Urteil

Amokfahrt von Trier: So bizarr tickt der schizophrene Täter

| Lesedauer: 5 Minuten
Jonas Erlenkämper
Lebenslange Haft für Amokfahrer von Trier

Lebenslange Haft für Amokfahrer von Trier

Im Prozess um die Amokfahrt von Trier mit sechs Toten ist ein 52-Jähriger zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Sein Motiv bleibt auch nach Ende des Prozesses unklar. Er wird in einer Psychiatrie untergebracht.

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Höchststrafe für den Amokfahrer, der in Trier im Auto durch die Fußgängerzone raste. Vor Gericht offenbart sich seine wahnhafte Welt.

Trier. Es ist 13.47 Uhr an jenem Winternachmittag, als der erste Notruf bei der Polizei eingeht. Bernd W., heute 52 Jahre alt, rast mit einem SUV durch die Innenstadt von Trier. Vier Minuten lang macht der alkoholisierte Mann in der Fußgängerzone Jagd auf Passanten, das Auto ist seine Waffe. Dann stellt Bernd W. den Wagen unweit des römischen Stadttores Porta Nigra – des Trierer Wahrzeichens – ab, zündet sich eine Zigarette an und wartet grinsend auf die Polizisten, die ihn wenige Augenblicke später festnehmen.

Dafür hat er nun die Höchststrafe erhalten: Fast ein Jahr nach Beginn des Prozesses um die Amokfahrt von Trier am 1. Dezember 2020 verurteilte das Landgericht den Täter am Dienstag wegen fünffachen Mordes sowie 18-fachen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft. Die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete die Unterbringung des Mannes in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus an.

Das Gericht, machte sie deutlich, habe keinen Zweifel daran, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Die Amokfahrt sei ein „Racheakt an der Gesellschaft“ gewesen, denn zu keinem der Opfer habe er einen persönlichen Bezug gehabt. Und Bernd W.? Der nahm die Urteilsverkündung regungslos zur Kenntnis. Der gelernte Elektroinstallateur hat den ganzen Prozess über zu den Vorwürfen geschwiegen.

Amokfahrer von Trier leidet an bizarren Einbildungen

Die juristische Aufarbeitung der schrecklichen Tat ist damit vorerst abgeschlossen. Nicht aber die Auseinandersetzung mit den Hintergründen. Der im August 2021 gestartete Prozess schaffte es nicht, den Hinterbliebenen eine befriedigende Antwort auf die Frage zu liefern, warum es zu der Todesfahrt kam.

Bernd W. hat gegenüber der Staatsanwaltschaft angegeben, er habe keine Erinnerung an die Minuten, in denen er fünf Menschen – ein neun Wochen altes Baby, dessen Vater (45) und drei Frauen (73, 52 und 25) – unmittelbar tötete und zahlreiche weitere Passanten schwer verletzte. Ein 77-Jähriger starb nahezu ein Jahr später an den Folgen. Lesen Sie hier:Berlin und Hamm: Wie besserer Schutz vor Amoktätern gelingt

Hinweise auf ideologische oder politische Motive gibt es nicht. Laut dem Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen leidet Bernd W. an einer paranoiden Schizophrenie mit bizarren Wahnvorstellungen. Er ist demnach vermindert schuldfähig und gilt als gemeingefährlich.

Amokfahrt von Trier: Täter war frustriert

Der Mann sehe sich als Opfer „eines groß angelegten Komplotts des Staates“ gegen ihn und fühle sich verfolgt, abgehört und beobachtet, berichtete der Experte in dem Verfahren. Er habe sich alle Zähne ziehen lassen, weil er Überwachungssensoren darin wähnte. Mehr zum Thema:Amoklauf in Heidelberg: „Studenten hatten Todesangst“

Frank Kay Peter, einer der Pflichtverteidiger des Verurteilten, sagt, sein Mandant habe sich Ende der 1990er-Jahre verändert: Er habe sich von seiner Freundin getrennt, seinen Job verloren, den Kontakt zur Schwester abgebrochen und die Zahl seiner sozialen Kontakte verringert. Womöglich, so Peter, habe dessen psychische Krankheit zu dieser Entwicklung beigetragen. Sie habe bei dem Mann im Laufe der Jahre eine „feindselige Haltung gegenüber der Gesellschaft“ gefördert.

Der Anklage zufolge war er zur Tatzeit alleinstehend, arbeitslos, ohne festen Wohnsitz und durch seine persönlichen Lebensumstände frustriert. Auf Prozessbeobachter wirkte er während der gut 40 Verhandlungstage allerdings relativ aufgeräumt. Gepflegte Erscheinung, weißes Hemd, modische Brille: Der Amokfahrer erschien nicht wie jemand, der zeitweise in seinem Auto gelebt hat.

Trier Amokfahrer hat „Chancen nicht genutzt“

Seine Einbildungen bedeuteten wohlgemerkt nicht, dass der Mann nicht anders gekonnt hätte. Dem Urteil nach handelte er grundsätzlich vorsätzlich. Richterin Schmitz wies darauf hin, dass er die Arg- und Wehrlosigkeit der Passanten ausgenutzt habe. Die überraschten Opfer hätten keine Chance gehabt. Das Auto, so wurde es vor Gericht rekonstruiert, war mit 70 bis 80 Stundenkilometern durch die Straßen gefahren, Bernd W. steuerte es im Zickzack und nahm gezielt Menschen ins Visier.

Sein von ihm empfundenes Rachebedürfnis an der Gesellschaft hat keinen realen Hintergrund: Objektive Hinweise, dass es ihm im Leben insgesamt schlechter ergangen sei als anderen Menschen, gebe es nicht, so Schmitz. „Er hat die Chancen in seinem Leben nicht genutzt.“

Die Frage nach dem Warum wird womöglich nie abschließend geklärt. Oberstaatsanwalt Eric Samel zufolge steht fest, dass der wahnhafte Mann für immer weggesperrt wird: „Er wird den Vollzug nicht mehr verlassen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.