Italien-Insel

Erdrutsch auf Ischia: Zahl der Toten steigt auf zehn

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Micaela Taroni
Von Schnee und Winter keine Spur: Auf der italienischen Insel Ischia werden nach einem schweren Unwetter mehrere Menschen vermisst.

Von Schnee und Winter keine Spur: Auf der italienischen Insel Ischia werden nach einem schweren Unwetter mehrere Menschen vermisst.

Foto: Salvatore Laporta/AP/dpa

Beim Erdrutsch auf der italienischen Urlaubsinsel Ischia starben zehn Menschen. Matteo Salvini hatte Falschinformationen verbreitet.

Rom. Schlamm, Schutt und Geröll überall: Nach heftigen Unwettern hat ein Erdrutsch einen Teil der Insel Ischia vor Neapel in Italien verwüstet. Nachdem die Rettungskräfte am Samstag schon eine Tote entdeckt hatten, bargen sie später eine Kinderleiche und auch ein erst 22 Tage altes totes Baby, wie die zuständige Präfektur am Sonntagabend im süditalienischen Neapel mitteilte. Bis Donnerstagnachmittag stieg die Zahl der Toten bis auf zehn. Zwei der vier zuletzt noch vermissten Einwohner wurden am Donnerstag gefunden.

Zuvor bargen die Rettungskräfte am Sonntag im stark betroffenen Ort Casamicciola eine 58-Jährige aus Bulgarien, ein 6-jähriges Mädchen, einen 11 Jahre alten Jungen sowie einen Mann (32) und eine Frau (30). Bereits am Samstag fanden sie in dem nördlich gelegenen Küstenort eine 31 Jahre alte Frau in den Schlammmassen. Am Donnerstag wurde der 38 Jahre alte Vater der drei Kinder, die bereits gefunden wurden, geborgen und ein 31-jähriger Mann, dessen Partnerin ebenfalls bei dem Unwetter starb.

Erdrutsch in Italien: Schlamm begrub Häuser unter sich

Die Behörden wollten ihre Suche nach den noch vermissten Menschen weiter fortsetzen. Mittlerweile wurden laut Präfektur etwa 230 Menschen aus ihren Häusern geholt und an anderen Orten, etwa in einem Hotel untergebracht.

Damit steigt die Zahl der Toten von sieben auf zehn. Zunächst hatte es Verwirrung um die Todesopfer gegeben: Sowohl der italienische Infrastrukturminister Matteo Salvini als auch mehrere Medien berichteten fälschlicherweise über acht Tote.

Innenminister Matteo Piantedosi und die Carabinieri in Neapel wiesen diese Zahlen später zurück. Zudem waren acht Vermisste, darunter ein Kind, im Laufe des Tages in Sicherheit aufgetaucht. Zwei Personen galten auch am Donnerstag noch als vermisst, nach ihnen soll weiter gesucht werden.

Das Unwetter, das den Erdrutsch auslöste, war am Samstag in den frühen Morgenstunden über das Eiland mit etwas mehr als 60.000 Einwohnern hereingebrochen. Besonders betroffen war der Küstenort Casamicciola im Norden. Schlammmassen beschädigten Häuser, in denen auch einige der Vermissten vermutet wurden. Auf Twitter kursierten wenig später Bilder über das Ausmaß der Zerstörung. Auf einem Video ist ein Mann zu sehen, der in einem dunklen Haus auf Ischia im Schlamm feststecken soll.

Die Feuerwehr rettete nach eigenen Angaben zwei Menschen aus einem Auto, das ins Meer gerissen wurde. Sie war insgesamt mit 100 Kräften und 40 Fahrzeugen im Einsatz. Wegen des tobenden Unwetters hatten die Rettungskräfte nach eigener Aussage Mühe, die Menschen auf der Insel zu erreichen. "Die Situation ist sehr kompliziert", sagte Innenminister Matteo Piantedosi am Mikrofon des TV-Senders Rainews24.

Der Erdrutsch zog eine Schneise der Verwüstung mit sich: Dutzende geparkte Autos und Kleinbusse hatte er ins Meer gezogen. Der Hafen der wegen seiner Thermalbäder bekannten Insel musste gesperrt werden. Auch mehrere Straßen waren durch den Schutt blockiert. Die Rettungskräfte hatten Mühe, in die am stärksten von den Überschwemmungen betroffenen Gebiete zu gelangen.

Erdrutsch in Italien: Bürgermeister spricht von "Tragödie"

Die Rettungsarbeiten gestalteten sich dabei schwierig: Da einige Häuser nur über schmale Straßen erreichbar sind, konnten die Behörden zunächst nicht alle Gebäude kontrollieren. Über das Ausmaß der Schäden gibt es derzeit noch keinen Überblick, Neapel schickte zusätzliche Rettungskräfte in die betroffene Region.

Teile der Bevölkerung konnten ihre Häuser und Wohnungen stundenlang nicht verlassen, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern. Rund 200 Bewohner sollten laut Piantedosi evakuiert werden. Bürgermeister Enzo Ferrandino sprach von einer "Tragödie" und bat um Hilfe.

Italien wird immer häufiger von schweren Erdrutschen getroffen. Bei Unwettern in der Adria-Region waren im September 13 Menschen ums Leben gekommen. Bereits am Freitag gab es Warnungen über die bevorstehenden Unwetter. Ischias Bürgermeister Enzo Ferrandino hatte deswegen angeordnet, Schulen, Parks und Friedhöfe für Samstag zu schließen.

Ischia in Italien: Beliebtes Urlaubsziel von Angela Merkel

Ischia ist die größte Insel des Golfs von Neapel, zu dem auch Capri und Procida gehören. Die 46 Quadratkilometer große Insel vulkanischen Ursprungs zählt 62.000 Einwohnende und teilt sich in sechs Gemeinden auf. Aus dem Inneren der Insel entweicht Schwefel-Dampf, der speziell bei Atemwegserkrankungen helfen soll. Zahlreiche Hotelanlagen bieten ihre eigenen Thermalschwimmbecken an. Die Insel ist ein beliebtes Urlaubsziel.

Schon die alten Griechen wussten um die heilende Wirkung der Thermalbäder. Gegen Ende der römischen Republik gehörte die Insel Oktavian, dem späteren Kaiser Augustus, der sie aber im Jahr 29 vor Christus gegen die Insel Capri eintauschte.

Ischia entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer bekannten Künstlerkolonie. Schriftsteller und Maler aus aller Welt wurden von ihrer Schönheit angezogen, darunter auch Ingeborg Bachmann. Elizabeth Taylor und Luchino Visconti hielten sich hier zu Dreharbeiten auf. Merkel verbrachte häufig ihren Osterurlaub auf Ischia. Die Insel ist mit der Fähre in eineinhalb Stunden von Neapel aus erreichbar. (mit reba/dpa/afp)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.