Neue Tour

Peter Kraus - "Sex war unsere große Droge"

Sänger Peter Kraus ist 72 Jahre alt, jetzt startet er mit seiner neuen Tour. Bei Morgenpost Online plaudert der Rocker über Rock'n'Roll, Fitness und erotische Eskapaden.

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„Für immer in Jeans“ heißt die neue Tour, zu der Peter Kraus gerade aufbricht. Seine soeben erschienene Autobiografie trägt den Titel „Für immer jung: Das Geheimnis meines Lebens“. Morgenpost Online sprach mit dem Sänger über das, was für immer bleibt, und das, was er hinter sich gelassen hat.

Morgenpost Online: Herr Kraus, hier kommen Sie nicht raus, ohne uns zu verraten, was das Geheimnis Ihrer ewigen Jugend ist! Bitte nicht die Ausrede: Steht alles in meinem Buch!

Peter Kraus: Na, sicher steht's im Buch … Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet: „Wieso sehen Sie so jung aus? Sie sind doch ein alter Mann.“

Morgenpost Online: Man nennt Sie einen „alten Mann“?

Peter Kraus: Sicher doch. Ich bin 72 Jahre alt. Aber ich wippe schon beim Zähneputzen mit den Zehen. Freilich, in Wirklichkeit liegt's alles an der inneren Lebenseinstellung. In zwei Sätzen erklären kann man das nicht. Aber in meinem Buch …

Morgenpost Online: Wann haben Sie zu wippen angefangen?

Peter Kraus: Ich bin ein alter Rocker, also hab ich mit Extrembewegungen schon in der frühesten Jugend angefangen. Mein erstes Skateboard hab ich mir selber gebastelt! Nichts da mit Shoppen und bloß auf die beste Marke achten! Den ersten Expander, den es gab, hab ich allerdings auch gekauft. Ich war allem Neuen aufgeschlossen. Im Grunde bin ich ein Bewegungsmensch, der nur das Fitnessstudio vermeidet. Mit normaler Bewegung kann man genauso viel erreichen, wie wenn man mit hängendem Gesicht übers Laufband rennt. Und mit Vernunft! Die ist bei mir eingekehrt nach einer strapaziösen, wenn auch schönen Jugend.

Morgenpost Online: Erzählen Sie von den Exzessen der 50er!

Peter Kraus: Es stimmt, ich hatte durch meine Karriere sehr früh die Möglichkeit, ausschweifend zu leben. Exzesse - das war alles, was als Ausnahmezustand galt. Ich war doch ein Teenager-Idol. Ich musste also keine Mädchen anmachen. Weil ich angemacht wurde. Sex war unsere große Droge.

Morgenpost Online: Erotische Eskapaden!?

Peter Kraus: Da war schon ein bisserl was los. Ich hab's ausgenutzt. Wär' ja dumm gewesen. Oder?

Morgenpost Online: Nun aber raus damit!

Peter Kraus: Wir waren Romantiker damals. In den 50er-Jahren haben die Mädchen noch bis weit nach Mitternacht die Unnahbare gespielt, selbst wenn sie den „Buko“ schon mitgebracht hatten. Also ihren „Beischlaf-Utensilien-Koffer“. Und man selbst gab den großen Verführer. Rührend, was? Der Fall war klar, aber es kam darauf an, sich etwas einfallen zu lassen. Versprechungen. Geschichten!

Morgenpost Online: Mussten Sie auch singen?

Peter Kraus: Das wäre mir zu unsicher gewesen. Es kam zum Beispiel darauf an, ob man beim Nachhausebringen zum Abschied einen Kuss auf die Wange kriegt! Das waren die entscheidenden Fragen. Da konnte man Druck ausüben, indem man plötzlich den Coolen spielte. Kussverweigerungsstrategie! Zack, Türe zu! Ich fand das schön.

Morgenpost Online: Sie hatten ein Leben lang die Aufgabe, mit den eigenen Einkünften Schritt zu halten?

