Mode ist der kürzeste Reflektor des Zeitgeistes – „und der ist ein verdammt launischer Geselle“. Von Karl Lagerfeld stammt dieser Satz. Jenem alterslosen Ausnahmedesigner, der es sich offenbar vorgenommen hat, den launigen Gesellen zu seinem besten Angestellten zu machen.

Und dem es wieder einmal gelungen ist. Am Mittwoch stellte er seine Kollektion „Karl“ vor. Schmale Reißverschlusskleider, Biker-Lederjacken, fingerlose Handschuhe, Metallicstoffe, viel Weiß und Schwarz. 70 Teile umfasst die elegant-sportliche Linie, ist mit Preisen von 60 bis 300 Euro bezahlbarer als die neuesten Chanel-Entwürfe, die er gerade in Paris zeigte, und zudem im Internet erhältlich.

Für den Onlineshop Net-a-porter entwarf Lagerfeld diese Kreation, als „Masstige“ bezeichnet er selbst sein Projekt. Mit dem wolle er eine Brücke schlagen zwischen „Mass Market“ und „Prestige“. Exklusivität – für ihn ist das ohnehin „alter Kram“. Die Vielfalt sei es, die mittlerweile Mode ausmache. Zudem sei er, sagte der gebürtige Hamburger, ein bekennender „Mode-Opportunist. Ich versuche mich gern an Dingen, die so noch nicht existieren."

Den Beweis dafür hat er bereits öfters eindrucksvoll erbracht. 2004 etwa, als er die erste Designerkooperation mit H&M startete. Mittlerweile boomt das Geschäft mit der Massenmode aus Luxushäusern. Ob internationale Marken wie Versace oder deutsche Größen wie Wolfgang Joop für Galeria Kaufhof – längst haben die Topschneider erkannt, welch lukratives Geschäft diese temporären Liaisons sein können. Sie bringen Aufmerksamkeit – und vor allem Geld. Schließlich ist es nicht gut um das teuerste Segment in der Modebranche bestellt, zumindest in Europa. Die feinen Häuser aus Paris müssen sich umorientieren: nach China beispielsweise, wo die Kunden bereit sind, 15 Milliarden Euro für Konsumgüter auszugeben. Auch hier hat Karl Lagerfeld ein Näschen fürs Geschäft, präsentierte bereits 2009 eine für den Markt in Shanghai kreierte Chanel-Sonderkollektion.

„Karl“ dagegen wurde am ersten Tag nicht nur im Internet, sondern auch in temporären Windowshop-Stores in Paris, New York, Sydney, London und Berlin vorgestellt. Der Meister selbst zeigte sich zwar nicht in dem Geschäft an der Taubenstraße, in dem man die Teile per Smartphone-App kaufen konnte, feierte lieber in Paris. Trotzdem: Der Andrang war groß – Zeitgeist getroffen.