Satiriker

Harald Schmidt in Rente: TV-Rückkehr ist ausgeschlossen

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Oliver Stöwing
Das sind Harald Schmidts wichtigste Karrierestationen

Das sind Harald Schmidts wichtigste Karrierestationen

Harald Schmidt ist einer der bekanntesten deutschen Entertainer. Mit seinen Shows hat er jahrzehntelang das Fernsehen geprägt. Szenen seiner Karriere bleiben dabei in Erinnerung.

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Harald Schmidt hat sich längst aus dem TV zurückgezogen. Nun wird er 65 und gefällt sich als eine Art Altkanzler des gehobenen Humors.

Berlin. Bestimmt sieht er genüsslich zu, wie sie weiter ackern: Thomas Gottschalk (72), der ewige Glamour-Boy. Günther Jauch (66), der unermüdliche Quizonkel. Einst spielte Harald Schmidt in ihrer Liga. Seine Nische: die Akademiker.

Seine WDR-Satiresendung „Schmidteinander“ (1990 bis 1994) großartig zu finden, gehörte zum guten Ton, dem man immer hinzufügte, sein Co-Moderator Herbert Feuerstein sei viel witziger, was natürlich nicht stimmte. Am Donnerstag (18. August) feiert Schmidt seinen 65. Geburtstag.

Während andere Künstler in diesem Alter ihre Schaffenskraft betonen, gefällt sich der gebürtige Neu-Ulmer als tiefenentspannter Beinahe-Privatier.

Harald Schmidt dreht nur noch fürs „Traumschiff“

Vor rund zehn Jahren zog er sich aus dem Fernsehen zurück. Seitdem macht er nur noch „ganz, ganz sporadisch was“, etwa Serienepisoden an angenehmen Drehorten („Traumschiff“, „Rosamunde Pilcher“), Theater, Lesungen. Eine Rückkehr ins TV ist ausgeschlossen. „Ich glaube auch, dass ich für die Sender uninteressant bin“, sagt er und glaubt es vielleicht auch nicht.

Seine liebste Rolle hat er längst darin gefunden, die Weltlage oder die Gesellschaft zu kommentieren und sich dabei als prototypischer Spießer zu inszenieren. Einer, der ist, wie er heißt und auch so aussieht: verdächtig normal. Stellvertretend für uns alle gibt diese Kunstfigur vor, jegliche Bemühung, besonders sein zu wollen, eingestellt zu haben.

Schmidts Haltung ist immer das Gegenteil dessen, was sogenannte Meinungsmacher oder Entscheider gerade zum Konsens erhoben haben. Drückt er damit seine Verachtung für die Elite und ihre Anhänger aus? Oder doch für den „weißen alten Mann“, den er karikiert? Es ist unmöglich, das zu beantworten. Jauch sagte über ihn: „Sie können bei Harald nie wissen, ob er jetzt auf der zweiten, dritten oder fünften Meta-Ebene mit Ihnen spricht.“

Harald Schmidt: Daheim in Köln ist es am schönsten

So erzählt der fünffache Vater dem „Stern“ zwar, dass er den Sommerurlaub mit der Familie auf einem Segelboot bei Sizilien verbringe. Dann aber sagt er: „Ich brauche Deutschland, Schweiz oder Österreich. Room-Service, perfektes Internet.“ Wenn er Exotik wolle, nehme er in Köln den Bus.

Überhaupt Köln: Am Rhein hat der Schwabe seine Heimat gefunden. Da habe er ein „Supernetz an Ärzten“ und jeder Taxifahrer wisse, wo er wohne. Man ahnt es, die hippe, gehypte, hysterische Hauptstadt lässt ihn kalt: „Ich überlasse Berlin den woken, jungen, aufbrechenden Menschen.“

Dann spottet er über Leute, die mit dem Satz „Wir haben noch eine kleine Wohnung in Berlin“ zeigen wollen, dass sie wenigstens ein bisschen teilhaben am Berlin-Wahnsinn. Schmidt schmähte die Metropole vor einiger Zeit in der „Berliner Zeitung“: „Wenn ich in Berlin zu tun habe, übernachte ich fast immer in Hannover.“

Aber auch London und Paris sind ihm nichts. Da bräuchte er ja dreimal so viel Geld wie in Köln. Und so steht Schmidt zu einer längst verpönten Eigenschaft: Geiz. Für die wenigen Festanstellungen seiner Laufbahn stehen ihm 272 Euro Rente zu. „Die kassiere ich auch knallhart, ich hab ja einbezahlt“, sagt der Multimillionär.

Harald Schmidt, der Welterklärer

Die Gender-Debatte greift er auf, indem er sich als „heteronormativen Cis-Mann“ bezeichnet, der sich zu Menschen hingezogen fühle, die er „als Frauen lese“. Heißt: Er ist seit der Geburt männlich und nicht schwul. Als sich alle Prominenten beim Impfen gegen Covid-19 fotografieren lassen, provoziert Schmidt mit der Bemerkung, er sei „auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen“. Also womöglich noch ungeimpft.

Und natürlich gibt er seinen erlesenen Senf zu unseren Politikern dazu. Olaf Scholz (SPD)? „Ein sehr guter Bundeskanzler, der sich nicht am allgemeinen Geschrei und an der Aufregung beteiligt.“ Robert Habeck (Grüne)? „Verfährt nach dem Motto: Erst weinen, dann feuern.“ Ihn und seine ehemalige Mit-Parteichefin Annalena Baerbock nennt er „Habock“ oder „Baerbeck“, in Anlehnung an Hollywood-Paare wie „Bennifer“, also Jennifer Lopez und Ben Affleck.

„Baerbeck“ ist zudem lautgleich mit einem sexuellen Jargon-Wort; es wird kein Versehen sein. Inflation und Energiekrise? Deutschland gehe es doch fabelhaft: „Schauen Sie doch mal in die Biergärten: meine Generation, große Eisbecher! Viele auch schon auf dem Elektrorolli, weil man die Gelenke nicht mehr so im Griff hat.“

Und so ist Schmidt statt Spießbürger vielmehr eine Art Altkanzler der Unterhaltung. Ein Mann, der nichts und niemandem verpflichtet ist, der nichts mehr verkaufen muss und der aus der Distanz beobachten und beurteilen kann. „Im Urlaub bin ich eine Millisekunde davon entfernt zu fragen: ,Haben Sie Schnitzel?‘“, erzählt er. Es ist eine Millisekunde, die den feinen Unterschied macht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.