Prozess

Boris Becker vor Gericht: Schuld sollen alle anderen sein

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Jonas Erlenkämper
Boris Becker in London vor Gericht - es drohen sieben Jahre Haft

Boris Becker in London vor Gericht - es drohen sieben Jahre Haft

In London hat der Prozess gegen Boris Becker begonnen. Dem sechsmaligen Grand-Slam-Sieger drohen wegen mangelnder Kooperation in seinem Insolvenzverfahren bis zu sieben Jahre Haft. Der 54-Jährige weist die Vorwürfe zurück.

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Becker-Strafprozess: Die Staatsanwältin sieht seine Schuld als erwiesen an. Der Ex-Tennisstar gibt zu, von Geld nichts zu verstehen.

London. Die Staatsanwältin hat genug von Boris Beckers Erklärungen, sie glaubt ihm nicht. Rebecca Chalkley ist von der Schuld der ewigen deutschen Tennislegende überzeugt. "Das einzige Urteil", sagt sie am Dienstag an die Geschworenen gerichtet, "zu dem Sie in jedem Anklagepunkt kommen können, ist: ,schuldig‘." Ein Satz wie ein Schmetterball, der Becker weiter in die Defensive zwingt.

Hoch konzentriert und sichtbar angespannt wirkt der 54-Jährige seit Beginn seines Londoner Strafprozesses am 21. März. Jeden Tag kann man ihn morgens auf dem Weg in den Southwark Crown Court beobachten, Händchen haltend mit seiner Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro (33) und am Dienstag auch in Begleitung seines Sohnes Noah (28).

Für den gebürtigen Badener geht es um alles, theoretisch drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft. Nun hat das Finale dieses aufsehenerregenden Prozesses begonnen – und Becker findet in Staatsanwältin Chalkley eine fordernde Gegnerin. Lesen Sie hier: "Ich bin nicht euer Boris" – ARD zeigt neuen Blick auf Becker

Boris Becker ist ahnungslos über seine Schulden

Die britische Juristin macht in ihrem Schlusswort deutlich, dass sie die angebliche Ahnungslosigkeit des Angeklagten für eine Strategie hält. "Boris Becker versucht, allen die Schuld zu geben", so Chalkley. Seinen Beratern, seinen Anwälten, den Insolvenzverwaltern. Tatsächlich habe nicht ein einziger Berater vor Gericht eine Mitschuld eingestanden, nicht ein Dokument lege eine solche Sicht nahe.

Die Anklage wirft Becker vor, dem Insolvenzverwalter Geld, Wertgegenstände wie Pokale und Immobilien verschwiegen zu haben. Der dreimalige Wimbledon-Sieger habe mehrere Trophäen versteckt, unter anderem einen Davis-Cup-Pokal, seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen sowie seinen ersten Wimbledon-Pokal. "Es ist nicht plausibel, dass Mr Becker nicht weiß, wo seine Trophäen sind", sagt Chalkley. Auch interessant: Boris Becker soll 37 Millionen zahlen

Dann wendet sich Beckers Verteidiger Jonathan Laidlaw an die Jury – und zeichnet das Bild eines Mandanten, der nie gelernt hat, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Die Geschworenen müssten Verständnis für dessen spezielle Situation haben: "Ich kann mir niemanden vorstellen, der ein Leben wie er geführt hat." Als Becker mit 17 Jahren erstmals das wichtige Tennisturnier in Wimbledon gewann, sei er auf einen Schlag ins Rampenlicht katapultiert worden: "Dieser Sieg von 1985 hat sein Leben verändert."

Boris Becker liest keine Briefe und hat ­keinen Überblick über sein Vermögen

Die plötzliche Bekanntheit und der Reichtum hätten allerlei Berater angezogen. Becker, so sein Anwalt, sei oft zu beschäftigt gewesen, manchmal auch zu faul, um sich um finanzielle Fragen zu kümmern. "Dieser Mann ist hoffnungslos mit Geld." Es sei aber kein Verbrechen, nicht auf Ratschläge zu hören oder schlecht beraten zu werden. Lesen Sie hier: Beckers Diplomatenpass ist laut Behörden eine Fälschung

Becker, der einstige Superstar, hatte bereits in den letzten Prozesstagen wiederholt betont, dass er keinen Überblick über seine Finanzen gehabt habe. Er sei es nicht gewohnt, Verträge auszuhandeln und abzuschließen. Er lese seine Post nicht. Er habe nicht gewusst, dass Konten auf seinen Namen angelegt wurden, dass ihm Immobilien wie sein Elternhaus in Leimen überschrieben wurden. Erklärung: "Ich war damit beschäftigt, um die Welt zu reisen und Tennis zu spielen."

Auch nach seinem Karriereende 1999 änderte sich daran wenig. Berater seien für sein Geld verantwortlich gewesen. Vor Gericht beklagte er die "teure Scheidung" von Ex-Frau Barbara (55), für Tochter Anna Ermakowa (22) zahlt er Millionen an Unterhalt. Dennoch leistet er sich ein Luxusanwesen im Londoner Stadtteil Wimbledon und einen aufwendigen Lebensstil.

Boris Becker von Staatsanwältin verspottet

Wie viele Konten er wo besitzt und wo die gewonnenen Trophäen lagern? Davon hat Becker keine Ahnung, wie er mehrmals zu Protokoll gab. Auch warum er in Belgien drei Konten einer US-Bank besaß, weiß er nicht zu sagen. Staatsanwältin Rebecca Chalkley ist jedoch davon überzeugt, dass Becker sehr wohl Bescheid wusste. Sie spottete: "Alle haben Schuld, nur Sie nicht."

Die zwölf Geschworenen beraten nun in allen 24 Anklagepunkten über einen Schuldspruch. Das Strafmaß wird schließlich von der Richterin festgesetzt.

Dieser Artikel ist zuerst auf morgenpost.de erschienen.