Es ist ein Date, das man zu lang herbei gesehnt hat. Man hat sich schon viel zu früh viel zu schick gemacht, sich dreimal umgezogen, man hat sich zu dick geschminkt und vor lauter Aufregung fast Zahnpasta ins Gesicht geschmiert. Jetzt steht man da, und sieht ein bisschen albern aus und weiß nicht so recht, was man mit sich anfangen soll.
Stockholm hat gerade so ein Date. Die Hochzeit zwischen Kronprinzessin Victoria und dem Fitnesstrainer Daniel Westling ist seit Jahren herbeigesehnt und auch gefürchtet worden. Seit dem Foto, das die beiden wild knutschend auf der Geburtstagparty einer Freundin zeigte, bis zu dem offiziellen letzten Foto vor der Hochzeit, auf dem ein gezähmter Herr Westling, der zukünftige Herzog von Västergotland, einen scheuen Blick auf das Volk wagt, sind neun Jahre vergangen.
Acht Jahre in denen sich Schweden langsam daran gewöhnen konnte, dass sich die Kronprinzessin für einen ganz gewöhnlichen Ehemann entscheiden würde. Einen, der äußerlich so gar nicht zum Märchenprinzen taugt, sondern viel eher zum Bürovorsteher. Aber Victoria Ingrid Alice Desiree aus dem Hause Bernadotte hat an Daniel Westling festgehalten. Sie hat darauf bestanden, ihn ein Leben lang zu lieben und das ganz offiziell.
Die treue, kronprinzessliche Liebe ist jetzt über die ganze Stadt ausgestreut worden. An jedem Kiosk gibt es die königliche Hochzeitsschokoladenbox in verschiedenen Größen, überall liegen Teller, Tassen und Tabletts mit den drei immer wieder kehrenden Fotomotiven: Eine würdevoll strahlende Thronfolgerin und ein sehr glatt gegelter Daniel Westling – mal auf einer kleinen Brücke, mal an romantisch erhellten Fensterreihen, mal als Close Up. 250 Millionen Euro soll der königliche Souvenirverkauf alleine einbringen.
Und das ist längst nicht alles, was Stockholm zu bieten hat. In den Schaufenstern glänzen rosa Prinzessinnen-Kostüme neben Brautschleiern und manche Straßenzüge haben sich komplett mit weißen Tüllschleifen geschmückt, die sie an Dachrinnen und Geländer gebunden haben. Sogar am Gepäckband am Flughafen erwartet die Gäste schon riesig groß das begehrteste Postkartenmotiv dieser Tage.
Darunter ein Countdown, der die Tage bis zur Hochzeit zählt. Doch das Brautpaar schaut erwartungsvoll ins Leere. Die Gäste kommen nur zögerlich zum Stockholmer Summer of Love und die Stadt weiß nicht so recht, damit umzugehen. Der britische Hof hat bereits abgesagt, und einige Journalisten vermuten beleidigt, Daniel Westling wäre der Queen und Prinz Charles zu unwichtig.
Die Geschäftsleute und Reiseunternehmen haben sich zu sehr auf dieses Date mit der Welt gefreut. Sie haben die Hotels blockiert, Sonderzüge bestellt, Hysterie geschürt. Sie haben den normalen Andrang zu früh kanalisiert und damit gebremst und jetzt müssen sie selbst stornieren. In den letzten Juniwochenenden ist in Stockholm normalerweise kein Zimmer mehr zu bekommen. Ausgerechnet in diesem Jahr gibt es jetzt Leerstand.
Am Donnerstagabend stehen die vielen weißen Plastik-Zelte der groß angelegten Kampagne „Stockholm Love 2010“ eher halbleer in der Stadt herum. Mit 200.000 Besuchern rechnet die Stadt, noch merkt man vor allem etwas von den Hunderten akkreditierten Journalisten. Die Musik dröhnt laut von den Bühnen herunter, auf riesigen Leinwänden wird zwischen Werbung und Videoclips immer wieder die Liebe beschworen, doch die Menschen auf den Bierbänken konzentrieren sich vor allem auf ihre Getränke.
