Unglück

„Costa Concordia“: Wie Opfer die Katastrophe erlebt haben

| Lesedauer: 4 Minuten
Micaela Taroni
Coronapandemie: Darauf müssen Urlauber bei einer Kreuzfahrt achten

Coronapandemie: Darauf müssen Urlauber bei einer Kreuzfahrt achten

Für Reisen ins Ausland gibt es während der Pandemie immer viele verschiedene Regelungen. So ist auch bei einer Schiffsreise einiges zu beachten. Der ADAC gibt Urlaubern Hinweise.

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Zehn Jahre ist die „Costa Concordia“-Katastrophe bereits her. Noch immer kämpfen Überlebende und Angehörige mit ihren Erlebnissen.

Giglio. Es ist Ausgehzeit an Bord, viele der rund 3200 Passagiere sitzen beim Dinner im Speisesaal. Einer der Kellner ist der 33-jährige Russell Rebello. Plötzlich knallt es. Das KreuzfahrtschiffCosta Concordia“ vibriert, Gläser rutschen von den Tischen. Das 290 Meter lange Schiff neigt sich zur Seite, dann geht das Licht aus.

Die „Costa Concordia“ hat einen Felsen gerammt, sie kentert. Panik breitet sich aus, man hört Schreie. Rebello hilft Passagieren beim Einstieg in die Rettungsboote. In den nächsten Stunden ertrinken 32 Menschen in ihren Kabinen oder beim Versuch, zur nur wenige Hundert Meter entfernten Insel Giglio zu schwimmen. Darunter ist Russell Rebello.

Costa Concordia“: Italien gedenkt am Jahrestag den Opfern des Unglücks

Zehn Jahre später ist sein Bruder nach Giglio gekommen, um Russell Rebello zu gedenken. Zum heutigen Jahrestag erinnert sich Italien an das Unglück, es wird ein Kranz niedergelegt. Kevin Rebello, ein Endvierziger, der in Mailand lebt, kann nicht abschließen mit den dramatischen Ereignissen. „Es ist ein seltsames Gefühl für mich, wieder auf der Insel zu sein“, findet der gebürtige Inder, der vor Jahren mit seinem Bruder nach Italien ausgewandert ist. Auf einmal sind die Erinnerungen zurück.

Nach der Havarie hatte er auf Giglio wochenlang ausgeharrt und gehofft, man würde die Leiche endlich bergen. Doch sein Bruder blieb verschollen. Zwei Monate nach der Tragödie verließ Kevin Rebello die Insel – es sollten fast drei Jahre vergehen, bis die sterblichen Überreste des Kellners gefunden wurden. Arbeiter entdeckten sie unter umgekippten Möbeln, als sie das Schiff in Genua abwrackten. Russell Rebello war das letzte geborgene Opfer jener Kreuzfahrt-Katastrophe vom Freitag, 13. Januar 2012.

Deutsche Überlebende: Wie der Untergang der „Titanic“

Auch zwölf Deutsche sind damals gestorben. Die meisten Überlebenden haben ein Schadenersatzangebot über 14.000 Euro pro Person angenommen, berichtet der Marler Anwalt Hans Reinhardt (61), der Dutzende Passagiere vor Gericht vertreten hat. Viele schaffen es nicht, die traumatischen Erlebnissen zu verarbeiten, auch zur Gedenkfeier ist kaum einer gereist. „Es war wie auf der ,Titanic‘“, erinnern sie sich. „Manche sagen, es käme ihnen vor, als sei das gestern gewesen“, so Reinhardt.

Der deutsche Passagier Matthias Hanke (48) schildert in einer neuen Dokumentation des Pay-TV-Senders Sky, wie er sah, dass zwei ältere Frauen in einen Fahrstuhlschacht gesogen wurden. „Da gab’s einen kurzen, heftigen Schrei von einer von den beiden Damen. Und da waren sie weg.“

Der Schuldige: Kapitän Francesco Schettino

Bis heute beschäftigt der Fall die Justiz. Das liegt an dem Mann, der als einziger ins Gefängnis musste: Kapitän Francesco Schettino, mittlerweile 61 Jahre alt. Der unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu 16 Jahren Haft verurteilte Italiener sitzt in Rom seine Strafe ab. 2018 hatte er beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Beschwerde gegen seine Haft eingelegt, eine Entscheidung könnte dieses Jahr fallen.

In der italienischen Zeitung „La Stampa“ meldete sich Schettino unlängst über einen Anwalt zu Wort. Auch er sei ein Opfer, er müsse ständig an jene „verdammte Nacht“ und die 32 Toten denken. Er fühle sich als Sündenbock: „Man wollte einen Schuldigen finden, nicht die Wahrheit.“

Kapitän verließ als einer der Ersten das Schiff

Aus Prestigegründen, oder Angeberei, wollte Schettino mit der „Costa Concordia“ so nah wie möglich an Giglios Felsenküste vorbeifahren, um den Hafen zu „grüßen“. Doch das ging schief. Schettino wurde später vor allem dafür kritisiert, die „Costa Concordia“ als einer der Ersten verlassen zu haben, statt auf dem Schiff zu bleiben und die Evakuierung zu organisieren.

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„Fare lo Schettino“, den Schettino machen, ist heute in Italien ein geflügeltes Wort für Feigheit. Für Kevin Rebello wird es eine emotionale Gedenkfeier auf Giglio werden. Er hat seinen Bruder in Indien bestatten lassen – „als Held“, wie er sagt. Nun wolle er noch einmal das Meer sehen, „in dem mein Russell sein Leben verloren hat“. Er sei lange wütend auf den Kapitän gewesen. Aber Wut bringe ihm seinen Bruder nicht zurück.