkt: „Es wird Zeit, den Hut zu nehmen, Herr Palmer!“

Immerhin: Der Grünen-Politiker hatte wohl mit diesen Reaktionen gerechnet. Er hatte seinen Beitrag mit den Worten eingeleitet: „Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein. Und dennoch.“

Boris Palmer gab irgendwann genervt auf

Palmer aktualisierte den Post auch mehrfach. Zum ersten Mal nach etwa einer Stunde. „PS: Eine Stunde später tobt der Shitstorm. Wie vorhergesehen“, schrieb der Politiker. Die Kritik will er aber nicht auf sich sitzen lassen. „Alle, die mich jetzt fragen, warum ich dieses Thema aufgreife, frage ich zurück: Wenn die Auswahl dieser Bilder vollkommen belanglos, normal, unbedeutend ist, warum regt ihr euch dann so auf?“ Es gehe um Identitätspolitik.

Vier Stunden später dann das zweite Update: „Nach vier Stunden sind es 1500 Kommentare. Schlicht zu viele“, schreibt Palmer. „Ich werde das nicht lesen oder antworten.“

Boris Palmer erläutert seinen Standpunkt

Auf Anfrage der dpa erläuterte Palmer seinen Standpunkt weiter: „Menschen, die so aussehen, als hätten sie keinen Migrationshintergrund, sind bei den Bildern in der Minderheit“, sagte er. „Ich würde eine Auswahl an Bildern, die unsere Gesellschaft abbildet, für logischer halten.“

Wer eine andere Auswahl treffe, könne dafür gute Gründe haben. „Aber die erkenne ich bisher nicht.“ Er frage sich, welche Strategie hinter der Bilderauswahl der Bahn stecke.

Auch die Bahn äußerte sich. „Herr Palmer hat offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft“, sagte ein Sprecher der dpa. Eine solche Haltung lehne die Bahn ab.

Palmer wendet sich nach Wirbel um Kritik an Bahn-Vorstand

Nach dem Wirbel um seine Kritik hat sich Palmer einem Bericht zufolge an den Bahn-Vorstand gewendet. „Ich habe einen Brief an Bahnvorstand Ronald Pofalla geschrieben“, erklärte der Grünen-Politiker der „Zeit“: „Solche Kampagnen werden in einem Großunternehmen nach meiner Erfahrung intensiv geplant und diskutiert. Ich will wissen, ob der Vorstand mit der Entscheidung befasst war und ob man sich ihrer möglichen Konsequenzen bewusst ist.“

Palmer räumte der Wochenzeitung gegenüber auch Fehler ein: „Das Ganze war ein Schnellschuss. Ich habe keine zwei Minuten, nachdem ich die Werbung eher zufällig im Internet entdeckt hatte, drei Sätze dazu auf Facebook gepostet.“ Und weiter: „Das war fahrlässig, ich hätte mein Anliegen besser begründen müssen“, sagt er. Das Ergebnis sei „Bockmist“.

Inhaltlich steht Palmer weiter zu seiner Kritik an der Kampagne. „Die Mehrheitsgesellschaft kommt praktisch nicht vor“, meint er weiter. Das spalte die Gesellschaft. Bei Menschen, die ohnehin fürchten, übergangen zu werden, löse die Kampagne Abwehrreflexe aus. (sdo/moi/dpa)