Vermisstenfall

USA: Eltern finden entführte Tochter nach 50 Jahren wieder

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Dirk Hautkapp
Eine DNA-Probe zur Ahnenforschung lässt sich mit einem Wattestäbchen entnehmen.

Eine DNA-Probe zur Ahnenforschung lässt sich mit einem Wattestäbchen entnehmen.

Foto: Sven Hoppe/dpa

In den USA sorgt die Aufklärung eines alten Vermisstenfalls für Sensationen. Wie das Opfer nun nach 50 Jahren gefunden werden konnte.

Washington. Melissa Highsmith war keine zwei Jahre alt, als ihr Leben eine dramatische Wendung nahm. Ihre Mutter, Alta Apantenco, damals 22, hatte für die Kleine mit den haselnussbraunen Augen in Fort Worth im US-Bundesstaat Texas nach der Trennung von ihrem ersten Mann dringend eine Tagesbetreuung gesucht. Andernfalls hätte sie ihren Job als Kellnerin verloren.

Auf ein Inserat bot eine Frau an, sich neben anderen Kindern auch um das Mädchen zu kümmern. Die kleine Melissa wurde bei einer Zimmer-Nachbarin von Apantenco von der "Kindergärtnerin", die weiße Handschuhe trug, abgeholt und in die improvisierte Privat-Kita gefahren. Von dort kehrte sie nie zurück.

Der Vermissten-Fall mit der Nr. A0602001

Über 51 Jahre und ungezählte, allesamt gescheiterte Versuche, das Kind zurückzubekommen, ist das nun her. Fast sah es so aus, als würde der Vermissten-Fall mit der Nr. A0602001 niemals aufgeklärt.

Dann das: Der Zufall, das gesammelte Gen-Wissen amerikanischer DNA-Datenbanken, eine Hobby-Genealogin und ein Muttermal auf dem Rücken der inzwischen 53 Jahre alten Frau haben im Stil einer vorgezogenen Weihnachtswohlfühl-Geschichte eine Familienzusammenführung wie aus dem Bilderbuch produziert.

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Wie die Familie der Zeitung "Star Telegram" in Fort Worth glückselig berichtete, ist die am 23. August 1971 Verschwundene von ihren vier Geschwistern auf Fotos identifiziert worden.

DNA-Analyse von Melissas Vater gab entscheidenden Hinweis

Ein genetischer Fingerabdruck ergab weitere Gewissheit. Dazu kamen winzige Details. Etwa die Tatsache, dass die Verschollene wie ihre Schwestern Nachos mit scharfen Jalapeños würzt. Und dass sie, wie sie, einen Hund besitzt, der Charlie heißt.

Der Schlüsselmoment ereignet sich Anfang November. Melissas Vater Jeffrie Highsmith erhielt seine der kommerziellen Analyse-Firma "23andMe" zur Verfügung gestellte DNA zurück. In deren Daten-Pool wurde ein Enkel-Kind gefunden, von dem Jeffrie Highsmith nicht wusste, dass es existierte. Es war das Kind einer gewissen Melanie Walden. Deren DNA-Test bestätigte die Ausgangsthese: Melanie Walden ist Melissa Highsmith.

Lisa Jo Schiele, eine Labor-Wissenschaftlerin und Hobby-Genealogin, half bei der Interpretation der DNA-Ergebnisse und suchte entsprechende Bestätigungen in öffentlich zugänglichen Personen-Registern. Mit Erfolg.

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"Man darf einfach nie aufgeben", sagte Schiele nach der Auflösung der Personalie Highsmith und bekräftigte damit die Haltung des "Nationalen Centers für Vermisste und Ausgebeutete Kinder". Mit Unterstützung von DNA-Datenbanken, heißt es dort, könnten immer öfter auch schier unmöglich scheinende Fälle aufgeklärt werden.

Wie die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt das vergangene halbe Jahrhundert verbracht hat, ob die Frau, bei der Melissa aufwuchs, auch die Entführerin von damals war, all das liegt noch weitgehend im Dunkeln und wird, obwohl jeder Straftatbestand seit Jahrzehnten verjährt ist, von der Polizei in den nächsten Wochen und Monaten rekonstruiert.

Vermisstenfall in USA: Melissa wurde für 500 Dollar "verkauft"

Ersten Informationen nach soll die Frau, die Melissa großgezogen hat, seinerzeit 500 Dollar für sie bezahlt haben. An wen? Noch unbekannt. "Melissa wusste nicht, dass sie entführt worden ist", sagen ihre Schwestern Rebecca und Sharon. "Dabei haben wir jedes Jahr für sie eine Geburtstagsparty ausgerichtet."

Melissa Highsmith sagte einem örtlichen Radiosender, dass sie keine glückliche Kindheit hatte. "Ich fühlte mich nicht geliebt. Es gab Missbrauch. Mit 15 bin ich weggelaufen und schlug mich auf der Straße durch." Was folgte, waren mehrere Ehen, Konflikte mit dem Gesetz und drei Schwangerschaften.

Ihr Vater soll Melissa zum Traualtar führen

Als Melissa Highsmith am Wochenende nach dem Thanksgiving-Feiertag mit Eltern und zwei der vier Geschwister in Fort Worth in einer Kirche zusammentraf, flossen literweise Tränen der Freude. "Ich kann es nicht fassen, dass das da meine verlorene Schwester ist", sagte Victoria Garner.

In ersten Fernseh-Interviews sah man den Highsmiths am Dienstag auch ohne Worte eine tiefe Verbundenheit an. Die will Melissa Highsmith demnächst auf ganz besondere Weise dokumentieren. Sie wird ihren Mann Robert ein zweites Mal heiraten. Damit ihr Vater sie zum Traualtar geleiten kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.