Ute Lemper

"Diva am Wickeltisch" startet Deutschlandtour

Ute Lemper startet ihre neue Tournee. Die 48-Jährige singt darin Tangolieder, und mit dabei ist ihr sechs Wochen altes Baby. Ein Besuch in New York.

Foto: picture-alliance / Globe-ZUMA / picture-alliance / Globe-ZUMA/Globe-ZUMA

Unglaublich schmal ist sie. Erster Gedanke: Wie macht sie das nur? 48 Jahre ist Ute Lemper alt. Vor vier Wochen hat sie ihr viertes Kind bekommen. An diesem Herbsttag steht sie auf der Dachterrasse ihrer New Yorker Wohnung. Der Sturm hat die Hollywoodschaukel umgefegt.

„Packen Sie mal mit an“, sagt sie zur Begrüßung. „Männer sind ja grad keine da.“ Trennt lose gewordene Stangen und baut sie mit einer Leichtigkeit zusammen; als wären es Mikadostäbchen. Dann noch schnell ein Blick auf die Häuserschluchten New Yorks.

Nur ihr Kopf lugt über die steinerne Brüstung. Erst kommen mehrere Straßen mit niedrigen Brownstones, weiter hinten sieht sie das Empire State Building und die Türme des Time Square. Ihr Zuhause.

New Yorker blicken aus der Höhe immer mit einem eigenartigen Stolz auf ihre Stadt herab. Sie teilen sie mit Millionen anderen. Aus ihren Wohnungen sehen sie in fremde Schafzimmer, Küchen und Büros hinein. Jeder freie Winkel wird hier verbaut.

Und doch empfinden viele hier eine größere Freiheit als auf dem offenen Land. Freiheit ist auch die Antwort Ute Lempers auf die Frage, was sie an dieser Stadt liebt. „Hier kann ich sein, wie ich bin“, sagt sie.

Diesen Wunsch hat man ihr in ihrer eigentlichen Heimat lange nicht zugestanden. Dort wurde ihre Kunst zuerst gefeiert, dann verrissen. So sehr, dass sie sich schließlich abwandte und ins Ausland ging. In London, Paris, New York wurde sie ein Weltstar.

Heimisch wurde sie in Deutschland nie wieder

Nach Deutschland kehrte sie regelmäßig zurück. Das Band hielt immer, aber heimisch wurde sie nie wieder. Ende November startet sie ihre Tournee „Lost Tango – Eine Homage an die Musik von Astor Piazzolla“ in Deutschland. In Berlin, München, Hannover und drei weiteren Städten wird sie Tangolieder singen.

Ihr Baby wird sie mitnehmen. Erst kümmert sich eine Kinderfrau darum, später die Großeltern. „Ich habe mir das sehr genau überlegt“, sagt sie, ohne danach gefragt worden zu sein. Es ist, als könnte sie noch immer nicht genau das tun und lassen, was sie will.

Wenn sich Leute aus normalen Verhältnissen in das Bühnenlicht vorschieben, bedeutet das zwangsläufig einen Bruch mit der Vergangenheit. Ute Lempers Eltern waren Bankangestellte in Münster. Ihr Bruder blieb in der Nähe und arbeitet dort als Architekt.

Sie aber wollte hinaus. Sie studierte Tanz und Gesang in Köln und am Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Mit 20 Jahren hatte sie in Wien ihre erste große Rolle als Katze Bombalurina im Musical „Cats“. Es begannen ihre „Wanderjahre“, wie sie heute sagt.

Zwei Jahre Wien, drei Jahre Berlin, ein Jahr Stuttgart, drei Jahre Paris , ein Jahr Köln, ein Jahr Frankfurt, zwei Jahre London. Sie war überall zu Gast und nirgends zu Haus. Hatte immer drei Portemonnaies und überall Freunde. Spielte, sang, feierte. Lebte auf der Bühne aus, was sie im richtigen Leben nicht zu sein wagte. Es sei ein tolles Leben gewesen, sagt sie. Verrückt, aber manchmal auch sehr einsam.

Anfangs sei es ihr unangenehm gewesen, wenn sie im Rampenlicht die Diva spielte und die Eltern im Publikum saßen. Für sie war sie das Kind aus Münster. Doch für alle anderen im Publikum war sie die Cabaret-Sängerin Sally Bowles, die im Berlin der 30er-Jahre mit Stöckelschuhen, Seidenstrümpfen und einem Nichts als Kleid den Männern den Kopf verdreht.

„Den Gedanken muss man irgendwann abschütteln“, sagt Ute Lemper. Einen letzten Funken Unschuld hat sie aber bis heute nicht verloren. Sonst würde sie sich nicht beständig die Finger reiben, wenn sie über den großen Bruch in ihrer Karriere spricht.

"Drittklassige Tingeltangel-Schnurre"

Schon früh hatte es Vergleiche mit Marlene Dietrich gegeben. Die beiden sind sich äußerlich sehr ähnlich. Mit ihren hohen Wangenknochen, großen Augen und der fast knabenhafte Figur war Ute Lemper wie dafür gemacht, die Rolle der deutschen Chanson-Sängerin zu übernehmen.

Ihre Stimme versetzt einen in die Zeit zurück, als Marlene Dietrich in verrauchten Salons über die Liebe sang. Die Dietrich hatte ihren Durchbruch als Lola im Film „Der Blaue Engel“.

Für Ute Lemper wurde diese Rolle der Einbruch. Kritiker bezeichneten sie als „drittklassige Tingeltangel-Schnurre“. Dass sie kurz zuvor in der Fernsehshow „Hier bin ich“ aufgetreten war, mag nicht geholfen haben.

