Influenza

Grippe: Was für eine schwere Welle spricht – und was dagegen

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Leonhard Eckwert
Die echte Grippe ist eine schwere Atemwegserkrankungen und sollte nicht mit einer Erkältung verwechselt werden.

Die echte Grippe ist eine schwere Atemwegserkrankungen und sollte nicht mit einer Erkältung verwechselt werden.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Grippe-Fälle hat es im vergangenen Jahr kaum gegeben. Es gibt Anzeichen, dass die kommende Influenza-Saison deutlich schwerer wird.

Münster. Der vergangene Winter war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Während in vielen Ländern die Corona-Fallzahlen einen Höhepunkt erreichten, blieb die Grippe-Saison weltweit aus. In Deutschland wurden lediglich 541 Influenza-Fälle nachgewiesen.

Zum Vergleich: In der mittelschweren Saison 2019/2020 hatten die Gesundheitsämter der Bundesländer zirka 187.000 Grippe-Infektionen gemeldet. Doch kommt nach einem Jahr Pause jetzt eine schwere Welle?

Grippe ist eine schwere Krankheit

Die Influenza, auch echte Grippe genannt, wird durch verschiedene Influenza-Viren ausgelöst. Infizierte verteilen die Erreger in Tröpfchen durch Husten oder Niesen. In Innenräumen ist es besonders wahrscheinlich sich anzustecken – wie auch beim Coronavirus Sars-Cov-2. Auch über Oberflächen oder durch Händeschütteln wird die Krankheit weitergeben.

Im Gegensatz zu einer Erkältung ist die Grippe eine schwerwiegende Erkrankung, die weltweit für Hunderttausende Tote pro Jahr verantwortlich ist. In Deutschland breitet sie sich normalerweise ab dem Spätherbst aus. Ihren Höhepunkt erreicht die Grippewelle zwischen Januar und März.

Grippe: Das ist der aktuelle Stand

Unser Grippe-Monitor zeigt 36 gemeldete Fälle für die 42. Kalenderwoche. Das sind etwas mehr Meldungen als im Vorjahr. Im Vergleich mit früheren Jahren sind die Werte durchschnittlich. Auch andere europäischen Länder haben derzeit keine erhöhten Fallzahlen.

Im Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Instituts heißt es, dass aktuell nur die Rate der akuten Atemwegserkrankungen der Kinder im Alter bis 14 Jahre ungewöhnlich hoch sei. Das liege an dem Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), das besonders Kleinkinder betrifft. Kinderkliniken berichtet momentan, dass sie durch besonders viele an RSV erkrankte Kinder belastet sind.

Ob die diesjährige Influenza-Saison auch zu einem Problem wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. „Derzeit ist es sehr schwer eine Prognose abzugeben, da es gegenläufige Entwicklungen geben könnte,“ sagt André Karch von der Universität Münster. Der Leiter der Klinischen Epidemiologie befasst sich unter anderem mit Prognosestudien zu Infektionskrankheiten.

Was für eine schwere Grippewelle spricht

Der Grund für die hohen RSV-Zahlen der Kinder könnte laut Jakob Maske, dem Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der fehlende Kontakt mit dem Erregen im vergangenen Jahr sein. Die Infekte würden jetzt „nachgeholt“ werden, sagte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Ein ähnliches Phänomen wird bei der Influenza befürchtet.

Viele Menschen konnten auch durch fehlenden Kontakt mit Grippeviren, ihre Immunität nicht erneuern. Die Infektion aktiviert das eigene Immunsystem, das daraufhin Antikörper bildet. Diese helfen dem Körper die Viren zu bekämpfen und eine schweren Krankheitsverlauf zu vermeiden. Durch die fehlenden Immunisierungen könnten die Menschen deshalb dieses Jahr anfälliger gegenüber eines neuen Influenza-Stamms sein, sagt der Epidemiologe Karch. Allerdings sei noch unklar, wie dieser Stamm aussehe. Influenza-Viren mutieren relativ häufig. Deshalb treten in jedem Jahr neue Stränge auf, die sich unterschiedlich gut übertragen und verschieden stark krankmachen.

