Johannes Heesters

Der Meister der guten Laune ist tot

Johannes Heesters ist an den Folgen eines schweren Schlaganfalls gestorben. Der Grandseigneur der Operette starb an Heiligabend im Alter von 108 Jahren in Starnberg. Ein Nachruf.

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Johannes „Jopie“ Heesters ist am Sonnabend im Alter von 108 Jahren im Klinikum in Starnberg gestorben. Das bestätigte der Sprecher des in den Niederlanden geborenen Entertainers, Jürgen Ross. Heesters sei um 10.15 Uhr eingeschlafen, seine Frau Simone Rethel sei bei ihm gewesen. Seit dem vergangenen Wochenende hatte im Krankenhaus gelegen, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Bereits kurz vor seinem Geburtstag am 5. Dezember musste er wegen eines Schwächeanfalls mehrere Tage in der Klinik verbringen. Seinen Geburtstag hatte „Jopie“ noch mit seiner Familie in seinem Haus in Starnberg gefeiert. Er lebte dort mit seiner mehr als 45 Jahre jüngeren Frau, der Schauspielerin und Buchautorin Simone Rethel. Noch kürzlich hatte der einstige „Ufa“-Filmstar gesagt, er wolle mindestens 110 Jahre alt werden.

Heesters war der Meister der guten Laune. Er war Deutschlands professionellster Hallodri. Wie andere Schweiß, so versprühte er Charme. Er war die Leichtfüßigkeit in Person, und so sang er auch. Er machte die Operette intelligent, allein durch seine abgeklärte Kunst des Pointierens. Was Johannes Heesters auch künstlerisch anfasste, er verwandelte es in eine Wolke Farben sprühender Luftballons. Und ließ sich von ihnen ins Himmelblau ziehen. Mehr als zwei Generationen vertrieb er unermüdlich das Alltagsgrau. Heesters war so etwas wie eine Institution der Volksfürsorge, Abt. Frohsinn.

Der Mann war ein Labsal. Er verstand es, die Menschen zum Schmunzeln zu bringen. Seine Heiterkeit steckte an und entfaltete sich auf die müheloseste Art epidemisch. Man fiel ihr widerstandslos zum Opfer. In sogenannten heroischen Zeiten war es höchst einfach, heldisch zu tun. Heesters Humor jedoch blieb durchweg zivil, verbindlich, gut erzogen. Wie andere ihre Uniform, so trug er den Frack. Er kletterte nicht in die Schützengräben, er ging, als Graf Danilo verkleidet, ins Pariser "Maxim", dort beim Can Can die angemessene lustige Witwe zu treffen und zwar gleich insgesamt satte 1600 Mal: über die Jahrzehnte hin geradezu ein Marathon-Marsch ins Vergnügen.

Bei der alten Ufa machte er unaufhaltsam und rasch Karriere in sogenannten "Ablenkungsfilmen", wie die einen, die Widerständler im Geiste, sie vorwurfsvoll nannten. Andere sahen in ihnen nicht genug zu bedankende "Überlebensfilme", die dazu beitrugen, unter dem Bombenhagel so etwas wie die dringend benötigte Überlebenslust zu entfachen. Heesters vertrieb regelmäßig den Trübsinn des Daseins im Kintopp, anderthalb Stunden lang.

Was er auf der Leinwand, auf den Bühnen musikalischer Unterhaltung veranstaltete, war nicht lernbar gewesen. Es war Heesters wohl angeboren. Seine Kunst war poliert wie der Lackschuh, den er im Scheinwerferlicht funkeln ließ. Er verstand zu betören: ein Verführer par Excellence, ein Bruder Leichtsinn, der sich, unwandelbar, gewissermaßen immer selber im Knopfloch trug. Gertrude Stein hätte ihn zweifellos poetisch angehimmelt: "Ein Heesters ist ein Heesters ist ein Heesters". Dagegen ließ sich einfach nichts machen. Heesters turnte am Unterhaltungstrapez, als habe er trotz aller Bewirtschaftung durch Lebensmittelmarken die Nonchalance, diesen Kaviar der Unterhaltung, wie mit Silberlöffeln gefressen.