Peter Kraus: Ja, das stimmt. Ist auch weitgehend gelungen. Ich hatte einen klugen Vater, der mir den guten Rat gegeben hat: „Mach keinen Blödsinn mit deinem Geld! Du musst rechnen.“ Also habe ich die Gage nicht einfach in die Stadt getragen. Mit 18 Jahren habe ich drei Häuser hintereinander gebaut: Eines für mich, daneben für meine Eltern und dann noch eines mit drei Appartements. Mein Vater sagte: „Wenn die Karriere absackt, dann tragen uns diese Appartements.“ War richtig.

Morgenpost Online: Sie sind mit einer Mode groß geworden. Doch Moden gehen vorüber!

Peter Kraus: Das ist richtig. Schon 1957 oder 1958 hieß es: „Der Spuk ist vorbei, jetzt kommen Calypso, jetzt kommt der ‚Banana Boat'-Song von Harry Belafonte. Da war ich gerade mal zwei Jahre lang im Geschäft. Bis heute ist meine bestverkaufte CD auch ein Walzer: „Die schwarze Rose Rosemarie“. Die zweit- und drittbesten haben mit Rock'n'Roll auch nichts zu tun: „Va bene“, „Sweetie“ und „Sugar Baby“.

Morgenpost Online: Deutscher Country-Western!

Peter Kraus: Genau. Bloß: Rock'n'Roll spiegelte das Lebensgefühl der damaligen Jugend. Das Aufmüpfige! Der Durchbruch kam eigentlich durch die Hintertür: auf dem Umweg über die Beatles und die Stones. Meine erste Single war „Tutti Frutti“ von Little Richard. Pat Boone war damals derjenige, der aus den schwarzen Hitparaden die Hits nahm und mit dem „Milky Way“, wie die Amerikaner sagen, verfeinert hat. Er hat sie einfach schöner gesungen.

Morgenpost Online: Ist es mit einem Rocker-Image leichter zu altern – oder schwerer?

Peter Kraus: Es ist leichter, und genau deswegen hab ich mich auf den Rock'n'Roll zurückbesonnen. Erstens hält diese Musik einfach jung. Zweitens sind die Musical-Darsteller, die ich dazu engagiert habe, alle unter 30. Also fühle ich mich zweieinhalb Stunden lang tierisch jung. Das ist die schönste Beschäftigung, um dem Alter etwas entgegenzusetzen. Und es lebend zu überstehen.

Morgenpost Online: Sie müssen sich bei Ihrer Bühnenshow ja auch mehr bewegen als Florian Silbereisen!

Peter Kraus: Die Leute kommen ja auch, um mich schwitzen zu sehen. Sie werden nicht enttäuscht.

Morgenpost Online: Sie machen jetzt 60 Konzerte in 40 Städten. Gibt's Acts, die Sie aus Altersgründen nicht mehr machen können?

Peter Kraus: Nein. Spagat habe ich ohnehin nie gekonnt. Den habe ich immer als unmännlich empfunden. Ich hab auch zu lange Beine dafür. Sollen das doch die Kurzhaxler unter sich ausmachen! (Lacht.)

Morgenpost Online: Es gibt heute einen stark ausgeprägten Jugendkult. Müsste man den Menschen nicht eher beibringen, alt zu werden?

Peter Kraus: Richtig. Man muss die Kraft finden, das Zurückliegende hinter sich zu lassen. Das gelingt allerdings umso leichter, wenn man in der Jugend ein bisschen was erlebt hat. Mein Vater zum Beispiel hat keine glückliche Ehe geführt. Er hat seine Frau unentwegt betrogen. Er hat etwas gutmachen wollen an sich, indem er gesagt hat: „Jetzt will ich endlich noch einmal auf den Putz hauen.“ Ich hab's genau umgekehrt gemacht. Und halte das für besser. Jetzt kann ich fragen: Was bietet mir das Alter?

Morgenpost Online: Und was bietet Ihnen das Alter?

Peter Kraus: Ich ras' mit einem Oldtimer wie ein Wahnsinniger den Berg rauf. Aber ich ras' eben nicht auf der anderen Seite wieder runter. Sondern zwinge mich, oben zu bleiben und die Aussicht zu genießen. Das ist für mich: Alter genießen.

Peter Kraus tritt vom 8. bis 10. März 2012 im Berliner Admiralspalast auf