Interview

Kai Wiesinger wollte eigentlich Tierfotograf werden

Viele kennen Kai Wiesinger als Schauspieler, aber er arbeitet auch als Fotograf. Jetzt ist sein neues Projekt erschienen. Ein Gespräch über seine Bilder, Berlin und den Umgang mit der Öffentlichkeit.

Foto: Amin Akhtar

Zurück zu den Wurzeln. Kai Wiesinger fotografiert seit seiner Kindheit, legte aber wegen seines Hauptberufes als Schauspieler („Kleine Haie“, „Comedian Harmonists“) oft lange Fotopausen ein. Sein aktuelles Projekt: eine unter dem Titel „ArtonVinyl“ erscheinende Kooperation mit dem Musik- und Designlabel Wavemusic. Der 48-Jährige steuerte sinnliche Fotografien bei, Wavemusic die passenden Klänge auf Vinyl und CD. Sein fotografisches Werk zeigt ausdrucksstarke Momentaufnahmen in alltäglicher Umgebung oder menschliche Abgründe. Der gebürtige Hannoveraner lebt seit drei Jahren in Berlin – mit Lebensgefährtin Bettina Zimmermann, deren Sohn, seinen beiden Töchtern, die aus der Ehe mit der 2013 gestorbenen Chantal de Freitas stammen, und mit Hund Theo.

Berliner Morgenpost: Die Fotografie nimmt inzwischen einen großen Teil Ihres beruflichen Lebens ein. Warum passt die Bezeichnung „fotografierender Schauspieler“ bei Ihnen nicht?

Kai Wiesinger: Weil ich die Fotografie sehr ernsthaft betreibe, nicht nebenher. Für mich ist Fotografie Teil meines Lebens. Ich versuche nur das zu tun, was ich kann, und dazuzulernen, um immer besser zu werden. Und wenn ich merke, dass ich eine neue Form des künstlerischen Ausdrucks brauche, dann suche ich danach ... Das ist bei der Schauspielerei genau das Gleiche. Vieles kann man planen, manches nicht. Ich mache das, was mich glücklich macht.

Wie kamen Sie zur Fotografie?

Ich habe schon als Kind viel fotografiert. Meine Eltern sind beide Journalisten. Mein Vater war ein klassischer Reporter, ist zum Beispiel von einem Verkehrsunfall zu einem Fußballspiel geeilt, hat alles mit seiner Leica oder seiner Voigtländer fotografiert und dann aufgeschrieben. Natürlich habe ich davon viel mitbekommen. Meine erste Kamera war auch eine Voigtländer. Als ich etwa acht Jahre alt war, bekam ich von meinen Eltern zu Weihnachten eine kleine Dunkelkammer, die sie mir in unserer Gästetoilette einrichteten. Eigentlich wollte ich Tierfotograf werden. Während meiner Schulzeit stellte sich aber heraus, dass es für mich Richtung Schauspielerei ging. Die Dokumentarfilme, die ich vor einigen Jahren gemacht habe, brachten mich dann wieder zurück zur Fotografie.

Manche Ihrer Bilder sind etwas brutal. Worauf kommt es Ihnen an, haben Sie eine Botschaft?

Meine Bilder sollen Emotionen auslösen. Sie erzählen eine Geschichte. Kunst muss von sich aus funktionieren. Ich will kein Programmheft abgeben, das die Message erklärt. Entweder jemand fühlt sich beim Betrachten angesprochen oder nicht. Bilder sind für mich eine tolle Form, mich künstlerisch auszudrücken. Wenn man einmal angefangen hat, über eine Frage nachzudenken, lässt sie einen häufig nicht mehr los. Ich frage mich oft Dinge, die ich dann in meinen Bildern verarbeite. Ein Beispiel: Die Antwort auf die Frage „Warum bin ich hier?“ kann man religiös oder wissenschaftlich erkunden. Ich finde diese Auseinandersetzung sehr spannend und versuche, sie und viele andere Themen mit meiner Kamera zu ergründen.

Welche Schauspielprojekte stehen an?

Ich arbeite derzeit an der Webserie „Der Lack ist ab“ – die erste eigene Serienproduktion des Portals MyVideo. Es geht um Menschen in der Mitte ihres Lebens, die sich fragen: „War es das oder kommt da noch was?“ Ich freue mich sehr, hier meine erste Regie zu führen und gemeinsam mit Bettina und vielen anderen Kollegen vor der Kamera zu stehen.

Sie drehen in Berlin. Auch um in der Nähe Ihrer Kinder zu sein?

Wir versuchen es immer einzurichten, dass einer von uns in Berlin arbeitet. So sind wir beide am besten für unsere Kinder da. Natürlich lässt sich das nicht immer verwirklichen. Vor einiger Zeit war Bettina fünf Wochen in Kapstadt und ich hier mit den drei Kindern in Berlin. Klar passen die beiden Großen auch kurz auf den Kleinen auf. Aber ich habe für ein Filmprojekt auch schon mal einen Schneideraum zu uns ins Haus verlegen lassen, damit ich bei den Kindern sein kann.

Der Ausdruck Patchwork-Familie passt?

Durchaus. Und ich finde, Familie ist immer das Wichtigste – sie ist das, was letzten Endes unser Leben wirklich ausmacht.

Sie sprechen kaum über Ihr Privatleben.

Wir versuchen, unser Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Vieles gehört einfach zu unserem Beruf, auch ein gewisses Maß an Öffentlichkeit, das ist auch okay. Aber unser Leben abseits des Berufs hat da nichts verloren. Oft war ich fassungslos, was wildfremde Menschen mir für Fragen gestellt haben oder was aus einem Leben plötzlich für Geschichten gemacht werden.

Was gefällt Ihnen an Berlin?

Ich habe unter anderem in Hamburg und München gewohnt, wollte aber schon lange nach Berlin. Ich mag die kreative Grundstimmung, die hier herrscht. Hier pulsiert immer irgendetwas. Früher erschien mir die Stadt so rau und grau. Inzwischen hat sie für mich eine tolle Ausstrahlung. Ich mag auch die kulinarische Landschaft. Für einige Zeit hatte ich mein Fotostudio in Kreuzkölln. Super, dass es dort in manchen Läden ein fantastisches Mittagessen für 4,90 Euro gibt und man neben Leuten sitzt, denen es vielleicht sonst nicht so leicht fallen würde, sich ein gutes Mittagessen zu leisten. Auf der anderen Seite finde ich zum Beispiel das „Borchardt“ toll. Ich gebe auch gern mehr Geld für gutes Essen aus. Im „Borchardt“ werden alle gleichbehandelt. Das ist mir sehr sympathisch. Das Großartige an Berlin ist doch diese Vielfalt, Orte an denen die Menschen zusammenkommen, auch wenn sie sonst vollkommen unterschiedlichen Berufen nachgehen.