Corona

Impfpflicht: Krankenschwester, ungeimpft, sucht neuen Job

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian Unger und Alessandro Peduto
Darauf müssen Sie bei der Durchführung von Selbsttests achten

Darauf müssen Sie bei der Durchführung von Selbsttests achten

Mit Hilfe von Coronaselbsttests können sich Menschen bequem von zuhause testen lassen, ohne dabei in ein Testzentrum fahren zu müssen. Doch dabei können einige Fehler passieren.

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Viele Pflegekräfte suchen mit Anzeigen ab 16. März eine neue Stelle. Dann gilt die Impfpflicht in Kliniken. Droht eine Kündigungswelle?

Berlin. Auf dem Online-Marktplatz Ebay verkaufen Leute ihre alte Stereoanlage oder ein gebrauchtes Kleid, andere suchen dort nach einem neuen Fahrrad oder einem Esstisch. In diesen Tagen aber finden sich hier ganz andere Gesuche. Eine Nutzerin aus Sachsen schaltet eine digitale Annonce: „Krankenschwester ungeimpft sucht neuen Job“, steht dort.

Dann schreibt die Frau, sie habe 2004 ihre Ausbildung zur Pflegerin gemacht und seitdem immer in der Branche gearbeitet. „Nun muss ich mich neu orientieren, da ungeimpft.“

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Eine Krankenpflegerin aus dem Saarland schreibt in ihrer Anzeige, sie sei fleißig, freundlich im Umgang mit Menschen und habe zwölf Jahre Berufserfahrung. Und dann noch: „ungeimpft, aber trotzdem ein guter Mensch & motivierte Mitarbeiterin“.

Pflegekräfte auf Jobsuche: Stellenanzeigen in Lokalzeitungen, Gesuche im Internet

Die Nutzerin Sandra aus Hof in Bayern schreibt: „Ich bin nicht gegen Corona geimpft und examinierte Altenpflegerin.“ Auch sie sucht einen Job ab Mitte März. So wie Diana, offenbar Krankenschwester aus Sachsen-Anhalt, die „aktuell nicht beabsichtige“, sich „unter Druck und Zwang impfen zu lassen“. Es sind Dutzende Gesuche allein bei Ebay, Krankenschwestern, Altenpfleger, Notfallsanitäterinnen, Zahnarzthelfer, Kinderkrankenschwestern.

Ähnlich klingen Stellengesuche in Lokalzeitungen, Bilder davon werden in sozialen Netzwerken wie Twitter geteilt. Manche Anzeigen sind knapp formuliert, andere schicken Eckdaten ihres Lebenslaufs mit. Manche sind nüchtern, andere wettern mal mehr mal weniger direkt gegen den „Impfzwang“.

Krankenhäuser und Kliniken laufen seit Beginn der Pandemie im Alarmmodus, schon vor Corona war das Gesundheitssystem am Limit. Und nun blicken alle gebannt auf den 16. März. Ab diesem Tag gilt die Impfpflicht für Einrichtungen wie Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen.

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Die Bundesregierung will so die Menschen in Einrichtungen schützen, die aufgrund ihres Alters oder einer Erkrankung besonders durch eine Corona-Infektion gefährdet sind. Mehrfach seit Beginn der Pandemie hatte es in Pflegeheimen und Kliniken Covid-19-Ausbrüche gegeben, oft mit Toten.

Landkreis wirbt mit Impfaktion in Heimen und Kliniken

Wer Mitte März noch als Krankenschwester, Hebamme oder Altenpfleger arbeiten will, muss dem Arbeitgeber einen Impfnachweis oder eine Genesenen-Bescheinigung vorlegen. Und die Ungeimpften? Droht ab Mitte März die Kündigung? Das Bundesgesundheitsministerium schreibt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass die Leitung der Klinik oder Praxis in solchen Fällen „unverzüglich“ das Gesundheitsamt einschalten – und die Personaldaten der ungeimpften Pflegekraft übermitteln solle.

Das Gesundheitsamt werde jeden Fall prüfen und „im Einzelfall“ entscheiden, etwa über ein Betretungs- oder ein Tätigkeitsverbot. Dabei soll das Gesundheitsamt laut Ministerium auch die Personalsituation in der Einrichtung berücksichtigen. Es sind Worte, die auch in der Bundesregierung eine Sorge über einen Pflegekollaps in manchen Heimen oder Krankenhäusern durch die Impfpflicht andeuten.

