Ein Herz und eine Krone

Die Traumhochzeit von Victoria und Daniel

100.000 Schweden haben dem frischgetrauten Thronfolgerpaar zugejubelt. Die Hochzeit war perfekt organisiert und trotzdem romantisch.

Foto: dpa

Sie hat sich doch noch durchgesetzt. Die Zeitungen hatten 16 Grad befürchtet, und Regen. Kronprinzessin Victoria und der Bräutigam Daniel Westling, so hieß es, würden in einem geschlossenen Wagen fahren müssen. Die erwarteten 250.000 Besucher würden zuhause bleiben, so meinte man, und das Spektakel auf dem Sofa vor dem Fernseher verfolgen.

Aber dann kam der Morgen der Hochzeit. Und die Sonne. Und die siebenjährige Lina, die seit 10 Uhr früh mit ihrer Familie mit Schlossblick picknickte, fühlte sich in ihrem Berufswunsch bestätigt: „Wenn ich groß bin, werde ich Kronprinzessin.“

Die schwedische Kronprinzessinnentrauung, die „Traumhochzeit des Jahrhunderts“, wie die hoftreuen Zeitungen nicht müde wurden zu beschwören, hat entgegen aller Befürchtungen schließlich doch vieles von dem gehalten, was man sich von ihr versprochen hatte.

Vielleicht haben Handel und Hotelgewerbe nicht ganz den Gewinn gemacht, den sie erwartet hatten. Aber sicher ist, dass europaweit die Menschen vor den Fernsehern saßen und weinten und sich richtig gut fühlten bei dem Gedanken an dieses öffentliche Märchen, das die schwedische Kronprinzessin gestern der Welt beschwert hat. Sogar der Bräutigam selbst hatte Tränen in den Augen, als er sein Ja-Wort gab.

Kein Wunder. Für ihn beginnt ein komplett neues Leben. Daniel Westling ist seit gestern Prinz Daniel. Seinen Nachnamen muss er aufgeben, er wird auch nicht mehr wählen gehen. Der ehemalige Fitnesstrainer ist jetzt Herzog von Västergötland und, wie der König am morgen noch schnell beschlossen hatte, Ritter des Serafimer Ordens.

Er ist ab jetzt im Hauptberuf Begleiter, Lächler und Ehemann. Mit seiner Heirat wird er Teil einer der seltsamsten Spezies, die die Welt des 21. Jahrhunderts bewahrt hat: Der Monarchie. Und er ist Ehemann eines der ehrgeizigsten Mitglieder dieser Gattung.

Kronprinzessin Victoria hat den Job, der Liebling der Nation zu sein. Und den nimmt sie ernst, das hat auch schon der Mann an ihrer Seite bemerkt, der während der letzten Tage immer wieder leicht erstaunte Blicke auf seine Braut tat, wenn das ganz Spektakel um ihn herum drohte, ins Wahnsinnige abzukippen.

Doch die Gefahr bestand nie wirklich: Die ganze Hochzeitsfeier ist perfekt durchorganisiert, für Pannen gibt es zu wenig Freiraum. Mit einer besonderen Hingabe hat Victoria versucht, in möglichst vielen Details es der Mutter gleich zu tun.

Sie steht vor demselben Altar, vor dem ihre Mutter 1976 heiratete, am Jahrestag ihrer Hochzeit, mit ihrem Schleier und ihrem Diadem. Fast hat man das Gefühl, die Tochter habe Angst, etwas falsch zu machen. Ihre eigene Persönlichkeit zu sehr einzubringen. Ihrer Hochzeit ein Profil zu geben, das vielleicht nicht massenkompatibel sein könnte. Also setzt sie auf Tradition.

So war es bereits am Freitagabend. Die Hochzeit begann mit einem Konzert, genau so, wie es auch Sivlia und Carl Gustav machten. Schon ab fünf stehen die ersten Schaulustigen vor dem Konzerthaus; die ersten Besucher sind dann so unbekannt, dass sie selbst erst mal Bilder von der wartenden Menge machen, während sie über den roten Teppich schreiten. Gegen acht sind es immerhin schon um die 2000.

Es ist eine ruhige, geduldig wartende Menge. Dann kommen endlich die Royals. Rosa ist die Farbe des Abends, Maxima trägt es als Blumenwiese, Mette Marit tuffig und Silvia klassisch. Königliche Hoheiten sind ein lebendes Fotoalbum und die Menge applaudiert dankbar, wenn sie sich zeigen.

Im Konzerthaus dann präsentiert sich das Brautpaar als Traumpaar: Wie bei der Mini-Playback Show kommen sie durch eine Tür mit Gegenlicht geschritten. Daniel Westling sieht furchtbar nervös aus, vor allem neben seiner Braut, die es ihr Leben lang gewohnt ist, Emotionen kameratauglich umzusetzen.

Im Konzertsaal fällt auch auf, welche unterschiedlichen Begabungen und Neigungen es in dieser Richtung in Europas Königshäusern gibt. Spaniens Letizia sitzt ein bisschen übel gelaunt neben Dänemarks Mary. Der niederländische Thronfolger gibt sich bis zum Auftritt von Roxette – die letzten – betont gelangweilt, während seine Frau Maxima, das sehr wild zusammengewürfelte und deutlich schwedenlastige Programm ganz schön zu finden scheint.

Kronprinzessin Victoria aber thront mit einem sehr kleidsamen diamantenem Silberpfeil im Hinterkopf in der ersten Reihe und geht bei jeder noch so seltsamen Nummer mit. Die Fotos werden nachher wunderbar aussehen. Oben auf dem Balkon zwei Plätze neben König und Königin sitzen Ole und Ewa Westling aus Öckelbo, Daniels Eltern, und scheinen sich zu fragen, wie das alles geschehen konnte.

Aber dem werden sie sich jetzt hingeben müssen: In Stockholm ist schon seit Wochen die offizielle Liebe ausgebrochen. Überall hängen offizielle Verlobungsfotos, in jedem zweiten Laden gibt es die offizielle königliche Geschirrserie plus Geschirrtuch zur Hochzeit nebst offiziellen Schokoladenboxen und kaum jemand wagt, eine Postkarte zu verschicken, auf der nicht die offizielle Briefmarke prangt.

Normalerweise gibt es wöchentlich zwei Artikel über die königliche Familie, in den letzten Wochen waren es 25 am Tag. Aller orten wird betont, wie wichtig die königliche Familie für die Wirtschaft des Landes sei. Sie ist das Aushängeschild Schwedens, heißt es immer wieder. Und so hat natürlich auch Ikea unter dem Motto „Zusammen“ eine kleine mobile Filiale vor dem Schloss aufgebaut. Mit den obligatorischen Hot Dogs. Stockholm wird diesen Tag als Volksfest feiern.

Das Brautpaar aber hat es jetzt erst vor sich. Ihr erster für die Öffentlichkeit gedachter scheuer Kuss vor der Kirche wird monatelang das Gesprächsthema der Stadt sein.

Über den von Silvia und Carl Gustav spricht man heute noch. Das ist eben Monarchie. Ein Märchen zum wieder und Weitererzählen.