Wenn Schauspielerin Diane Kruger Anfang Juli zur Fashion Week nach Berlin kommt, um auf einer der vielen Modepartys als Markenbotschafterin für einen neuen Duft von Calvin Klein zu werben, besucht sie keine fremde, ihr unbekannte Stadt. Die Deutsche, der ganz Hollywood seit Filmen wie „Troja“ und zuletzt „Inglourious Basterds“ zu Füßen liegt, hat während der Dreharbeiten der Studio-Babelsberg-Co-Produktion „Unknown White Male“ mit Liam Neeson von Mitte Januar bis Mitte April in einem Apartment in Kreuzberg gewohnt. Bevor die 33-Jährige an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt, hat Helene Schnell die gebürtige Niedersächsin in ihrer Wahlheimat Frankreich, in Cannes, zum Interview getroffen.

Morgenpost Online: Frau Kruger, Fashion-Magazine loben Ihren Stil. Sind Sie eine Mode-Ikone?

Diane Kruger: Mode ist eine Frage des Typs. Wenn ich etwas anziehe, das ich an Meryl Streep bewundere, muss es mir noch lange nicht stehen. Damit muss sich jeder individuell beschäftigen.

Morgenpost Online: Bevorzugen Sie das Einfache im Leben?

Kruger: Es wäre schön, wenn es immer so leicht wäre! Aber manchmal gerät unser Leben an einen Punkt, an dem es kompliziert wird. So nehme ich mir häufig zu viel vor und vergesse, worauf es wirklich ankommt. Darum ist es wichtig, sein Leben ab und an zu vereinfachen. Ich muss für „schuldig“ plädieren, dass ich das oft aus den Augen verliere und aufpassen muss, dass das Leben nicht an mir vorbeizieht.

Morgenpost Online: Wie könnte das passieren, Sie leben doch selbst auf der Überholspur...

Kruger: Ich muss eben viel unter einen Hut kriegen: all meine Filme machen, ab und zu ein wichtiges Event besuchen, meine Freundschaften pflegen, eine gute Tochter und natürlich auch eine gute Freundin sein. Da kommt eine Menge zusammen, das fällt mir nicht immer leicht.

Morgenpost Online: Wie setzen Sie die Prioritäten?

Kruger: Als ich 30 geworden bin, ist mir klar geworden, dass viele Dinge, die ich bis dahin für wichtig gehalten hatte, gar nicht so wichtig waren. Das war für mich ein großes, plötzliches Erwachen. Ich dachte, ich hätte schon alles im Leben erreicht – ich beherrsche zwei Fremdsprachen, bin in der Welt herumgereist und habe viel gesehen. Aber das war ein Trugschluss. Jetzt bin ich bescheidener und demütiger geworden. Wie oft komme ich in Situationen, wo mir klar wird, dass ich keine Ahnung habe? Ich fühle mich oft sehr dumm.

Morgenpost Online: Ist das nicht ein Zeichen dafür, reifer zu werden: zu wissen, dass man nichts weiß?

Kruger: Ich hoffe, dass es so ist. Das würde mich trösten!

Morgenpost Online: Trost spendet sicher auch Ihre Karriere: Am 8. Juli kommt Ihr Science-Fiction-Drama „Mr. Nobody“ ins Kino, der Film „Lily Sometimes“ wurde in Cannes gefeiert…

Kruger: Gerade dieser Film liegt mir sehr am Herzen, denn meine Freundin Fabienne Berthaud hat Regie geführt. Als ich den fertigen Film das erste Mal gesehen habe, hat es mir die Sprache verschlagen: Die Figur Clara, die ich spiele, ist genau die Person, die ich niemals sein wollte. Eine Frau, die es allen recht machen will, immer das liebe Mädchen ist, das das Leben vorbeifließen lässt, keine intensiven Gefühle hat und es nicht schafft, die eigenen Träume zu verwirklichen. Trotzdem habe ich eine Menge Diane in der Figur Clara entdeckt.

Morgenpost Online: Wie sehr hat sich denn die Tatsache, dass „Lily Sometimes“ nicht nur von einer Frau gedreht, sondern auch von einer Freundin gedreht wurde, auf Ihr Arbeitsverhältnis ausgewirkt?

