Die britische königliche Familie, einst bekannt für ihre wechselvollen Skandale, gleicht heute einer Theatertruppe, die man auf Reisen schicken kann zur Beglückung des internationalen Publikums. Kein besserer Anlass, dies Potenzial auszuschöpfen, als das Diamantene Thronjubiläum der Queen.
Mit ihren 85 Jahren inzwischen für Weltreisen selber eher untauglich, ist Elizabeth II. doch der Impresario der Royal Theatre Company, der die einzelnen Mitglieder in ihrem Namen reisen lässt für entsprechende königliche Auftritte.
Das geschieht jetzt vor den Augen des globalen Dorfes, während das Jubiläumsjahr an Temperatur und Tempo gewinnt, auch an Farbe, für die besonders die Enkel-Generation der Windsors steht, namentlich die Prinzen William und Harry. Die britische Monarchie ist ja als einziges Königshaus der Welt eine internationale Institution, neben Großbritannien fungiert die Queen noch in fünfzehn weiteren Ländern und Territorium als Staatsoberhaupt, sie ist Königin von Australien wie von Antigua und Barbuda, von St. Lucia in der Karibik wie von den Solomon Inseln im Stillen Ozean.
Die britische Throninhaberin ist obendrein auch noch „Kopf“ des 54-Mitglieder starken Commonwealth. Auch das will mit einigen von ihnen als Bühnenschauplatz aufgesucht werden vom königlichen Ensemble.
Harry gibt eine perfekte Vorstellung
Wohin also mit William und Harry, wenn die Royal Theatre Company in diesem Diamantenen Kronjahr Grußvorstellungen zu geben hat? Am Besten in die Tropen, das kommt dem farbigen Potenzial der jüngeren Royals besonders entgegen. Der Herzog und die Herzogin von Cambridge werden entsprechend in diesem Frühjahr Malaysia, Singapur, die Solomon Inseln und Tuvalu in der Südsee besuchen, während wir Harry in den vergangenen Tagen auf seinen karibischen Auftritten in Belize, den Bahamas und auf Jamaika haben zuschauen können.
Er hat eine perfekte Vorstellung gegeben, gemessen am Enthusiasmus der Bevölkerungen. Wobei Jamaika das I-Tüpfelchen des Besucherreigens abgab. Ist doch die Ministerpräsidentin Portia Simpson Miller entschlossen, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit in diesem August Jamaika von der britischen Krone zu lösen und in den Status einer Republik zu überführen, mit einem eigenen Präsidenten, aber weiter als Mitglied des Commonwealth.
Prinz Harry hatte gerade in den USA seine Ausbildung als Pilot des Militärhubschraubers der Apache-Klasse beendet; für ihn war der Dienstauftritt namens der Großmutter wie ein Geschenk nach dem Kurs im US-Staat Nevada. Zudem verströmt er den Ruch eines Party-freudigen jungen Mannes, dem Frauenherzen zufliegen (und er ihnen), und der in den Tänzen der Karibik seinen passenden Auslauf finden würde.
Das trat denn auch ein, ob in Belize, den Bahamas oder in Jamaika, wobei sich der Rotblondschopf keine Mühe geben musste, Herzen zu öffnen: sie lagen ihm zu Füßen. „Ich bin hier da, um mich in ihn zu verlieben“, schwärmte die schnippische Miss Bahamas, Anastagia Pierre, 23, Vertreterin ihrer Insel im Miss-Universe-Wettbewerb, während ihre Kollegin Sasha Joyce, die für Jamaika bei der Konkurrenz, der Miss World-Ausscheidung, antritt, ihr sekundierte.
„He’s hot“, setzte Ms Pierre im Blick auf Harry fort, „ich bin einfach fasziniert von der königlichen Familie, besonders von Prinzessin Diana; ich kenne jedes Interview, das sie gegeben hat.“ Dabei sollten die beiden Schönen für das Treffen mit den Prinzen eigentlich die karitativen Anliegen hervorheben, bei denen sie involviert sind. Nun, auch Sex-Appeal taugt für Gemeinnützigkeit.
Wettlauf gegen Sprintrekordler Bolt
Und jene Informalität, die dem königlichen Schauspieler Harry eigen ist. Das attestierte ihm der Weltrekordinhaber über 100 und 200 Meter, Usain Bolt, mit dem sich der Prinz auf jener Aschenbahn in der Hauptstadt Kingston traf, auf der sich Bolt für die Olympischen Spiele in London vorbereitet. „He’s cool“, nannte ihn Bolt nach der Begegnung – das männliche Echo zum „He’s hot“ der Ms Pierre.