Entscheidend werden auch die Maßnahmen gegen das Coronavirus seien. Sie haben im vergangenen Jahr das Infektionsgeschehen gebremst. Mit dem von Jens Spahn geplanten Ende der pandemischen Lage könnten viele Maßnahmen entfallen und Influenza-Viren sich wieder besser verbreiten.

Was gegen eine schwere Grippewelle spricht

Die derzeitigen Maßnahmen machen aber eine schwere Grippewelle unwahrscheinlicher, sagt Karch. Dass Masken getragen werden oder Großveranstaltungen nur unter Hygienebedingungen stattfinden, helfe entscheidend bei der Eindämmung. Und es würden auch immer noch weniger Menschen reisen, was eine kommende Grippe-Saison beeinflusse.

Denn Grippe-Viren wandern zwischen der Nord- und Südhalbkugel hin und her. Die Influenza-Saison im Süden dauert in der Regel von Mai bis Oktober. Im Anschluss „fliegt“ der dort dominante Stamm in den nördlichen Erdteil. Doch dieser Weg sei aktuell noch deutlich beschnitten, meint Karch.

Zusätzlich stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im aktuellen Influenzabericht fest, dass auch dieses Jahr auf der südlichen Halbkugel wenig Influenza-Erkrankungen nachgewiesen wurden. Dem Epidemiologen zufolge könnte man deshalb grundsätzlich argumentieren, dass auch in Deutschland höchstens eine milde Saison zu erwarten sei. Allerdings müsse man auch beachten, dass auf der Südhalbkugel Länder wie Neuseeland und Australien in diesem Sommer besonders strenge Maßnahmen hatten. Karch zufolge sei das deshalb nur eine grobe Betrachtung.

Welche Rolle die Grippe-Impfung spielt

Die Impfempfehlung gegen Grippe in Deutschland besteht für Risikogruppen und Menschen, die viel Kontakt mit ihnen haben. Deshalb sei der Effekt innerhalb dieser Gruppen sehr relevant, erklärt Karch. Allerdings habe er einen geringeren Einfluss auf die Gesamtbevölkerung als die Corona-Impfung. Weil diese Impfung für alle Menschen ab zwölf Jahren empfohlen wird, stoppt sie auch die Ausbreitung insgesamt besser.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) Thomas Mertens warnte Anfang Oktober vor zu niedrigen Impfquoten bei Menschen über 60 Jahren. Gemessen an internationalen Empfehlungen seien die Impfquoten von 30 bis 40 Prozent zu niedrig. André Karch hält sich aktuell damit zurück, sich auf eine notwendige Impfquote festzulegen: „Noch wissen wir nicht wie der Influenza-Stamm aussieht und wie der Impfstoff gegen ihn wirkt. Deshalb kann man nicht sagen, wie viel Prozent der über 60-jährigen geimpft seien müssen, um gut durch den Winter zu kommen.“

Sich gegen Grippe zu impfen, sei aber trotzdem sinnvoll: „Zusammenfassend kann man sagen, je höher der Anteil der Geimpften, desto größer der Effekt der Impfung,“ so der Epidemiologe.

Wie es mit der Grippe-Saison weitergeht

In den nächsten Wochen müssen laut Karch noch viele wichtige Informationen erst gesammelt werden. Wenn man aber bis zum Ende des Jahres weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern eine Verbreitung sehen würde, wäre es unwahrscheinlich, dass im März plötzlich die Infektionszahlen zunehmen würden, sagt der Professor von der Universität Münster. Diese und andere relevanten Informationen würden aber derzeit noch fehlen: „Die Lage könnte sich in die eine oder in die andere Richtung bewegen. Deshalb muss man auf alles im Prinzip vorbereitet sein.“ (mit dpa)