Deutlicher als das Ministerium äußern sich die Fachverbände. „Jeder, der geht, reißt eine Lücke in eine ohnehin schwache Personaldecke“, sagte die Präsidentin des deutschen Pflegerats, Christine Vogler, unserer Redaktion. „Wir können es uns eigentlich nicht erlauben, dass Beschäftigte kündigen oder dass sie freigestellt werden und damit für die Bewältigung der Arbeit verloren gehen.“

„Nicht erst seit der Pandemie herrscht ein eklatanter Personalmangel“

Manch ein regionaler Pflegeverband meldet bereits vermehrt Anfragen von ungeimpften Mitgliedern. Die Gewerkschaften rechnen mit einer Vielzahl von Klagen von Pflegekräften gegen mögliche Kündigungen. „Nicht erst seit der Pandemie herrscht ein eklatanter Personalmangel in den Pflegeberufen“, sagt Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe. „Jede Kündigung verschärft diesen Mangel, und das führt zu einem weiteren Versorgungsmangel in allen pflegerischen Bereichen.“

Das Problem ist: Niemand weiß genau, wie viele Pflegekräfte in Kliniken und Altenheimen ungeimpft sind. Es liegen „noch immer keine belastbaren Daten zur Impfquote der einzelnen Berufsgruppen im Gesundheitswesen“ vor, kritisiert Verbandschefin Bienstein. Und doch rechnen Fachleute nicht mit einer Kündigungswelle. Beim Pflegefachpersonal in den Kliniken sei die Impfquote „hoch“, sagt Pflegeratschefin Vogler.

Das bekräftigt eine Online-Umfrage des Robert Koch-Instituts aus dem Sommer. Demnach waren mehr als 90 Prozent des Krankenhauspersonals doppelt geimpft. Und dennoch ist klar: Jede einzelne Kündigung ist schmerzhaft. Klinikchefs finden jetzt schon keine Pfleger mehr. Aktuelle Erhebungen rechnen damit, dass bis 2030 mehr als 180.000 Fachkräfte fehlen werden.

Sorge auch bei Köchen und Reinigungskräften in Kliniken und Heimen

Und bei den Pflegekräften hört es nicht auf. Mit Sorge blickt Vogler auch auf Berufe, die in der Debatte bisher kaum thematisiert werden: Betreuungsassistenten, aber auch Küchenpersonal, Reinigungskräfte in Heimen und Krankenhäusern. Dort sei die Impfquote niedriger, so Vogler. „Dort überlegen einige, den Job zu wechseln, wenn die Impfpflicht an ihrem Arbeitsplatz greift.“

Vor Ort, in einigen Landkreisen, ist man seit dem Beschluss der Bundesregierung alarmiert. Im baden-württembergischen Göppingen will der Corona-Krisenstab des Landrats einen Appell starten, per Schreiben an alle Mitarbeiter in Kliniken und Heimen, und darum bitten, sich impfen zu lassen. Schon jetzt ist eine Aktion mit Impfangeboten angelaufen. Titel: „Wir impfen Sie gepflegt – Sie pflegen uns geimpft!“ Im Landratsamt weiß man genau: Von den gut 2800 Mitarbeitern in der stationären Pflege sind etwa 400 nicht geimpft.

Anzeigen als politische Stimmungsmache? Hinweise auf Fake-Gesuchen

Wer sind die Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen? Mehr als ein Dutzend Anfragen unserer Redaktion auf Stellengesuche bleiben unbeantwortet. Nur eine Krankenschwester meldet sich, lehnt ein Gespräch ab, sieht „in den Medien“ weder „aufrichtige Berichterstattung“ noch „kritische Fragen“.

Wer in den Annoncen tatsächlich Pflegekraft ist, lässt sich nicht prüfen. Der manchmal sehr ähnliche Wortlaut der Anzeigen, die etwa an eine Lokalredaktion in Bayern gingen, könnte auch auf eine gezielte Aktion von Impfgegnern hindeuten. Das Gros aber dürfte echt sein, dafür sprechen die ausführlichen Lebensläufe und die Handynummern, die Jobsuchende als Kontakte hinterlassen.

Auf der Plattform Ebay inseriert auch eine Personalvermittlung aus Sachsen, die nach eigenen Angaben seit Jahren Ärzte und Pflegekräfte von Deutschland in die Schweiz abwirbt. Man suche Krankenschwestern, Ärzte, Hebammen und Pfleger: „gerne ungeimpft“. Und: „Geimpft oder ungeimpft? Es ist egal! Wir suchen Sie“, heißt es in der Anzeige. Eine Impfpflicht in der Schweiz, so ergänzt der Personalvermittler, gelte als ausgeschlossen.