Die Leiden des Capitano

Ballacks unendlicher Albtraum zum Karriereende

2006 war er noch "Capitano" – doch das Sommermärchen ist lange her: Michael Ballack, ehemaliger DFB-Kapitän, hat nicht nur sportliche Probleme.

Das Training am Dienstag war gerade vorbei, als sich Dirk Mesch, der Pressesprecher bei Bayer Leverkusen, von seinem Büro in der BayArena auf den Weg zur Kabine machte. In den Vormittagsstunden hatte er wieder einige Interviewanfragen für Michael Ballack erhalten. Jetzt wollte Mesch den Spieler darüber informieren.

Doch die Unterredung dauerte nur wenige Sekunden. „Es gibt von mir zu keinem Thema einen Kommentar“, sagte Ballack. Eine klare Ansage, kurz und knapp.

Nun gibt es zwar einige Dinge, die man mit Ballack gerne erörtern würde – gerade jetzt, da es sportlich nicht sonderlich gut läuft. Doch es ist nur ein einziges Thema, auf dem das verstärkte Medieninteresse basiert.

Und dabei geht es nicht um Ballack den Fußballer, sondern um den Ballack, den Prominenten, der für viele noch ein Vorbild ist. Am Montag hatte die „Bild“-Zeitung berichtet , dass seine Frau Simone die Villa in Meerbusch mit den drei Söhnen verlassen hat.

Es ist der vorerst letzte Akt in einem Stück, das im Mai 2010 Premiere hatte und von Anfang an so gar nicht auf den 34-Jährigen zugeschnitten war. Auf ihn, den sie seit dem Sommermärchen 2006 „Capitano“ nennen. Jürgen Klinsmann, der Reformer des deutschen Fußballs, hatte ihn so getauft. Weil Ballack ein Leader-Typ ist. Einer, der vorangeht, wenn es eng wird und Kollegen sich auf dem Platz verstecken.

Einer, der sich unbedingt in den Dienst der Mannschaft stellt. Doch dann kam der Mai des letzten Jahres. Ballack wurde gefoult – und zwei Bänderrisse im linken Sprunggelenk bedeuteten das Aus für die WM in Südafrika. Die deutsche Fußball-Nation stand unter Schock. Die ARD sendete einen „Brennpunkt“, und es gab kaum jemanden, der auch nur einen Cent auf die junge deutsche Mannschaft setzte.

Der Leitwolf musste erfahren, dass es auch ohne ihn läuft

Aber dann spielte das Team plötzlich ganz stark auf. Es brillierte und wurde erst im Halbfinale vom späteren Weltmeister Spanien gestoppt. Die deutsche Elf hatte sich von ihrem Leitwolf getrennt, der erfahren musste, dass es auch ohne ihn läuft. Oder sogar besser, wie einige Kritiker meinten.

Als Ersatzkapitän Philipp Lahm dann auch noch öffentlich und ganz gezielt einräumte, die Kapitänsbinde gern behalten zu wollen, war das Ende von Ballack – zumindest im Nationalteam – programmiert. Ballack stand im Abseits. Und ausgerechnet er, der zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts zum Hoffnungsträger des deutschen Fußballs aufgestiegen war.

Weil er besser am Ball war als viele seiner Kollegen. In einer Zeit, als die Özils und Götzes noch in sportlichen Kinderschuhen steckten – und in Bezug auf Deutschland gern auch vom „Rumpel-Fußball“ die Rede war.

Ballack aber stach hervor. Unvergessen, wie er bei der WM 2002 im Halbfinale das entscheidende Tor gegen Südkorea erzielte und selbstlos den Fehler eines Kollegen ausbügelte. Ballack sah damals für ein Foul die Gelbe Karte.

Es war die zweite im Turnier, weshalb er für das Finale gesperrt war. Auch wenn Ballack gegen Brasilien (0:2) fehlte, passt diese Niederlage ins Bild eines Spielers, der zwar jahrelang der beste Deutsche, aber auch der ewige Zweite war. Denn der ganz große Wurf ist Ballack bislang verwehrt geblieben.

Er ist Meister mit Kaiserslautern geworden sowie mit dem FC Bayern, mit dem er auch Pokalsieger wurde. Er gewann nationale Titel mit dem FC Chelsea. Aber auf der internationalen Bühne hatte er immer das Nachsehen. 2002 verlor er 1:2 mit Bayer Leverkusen im Champions-League-Finale gegen Real Madrid.

2006 flossen Tränen, als er mit Deutschland im WM-Halbfinale Italien unterlegen war. 2008 verlor Ballack erst mit Chelsea das Champions-League-Finale gegen Manchester United, dann folgte die Pleite im Europameisterschafts-Endspiel gegen Spanien.

2008 heiratete Ballack Simone

Michael Ballack hat das alles weggesteckt. Und immer an seiner Seite: Ehefrau Simone. In seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern (1997–99) hatte Ballack sie kennengelernt. Simone arbeitete seinerzeit in Kaiserslautern als Kellnerin im „Café am Markt“: „Bei mir hat es sofort gefunkt, aber Simone hat mich ein halbes Jahr zappeln lassen, bis wir endlich ein Paar wurden“, hat Ballack einmal gesagt.

Jahrelang lebte das Paar ohne Trauschein. Bis zur Hochzeit 2008. Am Starnberger See wurde gefeiert, die Gästeliste war lang – und am späten Abend saß sogar noch Elton John am Klavier.

Mit der Familie im Rücken wollte Ballack noch einmal angreifen, als er im Sommer des vergangenen Jahres aus London zurück nach Leverkusen kam. Doch schon am dritten Spieltag wurde der Versuch gebremst. Wieder ein Foul, wieder eine schwere Verletzung, wieder eine Pause.

Als er genesen war, bekam er schließlich zu spüren, dass vergangene Leistungen in der Gegenwart nichts zählen. Trainer Jupp Heynckes setzte ihn nur noch sporadisch ein. Robin Dutt, der Heynckes beerbt hat, verzichtet derzeit sogar komplett auf ihn und sagte kürzlich, selbst wenn er inzwischen zurückgerudert hat: „Auch für Michael Ballack muss es eine Ehre sein, bei einem Champions-League-Teilnehmer wie Bayer Leverkusen auf der Bank zu sitzen.“

Harte Worte für einen Mann, dessen Selbstverständnis es jahrelang war, voranzugehen.

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