Kruger: Meistens springen Frauen härter miteinander um, als Männer mit Frauen umgehen – und zwar auf eine gute, produktive Art, denn es ist dabei keine Verführung im Spiel. Man wird als Hauptdarstellerin nicht auf ein Podest gestellt. Es wird nicht viel um den heißen Brei herumgeredet. Blödsinn gibt es nicht. Fabienne ist eine taffe Frau. Ich konnte ihr nichts vormachen. Sie durchschaute mich sofort. Vielleicht auch, weil sie mich besser als jeder andere kennt, mit dem ich bisher zusammengearbeitet habe. Sie hat sofort gemerkt, wenn ich einen ruhigen Moment brauchte und etwas nicht mit der Allgemeinheit teilen wollte.

Morgenpost Online: Warum werden Sie von Männern bei der Arbeit anders behandelt als von Frauen?

Kruger: Das hängt damit zusammen, dass Männer mit Frauen auch sonst im Leben anders umgehen als mit dem eigenen Geschlecht. Ich habe auch mit einer anderen Regisseurin zusammengearbeitet, der Polin Agnieszka Holland, die genau so gnadenlos mit mir umgegangen ist. Sie hat aus mir eine tolle Leistung herausgekitzelt. Sie hätte sogar fast den Maskenbildner herausgeschmissen, weil sie meinte, er würde mich zu nett aussehen lassen.

Morgenpost Online: Stört es Sie, von einem männlichen Regisseur angeleitet zu werden?

Kruger: Nein, aber sie haben eben eine andere Vision und sehen in mir neben der Schauspielerin auch ein sexuelles Objekt, das attraktiv rüberkommen soll. Unterschwellig schwingt dabei wohl immer ein leicht distanziertes Verlangen mit. Diese Spannung ist natürlich auch gut, denn sie überträgt sich auf den Zuschauer.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie das Frauenbild in einem Film von Kultregisseur Quentin Tarantino?

Kruger: In einem Tarantino-Film sind Frauen sehr extravagant. Für mich war „Inglourious Basterds“ auch deshalb so wichtig, weil viele Leute in Amerika mich als eine zierliche, zerbrechliche europäische Schauspielerin wahrgenommen haben, was ich überhaupt nicht bin. Der Film war für mich wie ein Befreiungsschlag! In einem kleinen Film wie „Lily Sometimes“ geht es um das Gegenteil, da musste ich alles sehr subtil darstellen und langsam wachsen lassen. Für mich war es teilweise frustrierend. Diese Figur war einfach zu nett, und irgendwie misstraue ich Menschen, die immer so perfekt nett sind: Mit denen kann doch etwas nicht stimmen!

Morgenpost Online: Hat der Tarantino-Film für Sie ähnlich viel verändert wie für Christoph Waltz?

Kruger: Wahrscheinlich wird sich das erst mit der Zeit zeigen. Für mich persönlich hat sich aber schon einiges persönlich geändert, ich gehe einige Dinge jetzt anders an. Ich habe gleich im Anschluss den Film „Unknown White Male“ gedreht, in dem ich ebenfalls eine Figur spiele, die sich holt, was sie will. Solche Rollen sind mir davor nicht angeboten worden.

Morgenpost Online: Was hat Sie damals bewogen, die Helena in „Troja“ zu spielen?

Kruger: „Troja“ war erst mein zweiter Film – ich habe mir nicht die Rolle ausgesucht, Wolfgang Petersen hat mich ausgesucht. Ich war damals froh, überhaupt einen Job zu bekommen! Ich fühlte mich geschmeichelt, dass man in mir die Helena gesehen hat. Aber wenn ich heute den Film anschaue, ist mir klar, wie überwältigt ich war und was für eine blutige Anfängerin! Ich habe einige Jahre gebraucht, um mein Handwerk zu erlernen, und der Prozess hält noch an.

Morgenpost Online: Wie kommt es, dass Sie perfekt als Amerikanerin und Französin durchgehen, ohne die kleinste Spur eines deutschen Akzents?

Kruger: Einen kleinen Akzent habe ich schon noch. Aber insbesondere in Frankreich habe ich mich immer zu Hause gefühlt und wurde hier auch sehr unterstützt. Das französische Kino mag einfach Schauspieler und gibt ihnen viel Raum, um sich zu entwickeln. Selbst wenn dein Film keine zwei oder zehn Millionen Dollar einspielt, tendieren sie dazu, einen deswegen nicht gleich abzustempeln. Außerdem liebt das französische Kino Frauen mit Akzent. Durch Romy Schneider haben die Deutschen einen Stammplatz im Herzen der Franzosen erobert.

Morgenpost Online machte Anfang des Jahres einen Spaziergang mit Diane Kruger durch Berlin. Wie es war, lesen Sie hier.