Eine junge Frau in einem weißen Tütü und Brautschleier sucht nach ihrer Freundin. Trägt sie weiß als Hommage an Victoria? Es ist nicht ganz heraus zu kriegen. Die Frau ist, wie sie selbst bedauernd feststellt, leider zu betrunken, um die Frage zu beantworten. Ein paar Bänke weiter sitzt noch eine mit Brautschleier, diese etwas nüchterner. Spielst du Prinzessin? „Was? Nein, ich feiere heute Junggesellen-Abschied.“
Immerhin, am Waffelstand herrscht Hochbetrieb. Ein älteres Paar in den Siebzigern bestellt sich den Klassiker mit Sahne und Erdbeeren. Sie freuen sich seit Monaten auf die Hochzeit. „Ich schmelze dahin, wenn ich sehe, wie glücklich Daniel unsere Victoria macht“, sagt sie. Stellen sie sich denn auch am Samstag an den Zugweg? „Oh, wir haben die besten Plätze in der ersten Reihe“, sie lacht: „auf unserem Sofa vor dem Fernseher in unserem Ferienhaus."
Wenn es mit dem schlechten Wetter so weitergeht, wird die Idee Schule machen. Kalt soll es sein am Hochzeitstag und regnerisch. Da werden wohl einige die gut gemeinten Tipps der Umsonstzeitung vom Freitagmorgen in der U-Bahn beherzigen: „So überstehen sie 16 Stunden vor dem TV“.
Das wäre ein trauriger Reinfall. Die Zeitungen rechnen es vor: cirka neun Millionen Euro wird das Spektakel das Land kosten. Das sind die Kosten für 2000 Polizisten, 700 ausländische Journalisten (davon fast 300 deutsche) sowie 30 Seemänner vom Vasa Orden für den Hochzeitstag, zur Vorbereitung die Instandsetzung der Hochzeitskirche, sowie Renovierung des neuen Wohnsitzes des Paares.
Die Stadt Stockholm zahlt noch mal 1, 6 Millionen Euro dazu: Für die Kampagne „Stockholm Love 2010“ und den 250 Meter langen Hochzeitzug, der 7,3 Kilometer durch die Stadt ziehen wird mit 70 Pferden und Reitern und versilberten Hufen für die Pferde der Hochzeitskutsche und einer kleinen Strecke mit einer gold-blauen Gondel mit 18 Ruderern zurück zum Palast.
Die paar Anti-Royalisten, die in den letzten Wochen verstärkt auf sich aufmerksam gemacht haben, hat diese Summe schon lange gestört, aber die große Masse der Schweden konnte sich darüber nicht aufregen. Die königliche Familie ist beliebt, sie ist ein Aushängeschild für das Land, das kann man sich auch etwas kosten lassen, es käme ja auch niemand auf die Idee, die Elche abzuschaffen.
Victoria ist jetzt schon eine Königin. Sie gilt als liebenswert, aufrichtig, charmant, standesbewusst und doch bodenständig volksnah. In dem kleinen Städtchen Ockelbo, aus dem ihr Liebster stammt, soll sie wohl auch gerne mal im Wald ein paar Pilze sammeln oder durch den Ort joggen – so wie der ganz normale Durchschnittsschwede. Und so etwas mag man hier. Nur der Konsumrausch, der anlässlich von Victorias Eheschließung erwartet wird, bleibt den Schweden suspekt.
In Stockholm hofft man jetzt auf ein Wunder. Wenn die Sonne scheint, so glauben die Königstreuen fest, dann werden auch die anderen Schweden in die Hauptstadt kommen und ihre zukünftige Königin als Braut feiern. Und wenn nicht? Darüber will jetzt keiner nachdenken. Noch kann ja auch alles gut gehen. Dass man vor einem Date etwas zu aufgeregt ist, zeigt ja auch nur, wie wichtig es einem ist. Und das ist doch ein gutes Zeichen.






