In der Tat, das war Harrys Nummer, gut einstudiert, wie man vermuten darf. Während der Weltrekordler ihm die Geheimnisse der kurzen Strecke erläutern wollte, lief ihm der Queen-Enkel in einem unbeobachteten Augenblick auf einer kurzen 20-Meter-Sprintdistanz einfach davon, seine Arme wie im Sieg ausbreitend. „Betrug“, meuterte Bolt in ebenfalls gut gespielter Laune.
Es war eine Publikum-wirksame Aufführung, Theater eben, und sehr wirkungsvoll für die britisch-jamaikanischen Beziehungen. Wie auch das vom Prinzen ausgerollte Plakat eines jungen Rennpferdes, dessen Miteigentümer Harry ist und das man zu Ehren des jamaikanischen Sprintwunders „Usain Colt“ getauft hat; „colt“ ist die englische Bezeichnung für einen jungen Hengst.
Trennung von der Krone
Auch Portia Simpson Miller, die zur Trennung von der Krone entschlossene Ministerpräsidentin, verbreitete eitlen Sonnenschein. „Wir lieben ihn doch alle“, fiel ihm zum Dritten der englischen Thronfolge ein, „he’s a wonderful person, such a beautiful person.“
Sprach’s und ließ sich von ihm auf beide Backen küssen, um ihn wärmstens zu umarmen. Dann stellte man sich Händchen haltend vor die Kameras. Der operative Kommentar folgte später: „Wenn Großbritannien sich für seinen Teil in der Geschichte der Sklaverei entschuldigen würde – gut. Keine Rasse sollten solchen Leiden unterworfen werden, wie unsere Vorfahren sie erlebten.“
Besonders berührt von dem königlichen Besucher war Rita, die Witwe Bob Marleys, der Reggae-Ikone Jamaikas; Harry hatte in einem der ärmsten Stadtteile von Kingston zu Marleys berühmten „One Love“ mitgetanzt. „So ein Segen, dieser Besuch“, sagte die Marley mit der eingeborenen Gläubigkeit ihrer Kultur.
„Harry ist ein Geschenk des Himmels. Er verbreitet Liebe um sich. Ich habe ihm einen Brief überreicht, in dem ich ihm versichere, wie wir alle eines Tages seine wunderschöne Mutter wieder sehen werden.“
Harry, der königliche Schauspieler
So ist auch der königliche Schauspieler Prinz Harry bei seinen Auftritten in der Karibik nicht frei vom Schatten der Geschichte, ob der seiner eigenen Familie oder solcher lang abgelegten Kapitel wie der Sklavenfrage. Schon in den Bahamas, vor seinem Jamaika-Besuch, sah sich Prinz Williams jüngerer Bruder dem Ambiente britischer Empire-Geschichte ausgesetzt, etwa im Gouverneurspalast in Nassau, der Hauptstadt, wo während des Krieges sein Urgroßonkel, der abgedankte König Eduard VIII., als Herzog von Windsor residiert hatte.
Dorthin hatte ihn Churchill 1940 verbannt, weit weg von möglichen Versuchen der Nazis, ihn für ihre Zwecke einzuspannen, sollte die Invasion Englands Erfolg haben. Wallis Simpson, die Herzogin von Windsor, nannte die Bahamas „unser St. Helena.“
Für Harrys Mutter dagegen war die Nachbarinsel Eleuthera, die der Prinz ebenfalls besuchte, der Ort eines kurzfristigen Aufblühens ihrer Ehe, als sie und Prinz Charles dort im Februar 1982 ihren „zweiten Honigmond“ verbrachten. Der Ort wurde zum berüchtigten Beginn des Zerwürfnisses zwischen Diana, die damals ihr erstes Kind erwartete, und den Medien: Zoom-Fotos wurden in Umlauf gebracht, mit der schwangeren Diana im Bikini.
Wie schmal der Grad für die königliche Theatertruppe ist zwischen Absturz und Applaus auf offener Bühne. Letzteren hat Prinz Harry geschickt einsammeln können, natürlich, wie er ist und sich in seinen Night-Club-freien Momenten gibt, und wie er, so hofft man, immer bleiben wird.

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