Pandemie

Omikron-Welle: Droht den Arztpraxen bald der Notstand?

| Lesedauer: 5 Minuten
Theresa Martus und Alessandro Peduto
Allgemeine Impfpflicht: Das sind die Vorschläge

Allgemeine Impfpflicht: Das sind die Vorschläge

Der Bundestag diskutiert über die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Es gibt drei unterschiedliche Vorschläge, wie eine solche Pflicht aussehen könnte.

Beschreibung anzeigen

Immer mehr Omikron-Fälle, ausfallendes Personal und wachsender Druck: Wegen der Belastung in den Praxen schlagen Ärztevertreter Alarm.

Berlin. Wie sich die Corona-Pandemie in Deutschland entwickelt, kann Stephan Bernhardt an seinem Wartezimmer ablesen. Aktuell, sagt der Allgemeinmediziner, schlage Omikron voll durch: „Ich habe noch nie so viele kranke Menschen in meiner Praxis gehabt.“ Und nie so viele, die verunsichert seien über das, was jetzt für sie gelte. „Man merkt, dass die Gesundheitsämter es aufgegeben haben, zu beraten und nachzuverfolgen“, sagt Bernhardt. Lesen Sie hier: Omikron-Symptome: Wie sie sich von Erkältung unterscheiden

Infektions-Bescheinigungen und Ratschläge lassen zum Teil Wochen auf sich warten, Arbeitgeber machen Druck – und am Ende sitzen auch Leute, die kaum Symptome haben, im Warteraum, um sich krankschreiben zu lassen, so der Berliner Arzt. „Machen wir dann natürlich, die Leute müssen ja zuhause bleiben.“ Zusätzlich zum Impfen gegen Corona und zur Versorgung von jenen Corona-Patienten, die tatsächlich ärztlichen Rat brauchen.

Überforderte Gesundheitsbehörden, Infektionszahlen in immer neuen Rekordhöhen und verunsicherte Bürgerinnen und Bürger: Wie an kaum einem anderen Ort wird die Dynamik der Omikronwelle in den Arztpraxen des Landes spürbar. Die niedergelassenen Ärzte sind in der Regel die ersten Anlaufstellen in der Pandemie, egal ob es um die Untersuchung von Symptomen, PCR-Tests oder Covid-Impfungen geht.

Die übergroße Mehrheit der Omikron-Fälle wird in den Praxen behandelt

Bei den Ärzten wächst derzeit die Sorge, frontal auf eine Omikron-Wand zuzulaufen: Am Donnerstag vermeldete das Robert Koch-Institut (RKI) erstmals in der Pandemie eine Sieben-Tage-Inzidenz von über 900. Zugleich wurden mehr als 150.000 Neuinfektionen binnen eines Tages festgestellt.

Weitere Rekordmarken dürften folgen. Das Bundesgesundheitsministerium von Minister Karl Lauterbach geht davon aus, dass es bald sogar 400.000 neue Fälle pro Tag sein werden. Bei vielen der rund 181.000 niedergelassenen Medizinerinnen und Medizinern macht sich angesichts solcher Aussichten Unruhe breit.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) berichtet bereits jetzt von starker Auslastung in der ambulanten Versorgung. „Wir haben derzeit seit Beginn der Pandemie die höchste Zahl an Covid-positiven Patienten in den Praxen“, sagt der stellvertretende KVB-Chef, Stephan Hofmeister, unserer Redaktion.

Die übergroße Mehrheit der Erkrankten werde ausschließlich in den Praxen behandelt. Da es bei Omikron zu weniger schweren Krankheitsverläufen kommt, ist nach seinen Worten zu erwarten, dass die Niedergelassenen bald den Großteil der Patienten versorgen. „Ein viraler Infekt der oberen Atemwege ohne Komplikationen gehört nicht ins Krankenhaus“, betont Hofmeister.

Ärzte, Ärztinnen und ihre Teams seien „am Limit“

Nach Worten von Hofmeisters Vorstandskollege, KBV-Chef Andreas Gassen, kommt hinzu, dass die Praxen abgesehen von Corona und den Covid-Impfungen auch noch den normalen Betrieb hätten. „Wir erleben aktuell zusätzlich viele Grippe- und Erkältungskrankheiten, die typisch sind in der Wintersaison“, sagt Gassen. Auch das Personalproblem sei größer als in früheren Wellen. Denn wegen der hochansteckenden Omikron erkranke mehr Personal oder falle quarantänebedingt aus. „Das schon jetzt hohe Arbeitsaufkommen verteilt sich damit auf noch weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen“, sagt Gassen.

Die Hausärztinnen und Hausärzte bestätigen das. Sie seien mit ihren Praxisteams „am Limit“, sagt Ulrich Weigelt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands. Er warnt vor immer mehr Ausfällen auf dem Weg zum Scheitelpunkt der Omikronwelle. „Je stärker die Inzidenzen steigen, desto mehr Praxen werden auch vorübergehend krankheitsbedingt schließen müssen“, sagte er unserer Redaktion.

Mit weiteren Schwierigkeiten vor Ort rechnen die Mediziner wegen der Priorisierung bei den sehr zuverlässigen PCR-Tests. Weil es nicht ausreichend Labortests gibt, sollen sie nach dem jüngsten Beschluss von Bund und Ländern künftig vor allem Risikogruppen und Beschäftigten im Gesundheitswesen und in der Pflege zur Verfügung stehen. KBV-Vize Hofmeister glaubt aber, wenn der Zugang zu PCR-Tests für die Bevölkerung eingeschränkt werde, lande der Druck in den Praxen.

Ärztevertreter: Die vierte Impfdosis wird zum Thema werden

„Da stehen die Leute dann auf der Matte und fordern den Test ein. Und der Arzt kann dann den schnellen Weg wählen und testet die Person. Oder er diskutiert, warum diese Person keinen Test bekommen kann. Das sind aber sehr aufwendige und anstrengende Gespräche“, betont Hofmeister.

Die große Sorge sei, dass die Priorisierung letztlich den Druck auf die Praxen verschiebe. Besonders schwierig sei hierbei, dass die Menschen den PCR-Test ja benötigten, um als genesen zu gelten. Die Verknappung werde somit zu Konflikten führen, „der Streit kommt in die Praxen“.

Auch die Debatte über eine mögliche vierte Covid-Impfung, wie sie in Israel bereits empfohlen wird, könnte auf den ambulanten Bereich durchschlagen. „Da werden in den kommenden Wochen sicher Leute in die Praxen kommen und sagen, ich will eine vierte oder sogar fünfte Impfdosis“, sagt Hofmeister. Die Politik dürfe in der Debatte jetzt keine neuen Ängste wecken. Auch Hausärzte-Vertreter Weigelt geht davon aus, dass das Thema vierte Dosis bald an Fahrt aufnimmt – „spätestens wenn ein angepasster Impfstoff zur Verfügung steht.“