Corona-Pandemie

Spanien und Portugal: Corona-Impfung als bürgerliche Pflicht

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Ralph Schulze
Ein Impfzentrum in Lissabon, Portugal.

Ein Impfzentrum in Lissabon, Portugal.

Foto: IMAGO / NurPhoto

Spanien und Portugal haben eine beeindruckende Impfkampagne hingelegt. Was auf der iberischen Halbinsel besser lief als in Deutschland.

Madrid. „Wir befinden uns im Krieg“, sagte Henrique Gouveia e Melo, als er den Job als Chefstratege der portugiesischen Impfkampagne übernahm. Bei seinen öffentlichen Auftritten ließ der frühere Marine-Befehlshaber Portugals keinen Zweifel daran, dass er diese Worte ernst meinte. Der 60-Jährige Spezialist für schwierige Missionen erschien üblicherweise im Tarnanzug und Kampfstiefeln vor den Kameras. Und in dieser Montur inspizierte er auch die Impfstraßen, die generalstabsmäßig durchgeplant und zum Beispiel in Sporthallen installiert waren.

Als sich ihm bei einer dieser Inspektionen im Lissabonner Vorort Odivelas ein paar Impfgegner entgegenstellten und ihn als „Mörder“ beschimpften, legte sich der zackige Impf-Koordinator mit markigen Worten mit den Demonstranten an: „Die Corona-Leugner sind die wahren Mörder“, hielt er ihnen entgegen. Und: Nicht die Impfung töte die Menschen, sondern das Virus. Und wer sich nicht impfen lasse, spiele dem nationalen Feind namens Corona in die Hände.

Diese Töne kamen offenbar im Volk an: Inzwischen haben 85 Prozent (Stand 25.10.) der portugiesischen Bevölkerung den kompletten Impfschutz. Das ist nicht nur die höchste Impfquote Europas, sondern sogar weltweit das beste Impfergebnis. Wenn man bedenkt, dass rund zehn Prozent der Portugiesen unter 12 Jahre alt sind und deswegen mangels zugelassenen Wirkstoffes noch nicht geimpft werden können, dann hat Portugal nur annähernd drei Prozent von impffähigen Personen, die bisher nicht durch den Schuss in den Arm vollständig geschützt worden sind.

Spanien und Portugal: Erfolgreiche Impfkampagnen dank guter Planung

Auch die bürgerfreundliche Planung der Kampagne verhalf vielleicht zum Erfolg, es gab kein Terminchaos: Niemand musste seiner Impfung hinterherlaufen. Alle Bürger wurden, nach Altersgruppen gestaffelt und mit den Senioren beginnend, von den staatlichen Gesundheitsbehörden per Anruf oder SMS kontaktiert und mit einem Terminvorschlag zur Impfung gebeten.

Der Nachbar Spanien hat dies ähnlich zentral organisiert und liegt laut dem internationalen Forscherportal „Our World in Data“ schon bei einer Impfquote von knapp 79 Prozent (Stand 25.10.). Die Spanier besetzen damit hinter Malta und Island Platz vier des Europa-Rankings. Deutschland kommt laut dem Datenportal nur auf 65 Prozent vollständig geimpfter Personen. Auch wenn die wirkliche Zahl nach Schätzung des Robert Koch-Instituts bis zu fünf Prozentpunkte höher liegen könnte. Lesen Sie auch: Corona: Strenge Regeln für Ungeimpfte auch in Deutschland?

Impfchampion Portugal, der zusammen mit Spanien von der Pandemie besonders stark betroffen wurde, fühlt sich dank seines Impfrekords jetzt sogar so gestärkt, dass der Zwang zum Mund-Nasen-Schutz erheblich gelockert wurde. Draußen fiel die Maskenpflicht ganz weg. Und drinnen ist das Tragen von Masken nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Veranstaltungsräumen wie Theater oder Kinos und in Einkaufszentren vorgeschrieben. Aber nicht mehr im Einzelhandel oder in Restaurants.

Woran liegt der Impferfolg auf der iberischen Halbinsel?

Die Sieben-Tage-Inzidenz sank in Portugal laut der Statistik der Johns Hopkins Universität inzwischen auf 52 neue Infektionen pro 100.000 Einwohner, in Spanien sogar auf weniger als 30 neue Ansteckungen (Stand 25.10.). Auch damit stehen die beiden iberischen Staaten, die im Frühsommer als erste EU-Länder von der Delta-Viruswelle erwischt worden waren, sehr viel besser da als die Deutschen.

Warum läuft es mit der Impfung auf der iberischen Halbinsel so viel besser? Gibt es vielleicht im Süden mehr Solidarität, Vertrauen und Verantwortungsgefühl? Auch interessant: Biontech-Studie: Booster-Impfung minimiert Infektionsrisiko

Glaubt man einer Eurobarometer-Umfrage, scheint Letzteres tatsächlich der Fall zu sein. Laut einer Erhebung der EU-Kommission stimmen in beiden Ländern mehr als 80 Prozent der Menschen der Aussage zu: „Jeder sollte gegen Covid-19 geimpft werden. Dies ist eine bürgerliche Pflicht.“ Nirgendwo in der EU ist demzufolge das Vertrauen in die Impfung größer als südlich des Pyrenäengebirges. EU-weit sehen nur 66 Prozent der Menschen die Impfung als Bürgerpflicht an – in Deutschland sind es 67.

Das sagt Christian Drosten zum „iberischen Impfwunder“

Angesichts dieses festen Glaubens an die Wirksamkeit des Covid-Schutzes spielen Impfgegner in Portugal und Spanien lediglich eine geringe Rolle. Es gibt keine großen Demonstrationen von Corona-Leugnern oder Impfverweigerern. Und angesichts der überwältigenden Willigkeit, die Anti-Covid-Spritze zu erhalten, stand in Spanien und Portugal auch nie eine gesetzliche Pflicht zur Debatte. Genauso wenig war es bisher notwendig, den Druck auf Nichtgeimpfte durch weitgehende 3-G-Regeln im öffentlichen Leben zu erhöhen, wie es in Deutschland der Fall ist.

Deutschlands wohl bekanntester Virologe Christan Drosten machte in einem Radiointerview für die große Impfbereitschaft der Iberer noch einen weiteren Grund aus: „Die haben eine schreckliche gesamtgesellschaftliche Erfahrung hinter sich, nämlich viele Tote und einen richtigen Lockdown, wo man nur zum Einkaufen nach draußen durfte. Und auf der Straße patrouillierte das Militär.“ Das habe Deutschland so nicht erlebt.

Portugals Impf-Admiral Gouveia e Melo trat übrigens gerade, nach erfolgreich erfüllter Mission, von seinem Posten zurück. Doch er gab den Portugiesen eine Warnung mit auf den Weg: „Der Krieg ist noch nicht beendet, aber immerhin haben wir die erste Schlacht gewonnen.“