Als es ihr zu hart wurde, zog sich Ute Lemper für eine Weile zurück und gab die Rolle der Lola ab. Es hat ihr wehgetan, dass man sie als talentlos bezeichnet hat. „Die Fernsehshow war wirklich blöd“, sagt sie. „Aber ich war jung, Mitte 20. Da soll man sich doch noch ausprobieren und Fehler machen dürfen.“

Wenn man zuvor als deutsches Fräuleinwunder gefeiert wurde, ist der Sturz umso härter. „Vielleicht hatte ich zu schnell Erfolg“, sagt Ute Lemper. Das haben mir manche nicht gegönnt.“ Wie richtet man sich danach wieder auf, woher nimmt man das Selbstvertrauen?

„Einfach weitermachen“, sagt Ute Lemper. „Außerdem gab es ja nicht nur Deutschland. Und meine internationale Karriere konnten sie mir nicht nehmen.“

Die Lieder Kurt Weills in Amerika wieder bekannt gemacht

Es ist zum Teil auch ihr Verdienst, dass die Lieder Kurt Weills in Amerika wieder bekannt wurden. Der Liedermacher hatte Deutschland 1933 verlassen. Im selben Jahr hatten die Nazis seine „Dreigroschenoper“ verboten, die er zusammen mit dem Dichter Bertolt Brecht entworfen hatte.

1950 starb der Komponist in seiner neuen Heimat New York. 1986 stand Ute Lemper dort im Lincoln Center auf die Bühne, um seine Lieder zu singen. Sie war das erste Mal in New York. Die Stunden zuvor hatte sie damit verbracht, Manhattan zu erforschen.

Es war Sommer. Der Asphalt glühte vor Hitze. Vor ihrem Auftritt war sie nervös. Obwohl Kurt Weill selbst von den Nazis verfolgt worden war, traf seine Lieder aus der Zeit der Weimarer Republik dasselbe Schicksal wie alle deutschen Lieder aus der Epoche. Sie kamen im Ausland nicht gut an; ddas veränderte sich damals. Das Publikum liebte Ute Lemper. Und sie verliebte sich in New York.

1998 zog sie für immer hierher. Der Broadway hatte sie als Velma Kelly im Musical „Chicago“ aus London abgeworben. „Es ist die einzige Stadt, wo ich mir vorstellen kann, glücklich zu sein“, sagt Ute Lemper. New York war schon immer die Stadt für alle, die es woanders nicht ausgehalten haben.

Das Leben ist hier schneller, härter, ehrlicher. Mit ihrem zweiten Mann und den vier Kindern lebt sie an der Upper West Side in der Nähe des Natural History Museums. Dort begegnet sie auf dem Weg zum Supermarkt der Schauspielerin Catherine Zeta-Jones und plaudert mit Matt Damon, dessen Mädchen auf dieselbe Schule gehen wie Ute Lempers Kinder.

„Nach drei Monaten waren wir New Yorker“, sagt sie. „Man verschmilzt mit der Stadt und kann trotzdem seine Kultur und Nationalität behalten.“ Heimweh hat sie nie verspürt. Ihre Mutter schickt ihr zur Weihnachtszeit Päckchen mit Lebkuchen. Honig von Langnese bekommt sie im Supermarkt. Nicht einmal das Brot vermisst sie. Dafür hat sie jetzt Bagels.

"Hier wird man in Ruhe gelassen"

Auf der Straße wird sie manchmal erkannt. Aber im Umgang mit Stars sind New Yorker souverän. „Hier wird man in Ruhe gelassen“, sagt Ute Lemper. Daher schafft sie es auch so gut, ein sogenanntes normales Leben zu führen.

Auf dem Klavier, an dem sie ihre Tonleitern probt, hat eines der Kinder einen Plüschlöwen abgestellt. Am Kühlschrank klebt ein Bild von Freunden, das mit dem Computer ausgedruckt wurde. Neben dem Fernseher liegt die Fernbedienung für die Spielkonsole X-Box.

Hier lebt kein Broadway-Star, der zufällig noch einen Mann und vier Kinder hat. Hier ist eine Mutter zu Hause, die noch ein anderes Leben auf der Bühne hat. „Das ist ein sehr behütetes Leben, wo die großen Probleme keine Rolle spielen“, sagt sie.

„Hier sind die kleinen Probleme die wichtigen, also wenn ein Kind Fieber hat oder frech war.“ Ihre Familie beschreibt Ute Lemper als eine „Bubble“ und es klingt im englischen schöner als das deutsche Wort Blase. Da es mehr ausdrückt. Es bedeutet, dass sie sich darin behütet fühlt, dass diese „Bubble“ sich um all das legt, was ihr im Leben wichtig ist.

Vergangene Woche hatte sie ihren ersten Auftritt seit der Geburt von Baby Jonas Anfang Oktober. 600 Leute hörten ihr im Hotel „Waldorf Astoria“ zu, wie sie Lili Marleen und die Moritat von Mackie Messer sang.

Normalerweise trinkt sie gern ein Glas Rotwein, um nach einem Auftritt herunterzukommen oder geht mit den Kollegen noch was essen. Dieses Mal hatte Ute Lemper aber schon etwas vor. Sie fuhr nach Hause in ihre Wohnung. Um zwei, um fünf und um acht Uhr morgens gab sie dem Baby die Flasche.

Am anderen Tag hatte sie dann ein „Gespräch“ mit ihrem Mann. Die beiden teilen sich jetzt die Nachtschichten.