Heesters war fesch. Er war ein Schwerenöter der Heiterkeit. Der Frack schien seine Lieblingswohnung zu sein. Er lebte dahin auf der Seite des Glücks, und das schien ihm unverbrüchlich treu zu bleiben. Ohne je zu versteinern, wurde Heesters so etwas wie ein deutscher Jahrhundertschwarm. Man wollte nicht von ihm lassen, und Heesters unterstützte diese einleuchtende Ansicht aus unermüdlichen Kräften.

Er war einen Tag vor dem Nikolaustag des Jahres 1903 in Holland geboren. Zur Welt aber kam er 1935 in Berlin, im Admiralspalast (dem heutigen Metropoltheater) und im damaligen Metropoltheater, der heutigen Komischen Oper Berlin. Das Publikum fiel auf Anhieb voller Begeisterung über ihn her, und es blieb ihm treu bis in seine alten Tage. Es war eine Liebe mit jenem guten Gedächtnis, wie sie nur Auserwählten zuteil wird. Sie fraß sich in sein Gesicht. Sie machte Grübchen. Heesters setzte sie prompt wie strategische Waffen ein. Er lächelte unter Wolken die Sonne herbei.

Dabei biederte er sich nirgends an. Er war ein Aristokrat des rundum Populären. Er tänzelte allen Holzhammer-Humoren sicheren Schritts aus dem Weg, vom Scheitel bis zur kessen Sohle ein Gentleman. Er heulte nicht mit den Wölfen. Er sang lieber, wie in "Das Hofkonzert", mit Martha Eggerth. Er tanzte lieber, wie im "Bettelstudent", mit Marika Rökk. Er war ausgelassen, doch stets auf die distinguierte Weise. Er war ein Meister in der schweren Kunst des Sich-nicht-Gehenlassens.

In mehr als fünfzig Filmen hat er sie geübt, in großen und kleinen Rollen. Es waren selten die großen Leinwandrauscher, die Kinogeschichte zu schreiben versuchten. Heesters Filme punkteten sich immer fleißig die Kassenerfolge zusammen. Am Ende war es in Deutschland schier unmöglich, nicht wenigstens einmal im Leben Johannes Heesters in Fleisch und Blut, im Film oder wenigstens im Fernsehen gesehen zu haben. Er war gewissermaßen das Immergrün unter den darstellenden Künstlern.

Das aber bewirkte, dass er sich immer gleich blieb, wenn dieses Gleiche sich auch altersbedingt wandelte. Aus dem Danilo der "Lustigen Witwe" wurde Firs, der uralte Diener, der Tschechows "Kirschgarten" durchschlurft, eine Rolle, die sich auch er alte Will Quadflieg in Hamburg zum Schluss nicht entgehen ließ. Heesters war 98, als er sie München spielte, mit künstlicher Hüfte und frisch eingesetzten neuen Kniegelenken, von den Star-Operationen zu schweigen.

Doch Heesters ließ sich nicht entmutigen. Selbst in das Guinness der Rekorde lahmte er noch unaufhaltsam hinein, nachdem er weltweit als einziger Schauspieler mit 93 Jahren noch über 250 Mal in einem dreistündigen Stück auf der Bühne gestanden hatte. Heesters war noch immer für Standing Ovations gut.

Und die wurden ihm in der Folge immer wieder zuteil. Man ließ "Goldene Vorhänge" über ihn fallen. Er war der Oberförster im Bambi-Wald. Man schnürte ihn mit Filmbändern ein, behängte ihn mit Ehrenmedaillen und Verdienstorden. Er stand vor der Goldenen Kamera. Aber mehr noch: er stand unwandelbar in der Liebe des Publikums, und die umsteht nun zweifellos auch voller Trauer sein Grab.