Henry Hübchen

"Emanzipierte Frauen haben mehr Komik-Potenzial"

Der Schauspieler Henry Hübchen spricht über die Sowjets, Sex und seine neueste Rolle als Erzengel Gabriel. Und er erklärt auch, warum Frauen in Hosenrollen nie lustig sind.

Henry Hübchen kommt zu spät. Kein Wunder, er hat ja auch jede Menge zu tun. Immerhin läuft sein jüngster Film "Der Uranberg" in der ARD ( Mittwoch, 7. Dezember 2011, 20.15 Uhr ). Er setzt sich, sieht unverschämt gut aus und fängt an, die Interviewerin um den Finger zu wickeln. Er hat sich fest vorgenommen, jede Frage mit nur drei kurzen Sätzen zu beantworten, bricht aber sofort mit diesem Vorsatz. Erst ist er ein bisschen spröde, dann kommt er so richtig in Fahrt.

Morgenpost Online: Sind Sie ein strenger Vater?

Henry Hübchen: Nicht streng, aber bestimmend. Oder sagen wir: bestimmen wollend (zögert). Wie heißt es bei Brecht? Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. Bei mir ist es anders, ich mache Vorschläge, aber die werden nicht angenommen. Ich habe nicht immer das Talent, auf den Charakter meiner beiden Töchter einzugehen.

Morgenpost Online: Im "Uranberg" spielen Sie einen russischen Generaloberst, der den Tod seiner Tochter riskiert, als er erfährt, dass sie einen deutschen Geliebten hat. Ist das ein krankhaft eifersüchtiger Vater oder ein ideologischer Fanatiker?

Henry Hübchen: Keines von beidem. Um diese Figur begreifen zu können, muss man sich mit der Zeit beschäftigen, in der der Film spielt. Das können wir nicht von unserem Wohlstandssofa aus im Schnellverfahren bewältigen. Der Vater will seine Tochter schützen, die Russen sind noch im Krieg, sie ist eine Soldatin, die Liebe zu diesem Deutschen ist eine Fraternisierung mit dem Feind. Das bedeutet für sie Tod oder zumindest Lager.

Morgenpost Online: Braucht man den zeitlichen Abstand, um die Konflikte des "Uranbergs" besser einordnen zu können?

Henry Hübchen: Nein, ich glaube nicht, dass man mehr über den Mond lernt, wenn man sich weiter von ihm entfernt. Wir beide haben doch überhaupt keine Vorstellung davon, was Krieg wirklich bedeutet (lehnt sich sehr energisch nach vorne) . Der Generaloberst, den ich spiele, kommt in ein zerstörtes Land, dessen Bewohnern die schlimmsten Geschichten über die Russen eingebläut worden sind: Untermenschen seien die. Doch selbst den überzeugtesten Nazis hat es wohl zu der Zeit gedämmert, dass mit der Ideologie ihres Oberchefs etwas nicht stimmen kann, allein wegen der Art, wie er sich selbst aus dem Weg geräumt hat ganz am Ende.

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich Ihrer Rolle genähert?

Henry Hübchen: Auch wenn Burski älter ist, habe ich mir das immer so vorgestellt: Da ist ein Russe, so um die 20, der will vielleicht gerade mit seiner Freundin das Wochenende in der Datsche verbringen oder ans Schwarze Meer, der will sein Studium machen, eine Familie haben. Und dann wird auf einmal sein Land überfallen. Er wird eingezogen und muss zu Fuß um sein Leben von Moskau bis Berlin laufen. Durch Dreck, durch Winter, durch Tod. Da wird man zum Tier.

Sie glauben doch nicht, dass so einer am 8. Mai 1945 pünktlich um 12 Uhr zum Gentleman wird. Deswegen trifft er auch Entscheidungen, die andere als unmoralisch empfinden. Zum Beispiel, als durch die Schuld seines Kumpels Sascha der Stollen einstürzt. Ich glaube, ich würde genauso handeln. Ich würde sagen, pass mal auf Sascha, du hast Mist gebaut, aber ich liefere dich nicht ans Messer. Das Regime braucht einen Schuldigen, warum soll es nicht dieser Nazi Meinel sein, der "Sieg Heil" geschrien hat und "Führer, wir folgen dir", während deine Eltern von der SS erschossen wurden und sie dich in den Gestapo-Kellern gefoltert haben.

Morgenpost Online: Die Rolle liegt Ihnen sehr am Herzen.

Henry Hübchen: Ich nehme sie ernst. Ich habe noch Text dazuerfunden. Ich will, dass der Zuschauer Empathie für diese Leute bekommt. Das erste Mal ging es mir mit Franz Moor in Schillers "Räubern" so. Da hatte ich auch das Gefühl, die Figur müsste mehr sagen, als der Dichter ihr zugestanden hat. Ich will diesen Burski verteidigen. Die Russen haben gerade Deutschland von der Nazidiktatur befreit und sind schon wieder die Arschlöcher? Ich persönlich möchte das nicht erzählen, das können andere machen.

Morgenpost Online: Der Film spielt in ihrem Geburtsjahr, 1947, das Bergbauunternehmen Wismut, um das es geht, wurde in den 60er-Jahren zum drittgrößten Uranlieferanten der Welt. War Ihnen das als Jugendlicher ein Begriff?

Henry Hübchen: Das hat mich nicht interessiert. Als ich 18 war, fand ich Liverpool spannender als das Erzgebirge. Es ging um Beatmusik, Vietnamkrieg und die Frage, was ich studieren will. Meine Feste fanden mit Rock 'n' Roll im Twist-Keller in Berlin-Treptow statt.

Morgenpost Online: Generaloberst Burski ist eine sehr ernste Figur. Ist das schwieriger zu spielen als eine komische Rolle?

Henry Hübchen: Ich denke, die Komödie ist schwieriger. Da entlarven sich die Fehler schneller. Bei tragischen Geschichten merken die Leute nicht so einfach, wenn sie nicht gut erzählt sind. Da fällt ihnen höchstens auf, dass ihnen ein bisschen langweilig wird. Betroffenheit oder Emotionen teilen sich nicht mit. Höchstens, wenn einer anfängt im Saal zu schnarchen. Bei ernster Kunst nimmt man es nicht so übel, wenn sie mal langweilt. Da wird dann eben ein bisschen geschlafen, umso angeregter wird danach intellektuell diskutiert. Bei der Komik aber will man die Leute zum Lachen bringen, und hört man nichts, dann ist es sofort klar, dass der Witz nicht funktioniert hat.

Morgenpost Online: Sie haben gesagt, Komik sei männlich. Können Sie mir das erklären?

Henry Hübchen: Das war eine empirische Beobachtung.

Morgenpost Online: Sie sagten auch, dass Sie nicht genug Frauen kennen würden, um eine allgemeingültige Aussage zu machen. Das glaubt Ihnen natürlich niemand.

Henry Hübchen: Wieso denn nicht? Wie soll ich denn weltweit genügend Frauen kennen, um zu pauschalisieren. Wie soll ich denn das anstellen? Die drei, die ich kenne, die reichen nicht. Vielleicht kenne ich einfach nicht genügend komische Frauen. Vielleicht hat es mit der traditionellen Rolle der Frau in der Gesellschaft zu tun.

Je emanzipierter die Frau wird, desto mehr Potenzial zur Komik bekommt sie. Der Klassenclown ist immer noch ein Junge. Die Klassenschönheit ist immer noch ein Mädchen. Das hat doch was zu bedeuten? Frauen in Hosenrollen zum Beispiel sind nie komisch, Männer in Kleidern dagegen immer.

Bei Chaplin beispielsweise war die Frau nur auf die Opferrolle reduziert. Es gibt bestimmt nicht viele Frauen, die zuerst komisch sein wollen und dann erst schön und erotisch. Das hat mit der Gesellschaft und den Medien zu tun, die die Frau hauptsächlich über die zwei letzteren Adjektive definieren.

Morgenpost Online: Also haben Frauen mehr Potenzial zur Komik, wenn sie dem in den Medien propagierten Schönheitsideal widersprechen?

Henry Hübchen: Ja, dicke Frauen zum Beispiel.

Morgenpost Online: Dicke Frauen sind lustig?

Henry Hübchen: Nein. Aber sie probieren, eher komisch zu sein. Gut aussehende Frauen versuchen es gar nicht erst. Natürlich gibt es da Ausnahmen, Barbara Schöneberger zum Beispiel oder Anke Engelke.

Morgenpost Online: Und wie ist die Reihenfolge bei Männern?

Henry Hübchen: Kraft, Potenz, Intelligenz. Aber Humor? Männer haben ohnehin eine komische Ausstrahlung, auch unfreiwillig.

Morgenpost Online: Wie habe ich das zu verstehen?

Henry Hübchen: Männer denken, sie müssten sich die Welt unterwerfen. Damit sind sie aber im Allgemeinen überfordert und werden zu komischen Figuren. Wenn sie schlau sind, dann nutzen sie das für sich.

Morgenpost Online: Moritz Bleibtreu hat gesagt, er freue sich, dass er älter werde, denn damit würden auch die Rollen für männliche Schauspieler spannender. Stimmt das?

Henry Hübchen: Nee. Das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wann sind die Menschen am spannendsten? Wenn sie anfangen, in das Rad der Geschichte zu greifen, wenn sie ihren Platz erobern. Büchner hatte das mit 24 schon hinter sich. Aber die meisten Revolutionen werden zwischen 30 und 35 gemacht – in Frankreich zum Beispiel oder Kuba. So ab 50 wird es dünner mit den großen Taten, mit den großen Rollen. Welcher Tyrann war schon 60?

Morgenpost Online: Berlusconi hat es bis 75 geschafft.

Henry Hübchen: Aber nicht als Tyrann, sondern als komischer Liebhaber.

Morgenpost Online: Wie ist das denn mit Ihrer jüngsten Rolle in "Jesus loves me", der nächstes Jahr ins Kino kommt?

Henry Hübchen: Das ist eine nicht so ganz reale Figur. Er war der Erzengel Gabriel, bevor er auf die Erde kam. Das finde ich spannend. Welche Beziehung hat der noch nach oben? Wie läuft es mit den Frauen? Er hat ja wegen einer Frau seine Unsterblichkeit gekündigt. Aber als Erzengel war er ein Neutrum. Zweitausend Jahre ohne Sexualität, und dann hat er sie auf einmal. Zu so einer Rolle fällt mir einiges ein. Auch Sachen, die nicht im Drehbuch stehen.

Morgenpost Online: Zum Beispiel?

Henry Hübchen: Das verrate ich Ihnen nicht (er lacht) .